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Wie das Leben in Österreich bei plus 3 Grad sein wird

Während auf der UN-Klimakonferenz in Belém der verbindliche Ausstieg aus fossilen Energien erneut ausblieb, steigen die globalen Emissionen weiter. Was bedeutet die nun wahrscheinliche Erhitzung der Erde um drei Grad für das Leben in Österreich?
Katharina Bittner  •  4. Dezember 2025 Volontärin    Sterne  146
Ein Sommer bei plus drei Grad wird zur Belastungsprobe für Mensch und Umwelt. Ohne massive Begrünung und Klimaschutz drohen Wiens Sommer zur Dauerhitzewelle zu werden. (Foto: shutterstock)
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Wien, Sommer 2050. Kurz nach acht Uhr morgens flimmert der Asphalt bereits wie an einem südspanischen Nachmittag. In den Dachgeschoßen herrschen trotz geschlossener Rollläden 35 Grad. Rettungswagen durchqueren die Inneren Bezirke im Minutentakt. Kreislaufzusammenbrüche, Atemnot und Hitzestress häufen sich. Über den Donauauen liegt der Geruch verbrannter Vegetation nach wochenlanger Dürre. Am Horizont wachsen Gewitterwolken, Meteorologen warnen vor extremem Starkregen, den die Kanalisation kaum mehr bewältigt.

Ein Österreich plus drei Grad führt zu Hitze, Waldbränden, schlechter Luft, neuen Krankheiten, Starkregen und Ernteausfällen. Was wie ein Zukunftsszenario klingt, ist in vielen Teilen der Welt bereits Realität. Doch was bedeuten die Folgen der Erhitzung der Erde um drei Grad für unser Leben in Österreich?

„Alle Regionen Österreichs werden betroffen sein“, sagt Gerhard Herndl vom Department für Funktionelle und Evolutionäre Ökologie an der Universität Wien gegenüber campus a. „Gletscher verschwinden, Permafrost taut auf und die Vegetation wandert nach oben.“ Was heute als typisch alpin gilt, könnte in wenigen Jahrzehnten kaum mehr existieren.

Wien 2050: Vorbote des Südens

Ein typischer Wiener Sommer erinnert bereits an das Klima norditalienischer Städte. 2024 zählte die Wiener Innenstadt bereits 51 Hitzetage und 55 Tropennächte. Steigt die Durchschnittstemperatur weiter, verwandelt sich die Stadt im Sommer in einen dauerhaften Backofen. Denn Österreich erwärmt sich laut dem Zweiten Österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel (AAR2) deutlich stärker als der globale Durchschnitt, sodass eine globale Erwärmung um drei Grad hierzulande zu überdurchschnittlich heißeren Sommern und deutlich intensiveren Hitzewellen führt. „Dachgeschoßwohnungen und höhere Stockwerke sind ohne Klimaanlage schon jetzt kaum bewohnbar“, sagt Herndl. Für das Jahr 2050 zeichnet sich eine dramatische Zuspitzung ab.

Die Alpen verlieren ihren Halt

Während die Städte schwitzen, verliert der Alpenraum seinen Halt. Unter 1.000 bis 1.500 Metern wird kein Schnee mehr fallen. Selbst auf 2.000 Metern bleibt Wintersport nicht mehr verlässlich möglich. Regionen, wie der Ötscher, verlieren ihr winterliches Gesicht dauerhaft. „Möglicherweise weichen Skigebiete künftig zunehmend auf Skihallen aus, wie es sie bereits in arabischen Ländern oder in Norddeutschland gibt“, sagt Herndl. „Skifahren, wie wir es kennen, wird in vielen Regionen nicht mehr möglich sein.“

Die größte Gefahr geht vom auftauenden Permafrost aus. Eis, das bisher Felsen stabilisierte, verschwindet. Berghänge verlieren ihren Halt, die Steinschlaggefahr steigt dadurch stark. Gerölllawinen und Muren bedrohen hochalpine Täler immer häufiger. Gleichzeitig wandert die Baumgrenze nach oben und mit ihr verändert sich das gesamte Landschaftsbild in Richtung Mittelmeerraum. Wärmeliebende Pflanzen verdrängen die alpine Vegetation. Fichten- und Zirbenwälder gehen zurück, stattdessen breiten sich Eichen, Kiefern, Laubbäume und sogar Zypressen aus. „Auch die Tierwelt verändert sich“, sagt der Universitätsprofessor. „Gämse und hochalpine Arten ziehen sich weiter zurück, während neue Tierarten aus dem Mittelmeerraum heimisch werden, darunter sogar Skorpione.“

Besonders gefährdet sind die hoch gelegenen Täler zwischen 2.500 und 3.000 Metern. Dort lösen Schmelzwasser und Starkregen immer häufiger ganze Hangrutschungen aus. „Wo der Permafrost taut, und Starkregen dazukommt, rutschen ganze Hänge ab, und das wird deutlich häufiger passieren“, sagt Herndl. „Das spiegelt sich inzwischen auch in den Schadensstatistiken der Versicherungen wider. Die verzeichnen heute deutlich mehr Ereignisse als vor zwanzig Jahren.“

Wenn Wasser zur Mangelware wird

Das Marchfeld, einst eine der fruchtbarsten Regionen des Landes, leidet zunehmend unter extremer Trockenheit. Die Böden verlieren Feuchtigkeit, Wasser wird zum limitierenden Faktor. Die Landwirtschaft steht vor einem grundlegenden Umbruch. Kulturen wie Mais verlieren an Bedeutung, trockenheits- und hitzeresistente Getreidesorten gewinnen an Fläche.

Die extreme Hitze treibt die Verdunstung an, die Böden trocknen aus. Auf lange Trockenperioden folgen immer häufiger sintflutartige Regenfälle, die kaum mehr versickern. „Nach solcher Hitze kann der Boden das Wasser fast nicht mehr aufnehmen, vielerorts wird Landwirtschaft damit unmöglich“, erklärt der Klimaexperte. Der Anbau muss sich grundlegend ändern. „Man wird Pflanzen brauchen, die Hitze und Trockenheit besser aushalten. Gemüsebau erfordert sehr viel Wasser, Mais wird zunehmend schwierig, dafür könnten hitzeverträgliche Kulturen aus dem Mittelmeerraum künftig Teil der österreichischen Agrarlandschaft werden. Sogar Oliven könnten bei uns wachsen.“

Alltag: Leben im Ausnahmezustand

Der gewohnte Tagesablauf der Menschen wird sich an den Klimawandel anpassen. Das Leben zieht sich in die kühlen Morgenstunden zurück, verstummt zur Mittagszeit und erwacht erst am Abend wieder. Was heute noch südländisch wirkt, wird auch in Österreich normal. Städte passen ihren Takt an die Hitze an, mit längeren Pausen zur Mittagszeit. Siesta statt Geschäftigkeit. Wer trotzdem draußen arbeitet, etwa auf Baustellen, in der Landwirtschaft oder bei Zustelldiensten, trägt mit jedem weiteren Hitzetag ein wachsendes Gesundheitsrisiko. Auch Bewegung im Freien wird im Hochsommer zur Gesundheitsgefahr.

Die Belastung trifft das Gesundheitssystem mit voller Wucht. „Besonders hart trifft die Hitze Kranke und ältere Menschen“, so Herndl. „Das Gesundheitssystem wird sich stark an mehr Kreislaufprobleme anpassen müssen.“ Hitzetote werden zur wiederkehrenden Realität. Gleichzeitig breiten sich neue Krankheiten aus. Wärmeliebende Insekten bringen Krankheiten wie Malaria nach Österreich, die bisher als tropisch galten.

Die Hitze setzt auch die Versorgung unter Druck. Der Wasserverbrauch steigt, während die Grundwasserspiegel sinken. Dazu kommt ein bislang wenig beachteter Effekt. „Das Grundwasser erwärmt sich, was dazu führt, dass nicht nur die Quantität des Grundwassers abnimmt, sondern auch die Qualität,“ erläutert der Klimaexperte. In den Wohnungen wächst der Bedarf an Kühlung, doch Klimaanlagen verschärfen das Problem, weil sie zusätzliche Wärme erzeugen. „Langfristig helfen nur besser isolierte Gebäude und Energie aus erneuerbaren Quellen“, so Herndl.

Wie gute Stadtplanung helfen kann

Die Antwort auf die Hitze liegt im Umbau der Städte. In Tulln, Wien und Lanzenkirchen zeigt sich bereits, wie sich Städte gegen die Hitze wappnen können. Der Nibelungenplatz in Tulln war einst ein Parkplatz für 213 Autos. Nun ist er ein Park mitten im Zentrum, ein Ort der Abkühlung. Auch die Wiener Praterstraße und der Hauptplatz von Lanzenkirchen wurden entsiegelt und begrünt. Wo früher der Verkehr dominierte, spenden nun Bäume Schatten und offene Flächen lassen Regenwasser wieder versickern.

Stadtklimatologe Simon Tschannett fordert ein Umdenken. „Wir müssen die Kaltluft nutzen, die nachts in die Stadt strömt, um Abkühlung zu ermöglichen.“ Dafür dürfe man Frischluftschneisen nicht verbauen. „Kaltluftentstehungsgebiete müssen frei bleiben, sonst verliert die Stadt ihre natürliche nächtliche Klimaanlage.“ In Wien helfen dabei große Grünräume wie der Wienerwald, der Donauraum, der Bisamberg und die Lobau.

Entscheidend unter Tags ist, wie heiß sich eine Stadt anfühlt. „Im Schatten empfinden Menschen Hitze völlig anders als in der Sonne“, sagt Tschannett. Mehr Bäume zählen deshalb zu den wirksamsten Maßnahmen gegen Hitze.

Auch die Architektur muss sich ändern. Engere Gassen beschatten sich gegenseitig, Arkaden schützen vor direkter Sonne, textile Tücher spannen sich wie in Málaga über Straßen und Plätze. „Wir werden uns an Bauweisen aus Regionen anlehnen müssen, in denen dieses Klima längst Realität ist“, erklärt der Stadtklimatologe.

Dass Umgestaltung wirkt, zeigen die neuen Projekte bereits. Doch noch fehlt vielerorts Geld, Tempo und eine verbindliche rechtliche Grundlage. „Stadtklimaanalysen gibt es erst seit wenigen Jahren“, sagt Tschannett. „Jetzt müssen sie konsequent angewendet und zur Selbstverständlichkeit werden.“

Was drei Grad Erhitzung für Österreich bedeuten, zeigt sich längst im Alltag. In den Städten, in den Alpen, auf den Feldern. Vor allem dort, wo Städte umgebaut werden, entsteht Spielraum gegen die Hitze. Doch auch diese Anpassung stößt an ihre Grenzen. Um die Belastungen für Mensch und Umwelt noch eindämmen zu können, bleibt konsequenter Klimaschutz unverzichtbar.


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