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Schreiben statt reden: Warum Telefonieren aus der Mode kommt

Niemand ruft mehr an, alle tippen lieber. Ist das Bequemlichkeit oder hat es tiefere Ursachen?
Emma Sehic  •  16. Dezember 2025 Volontärin    Sterne  188
Die Angst vor direkten Gesprächen wächst, während das Tippen zur Norm wird
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Jeder kennt ihn, den entspannten Filmeabend mit Freundinnen. Irgendwann kommt der Hunger. Doch die eigentliche Herausforderung liegt heute nicht mehr in der Auswahl der Pizza. Sie liegt im Anruf. Wer bestellt? Niemand will telefonieren. Am Ende erledigt das eine App.

Wenn selbst Pizza bestellen schwerfällt

Ein TikTok-Post bringt diese Haltung sarkastisch auf den Punkt: „Lieber sterben, als ohne Mama beim Arzt anrufen.“ Selbst mit Freundinnen und Freunden schreiben Jugendliche lieber. Oft braucht es sogar eine Verabredung dafür, wann ein Anruf passt. Was geht da vor?

Béa Pall, Präsidiummitglied des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie, beobachtet dieses Phänomen seit längerem. Sie sieht vor allem zwei Faktoren als ausschlaggebend. Die Covid-19-Pandemie und den zunehmenden Einfluss sozialer Medien.

Fehlende Übung

„Durch die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie und die Einschränkung sozialer Kontakte haben viele junge Menschen mit erhöhter Angst auf soziale Kontakte reagiert“, sagt Pall. Die Jugend ist eine Phase des Ausprobierens und des Erlernens sozialer Normen. Während der Pandemie fehlte Jugendlichen diese Möglichkeiten. Sie hatten wochenlang kaum direkten Kontakt zu Fremden.

Vor allem der Kontakt mit erwachsenen Gesprächspartnern bereitet Jugendlichen Schwierigkeiten. Diese Erfahrungen hat während der Pandemie oft gefehlt. Wer nicht gelernt hat in Alltagssituationen, wie dem Bestellen einer Pizza direkt zu kommunizieren, dem fällt auch das Telefonieren schwer. Telefonate verlangen eine unmittelbare Reaktion und lassen kaum Zeit zum Überlegen für die Antwort, was für junge Menschen zur Herausforderung werden kann. 

Schreiben statt Sprechen

Ein weiterer Faktor ist der Einfluss sozialer Medien. „Der Konsum von digitalen Messenger-Diensten verstärkt diese Angst noch zusätzlich“, sagt Pall. Junge Menschen kommunizieren heute überwiegend über Chats oder Sprachnachrichten und treten dabei kaum in direkten Kontakt mit ihrem Gegenüber. „Das erzeugt in einer ohnehin vulnerablen Phase noch mehr an Unsicherheit und wird somit vermieden“, so Pall. 

Beim Chatten mit Freundinnen und Freunden bleibt mehr Zeit zum Überlegen. Genau diese verlängerte Bedenkzeit ist ein Grund für die Bevorzugung schriftlicher Kommunikation. Die Angst, etwas Falsches zu sagen oder sich zu blamieren, ist geringer. Müssen Jugendliche dennoch telefonieren, bereiten sie sich bewusst darauf vor. „Digitale Medien erlauben es, direkte Kontakte zu vermeiden, statt sie zu üben, auszuprobieren und zu erlernen“, sagt Pall.

Wann Zurückhaltung problematisch wird

Nicht jede Hemmung ist krankhaft. Der Umgang mit sozialen Kontakten verändert sich in einer Gesellschaft. Problematisch wird es jedoch dort, wo Vermeidung zu einer dauerhaften Einschränkung führt. „Zunehmende Verunsicherungen bis hin zu tatsächlichen Angststörungen und anderen psychischen Krisen können die Folge sein“, sagt Pall. 

Soziale Kompetenzen sind bis zu einem gewissen Grad erlernbar, auch später. Ein gewisses Unbehagen in sozialen Situationen ist dabei kein Anzeichen für ein Problem. Kritisch wird es erst dann, wenn aus Unsicherheit echte Angst wird und soziale Kontakte dauerhaft vermieden werden.


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