Der rote Bühnenvorhang öffnet sich. Die Musik setzt ein. Und mit ihr das altbekannte Kribbeln. Eine Mischung aus Vorfreude, Aufregung und hohen Erwartungen. Denn die Besetzung ist erstklassig und regelmäßigen Musicalbesuchern bekannt. Nienke Latten, die zuletzt die Rolle des „Ich“ in Rebecca verkörperte, übernimmt die Hauptrolle der Maria Theresia. Ihren Gegenspieler stellt Moritz Mausser dar. Besser bekannt als Falco, den er bis 29. Juni dieses Jahres im Rock Me Amadeus-Musical spielte. Ein Musical, das insgesamt eine halbe Millionen Zuschauer besuchten. Ob das Maria Theresia-Musical an diesen Erfolg anknüpfen kann?
Zwar hat es Maria Theresia nicht wie Falco auf Platz eins der amerikanischen Charts geschafft, doch bestieg sie mit nur dreiundzwanzig Jahren den Thron der Habsburgermonarchie. Bis in die Gegenwart kursieren viele Mythen um sie. Als Kaiserin von Österreich von 1740 bis 1780 gilt sie als liebevolle Mutter von sechszehn Kindern und allseits beliebte Herrscherin. Den Titel der Kaiserin erhielt sie allerdings nie. Offiziell war sie Königin von Ungarn, Königin von Böhmen und Erzherzogin Österreichs. Neben der Einführung der Schulpflicht ist die zahlreiche Kinderanzahl Maria Theresias eine der bekanntesten Informationen über sie. Dabei entspricht die Rolle der fürsorglichen Mutter nicht der Realität. Den Leitspruch der Habsburger „Mögen andere Kriege führen, du, glückliches Österreich, heirate“, wandte Maria Theresia gnadenlos bei ihren Töchtern an. Das bekannteste Beispiel ist die Heirat von Marie-Antoinette mit dem französischen König Ludwig XVI. Auch ihre dunkle Seite als Judenhasserin bleibt in den Lobeshymnen unerwähnt. So vertrieb sie die Juden aus Prag.
Kontroverse Verhaltensweisen, die das Musical nur geringfügig thematisiert. Stattdessen verkörpert Maria Theresia vor allem eines: Eine starke, fortschrittliche und moderne Frau, die mit ihrem Gegenspieler Friedrich von Preußen eine tiefe Feindschaft verbindet. So soll Maria Theresia Friedrich die Heirat verweigert und dadurch seinen Hass entfacht haben. Eine unterhaltsame Szene, die nicht der Wahrheit entspricht. Denn eine Hochzeit zwischen Friedrich und Maria Theresia, war historisch gesehen nie geplant. Stattdessen heiratete sie mit achtzehn Jahren Franz Stephan von Lothringen, der die politischen Aufgaben seiner Frau überließ. Mit der Treue nahm er es nicht ernst. Das stellt auch die Szene im Stripclub dar, die nicht dem 18. Jahrhundert entspricht. Vielmehr erinnert sie an die Partyszene des Falco-Musicals. Sowohl durch das Spiel der Darsteller als auch durch die wiederverwendete Falco-Musical-Kulisse der eisernen Käfige.
Der ehemalige Falco-Darsteller Mausser als Maria Theresias Erzfeind passt da gut ins Bild. Den Kampf der beiden Herrscher um Schlesien, das heute in Polen, Deutschland und Tschechien liegt, begleiten viele Sprechgesänge und Rap. Melodienreiche Lieder und Ohrwürmer sind nicht dabei. Dabei hinterlassen die herausfordernden Kriege ihre Spuren bei Maria Theresia. So erzählt der Song „Ist viel jemals genug“ über ihren Schmerz, Zweifel und ihre Ängste. Sie überwindet diese, tritt Friedrich von Preußen persönlich gegenüber und gibt nach drei großen Kriegen Schlesien an ihn ab. Wobei ein persönliches Treffen historisch niemals stattfand, der Verlust von Schlesien schon.
Das Maria Theresia-Musical zeigt die idealistische Seite von Österreichs Herrscherin in modernen, zeitgemäßen Kleidern. Eine Powerfrau, die durch ihren Willen, ihre Umsetzungskraft und ihren Tatendrang Großartiges schafft und der Männerwelt zeigt, wozu Frauen fähig sind. Eine wichtige, inspirierende Botschaft, die auch heute mehr als relevant ist. Allerdings ließe sich diese Botschaft auch durch eine historisch korrektere, weniger moderne und Falco-orientierte Inszenierung vermitteln. Falco lebte im 20. Jahrhundert. Ein modernes Musical ist somit naheliegend. Maria Theresia lebte im 18. Jahrhundert. Anstatt diese ins 21. Jahrhundert zu versetzen, wäre eine stärker historisch orientierte Darstellung angemessener gewesen. Denn die Hoffnung auf eine ans Elisabeth-Musical angelehnte Inszenierung mit unverkennbaren, weltweit bekannten Liedern, erlosch mit dem ersten Wort des Sprechgesangs.
Die bewusste Modernisierung von Musicals ist allerdings kein untypisches Phänomen. Die Produzenten und Regisseure wollen dadurch junges Publikum gewinnen. Eine gute Absicht. Mit gegenteiligem Effekt. Keine Ohrwürmer, dafür Sprechgesang. Keine pompösen Kleider, sondern komfortable Sneaker. Keine damals übliche, sondern die Alltagssprache des 21 Jahrhunderts. Die Modernisierung sorgt im Falle des Maria Theresia-Musicals für mehr Enttäuschung als Begeisterung beim jungen Publikum.
Wir wollen nicht alles modern. Wir wollen uns in die bequemen roten Sitze zurücklehnen und uns auf eine Reise begeben. Eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert. Uns von der damaligen Ausdrucksweise, den Gewändern und dem Flair verzaubern lassen. Die Geschichte nicht in unsere Zeit, sondern in der damaligen Zeit fühlen, hören und sehen können. Wir schätzen das Moderne, doch wir lieben das Vergangene und mit ihr die Geschichte einer führungsstarken, inspirierenden Frau, deren Taten so visionär und zukunftsorientiert waren. Dafür braucht es keine moderne Inszenierung.
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