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Die Felswand in der Halle: Der Reiz des Boulderns

Klettern ohne Seil und ohne Gurt. Bouldern hat sich von einer Nischen- zu einer Trendsportart entwickelt. Aber warum ist es so attraktiv ein paar Meter auf einer Hallenfelswand in die Höhe zu kraxeln und dann abzustürzen? Eine Spurensuche mit Campus a.
Patricia Schock  •  23. Dezember 2025 Volontärin    Sterne  348
Aus dem Alltag klettern: Bouldern gilt für viele als sportliche Meditation. (Foto: Shutterstock)
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Wer in die boulderbar in Wiens 20. Bezirk eintritt, den empfängt eine Geruchsmischung aus Magnesium, warmer Luft und Gummi. Und überall grell beleuchtete Wände mit bunten Griffen.

Ein Mann in schwarzem boulderbar-Shirt versucht einen neuen „Boulder“, fällt auf die Matte, setzt sich frustriert hin und startet einen neuen Versuch.

Der Boom in Zahlen

Als die boulderbar 2012 ihre Türen in der Hannovergasse öffnete, war Bouldern noch eine Nischensportart. „Damals gab es diese Art des Kletterns in der Stadt noch nicht“, sagt Peter Emberger, Geschäftsleiter der boulderbar. Das farbliche Markieren der Routen in urbanen Hallen war neu. Zwei Jahre später, 2014, begann der Trend zu greifen. Bouldern entwickelte sich vom Geheimtipp zu einer Bewegung, die seitdem keinen Abwärtstrend kennt.

Zwar bremste die Corona-Pandemie das Wachstum kurzfristig, doch unmittelbar danach kam der Boom. „2023 war das stärkste Jahr“, so Emberger. Auch 2024 blieb das Niveau stabil. Heute verzeichnet die boulderbar erneut steigende Zahlen, allerdings mit einer neuen Zielgruppe. Durch den Ausbau eigener Kinder- und Familienbereiche strömen vermehrt Familien in die Hallen.

BoulderBar in WienDie boulderbar in Wiens 20.: hier treffen Studierende, Berufstätige und Familien aufeinander. (Foto: Patricia Schock)

Insgesamt verbuchte die boulderbar-Gruppe 2025 rund 42.000 neue Anmeldungen über alle fünf Standorte in Wien und St. Pölten. Während Studierende und erwachsene Einzelsportler weiterhin einen großen Teil des Publikums ausmachen, hat sich deren Wachstum zuletzt leicht abgeschwächt.

Der Grund liegt weniger im schwindenden Interesse als im größeren Angebot: „Es gibt mittlerweile viele Konkurrenzhallen“, erklärt Emberger. Allein in Wien stehen elf Boulderhallen, während Österreich insgesamt 98 Hallen zählt.

Die Eintrittspreise sind stabil geblieben, als Folge des zunehmenden Wettbewerbs. Gleichzeitig setzt Emberger auf langfristige Bindung. Viele Gäste bleiben dem Sport über Jahre treu. Bouldern sei ein „Lebenssport“, vergleichbar mit Surfen oder Laufen. Weniger ein kurzfristiger Fitness-Trend, eher ein Lifestyle.

Trotzdem ist die Fluktuation höher als früher, nicht zuletzt wegen des breiten sportlichen Angebots im urbanen Raum. Im Durchschnitt kehrt ein Drittel aller Neukunden innerhalb von drei Monaten wieder zurück.

Boulder HalleDie boulderbar in Wiens 20.: hier treffen Studierende, Berufstätige und Familien aufeinander. (Foto: Patricia Schock)

Der Reiz des Kletterns ohne Sicherung

Bouldern ist eine Form des Kletterns ohne Seil und Gurt und findet in höchstens 4,5 Metern Höhe statt. Der Begriff stammt vom englischen “boulder”, also Felsblock. Seinen Ursprung fand die Sportart im französischen Fontainebleau, als der deutsche Leistungskletterer Wolfgang Fietz erstmals ohne Halterung an einer Kletterwand entlang hangelte.

Da die Hallen in Europa in den vergangenen zehn Jahren voller geworden sind, fühlen sich die ambitionierten Leistungskletterer gestört, doch der Trend ist nachvollziehbar: Bewegung, Fokus, Geselligkeit und ganzheitliche Gesundheit sind nur drei Argumente, sich eine teure Jahreskarte von circa 700 Euro zuzulegen.

Martin Sedivy ist Diplomwissenschaftler und hat während seines Studiums an der Sporthochschule in Köln das Kletten für sich entdeckt. Er hat vor dem Hype damit begonnen und beobachtet, wie der Sport im vergangenen Jahrzehnt an Beliebtheit gewonnen hat. Er erklärt campus die Gründe für den Boom.

„Klettern und Laufen sind eigentlich die einzigen Sportarten, die der menschliche Körper braucht“, sagt Sedivy. Das Klettern sei eine der ursprünglichsten Bewegungsformen.

 Alle Menschen seien als Kinder geklettert, wo es möglich war: auf Bäume, über Hindernisse, an Treppen und Geländer im Haushalt. In Boulderhallen und am Felsen kommt der tief verankerte Kletterinstinkt zurück.

Es ist ein ganzheitliches Training, da es Kraft, Kraftausdauer, Koordination, Beweglichkeit und Schnelligkeit verbindet. Was fehle, sei das Herz-Kreislauf-Training. „Deshalb ergänzen sich Klettern und Laufen ideal.“ Bouldern birgt kaum Verletzungsgefahr. Die Höhe ist überschaubar. Ein Aufprall auf den Crashpads, den Matten, tut nicht weh.

„Denken in der Wand“: Wenn Sport zur Problemlösung wird

Bouldern fordert neben dem Körper auch den Kopf. Es benötigt Konzentration und Fokus. „Jede Route ist ein Problem, das der Kletterer lösen will. Anders als beim Laufen gibt es keinen linearen Weg von A nach B“, sagt Sedivy. 

„Du stehst vor der Wand und überlegst: Wie komme ich von Griff zu Griff?“, sagt er. „Und dann merkst du, dass der geplante Weg nicht funktioniert.“ Darin liege das Besondere: Anpassungsfähigkeit, spontane Entscheidungsfindung und Selbstreflexion sind permanent gefragt.

Das Selbstvertrauen profitiert immens, argumentiert Sedivy. Mit neuen Herausforderungen, die geschafft werden, kommt neues Selbstbewusstsein.

Außenbereich BoulderBarDer Außenbereich der boulderbar bietet Klettermöglichkeiten sowie einen Sitzbereich. (Foto: Patricia Schock)

Eine Mutter klettert aus dem Alltagsstress

Auch Sonja, seit zehn Jahren begeisterte Boulderin, beschreibt den mentalen Aspekt als entscheidend. Sie geht zweimal pro Woche Bouldern, neben Arbeit und mütterlichen Verpflichtungen. „Nach eineinhalb Stunden Bouldern denke ich nicht mehr daran, was ich noch einkaufen oder kochen muss“, lacht Sonja. „Es ist wie Meditation.“

Sonja verweist auch auf den niedrigen Aufwand: „Schuhe in den Rucksack, ab in die Halle, ein bis zwei Stunden Bewegung. Ohne lange Vorbereitung, warm up oder fixe Trainingspläne.“ Für Neueinsteiger sei der Sport besonders motivierend, da keine Fähigkeiten gefragt sind und sich Erfolge schnell einstellen.

Eltern betonen den Familienfaktor in Boulderhallen. Sonjas Tochter ist bereits als Kleinkind mitgegangen und hat großen Spaß am Klettern gefunden. In den Ferien kombinieren sie Familienurlaub mit wandern und klettern. Andere Sportarten seien nicht so familientauglich.

Sehen und gesehen werden

Nicht zuletzt durch Instagram gewinnt das ungesicherte Klettern zusätzliche Aufmerksamkeit. Während viele Mittzwanziger dem Hyrox– und Triathlon-Trend folgen, befinden sich andere im Boulder-Algorithmus, der den Hype verstärkt und die Hallen füllt.

Sonja beobachtet, wie Boulderhallen zunehmend Treffpunkte werden. „Viele sitzen lange auf der Matte und quatschen. Das gehört dazu, aber der sportliche Ehrgeiz geht verloren“, sagt sie. Für sehr sportlich orientierte Boulderer könne das Tratschen deplatziert sein, schließlich gäbe es in jeder Halle ein Café. In manchen Hallen hätte es einen ‚Sehen und gesehen werden‘-Charme.

Vereinsgeführte Hallen, etwa vom Alpenverein oder den Naturfreunden, empfindet Sonja oft ruhiger und sportfokussierter. Die hohe Nachfrage ermögliche auch die steigenden Preise und den Bau neuer Hallen. 

Stetige Abwechslung und Langzeit-Motivation

Sonja muss in ihrem Beruf bei der Post schwer heben und ist auf eine starke Rückenmuskulatur angewiesen. Dank des Boulderns konnte sie ihre Kraft im Rücken intensivieren. Mit der Zeit und der Erfahrung wurde sie stärker, gesünder und hat stetig neue Fähigkeiten gelernt. Damit ging der Spaßfaktor nicht verloren. „Du kletterst nie monatelang dieselbe Route. Die Steine werden regelmäßig neu gesetzt.“


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