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Trolle und KI-Accounts: Fremde Einmischungen in Europa wächst

Gefälschte Profile, „Rage-Bait“-Kommentare und täuschend echte Deepfakes. Soziale Medien werden zunehmend zur Bühne geopolitischer Einflussnahme. Was wie freie Meinungsäußerung wirkt, ist oft nicht mehr authentisch. Auch Österreich rückt dabei in den Fokus. Internationale Desinformationskampagnen zeigen, wie verletzlich öffentliche Diskussionen sind und wer wirklich die Fäden zieht.
Joscha Düll  •  2. Januar 2026 Volontär    Sterne  56
Der Krieg hat längst begonnen: Russische Expertenteams unterwandern Europas Informationskanäle systematisch (Foto: Shutterstock)
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Soziale Medien sind heute einer der wichtigsten Orte, an denen politische Meinungen entstehen und sich verbreiten. Genau dort geraten europäische Demokratien zunehmend unter Druck. Berichte von EU-Institutionen und unabhängigen Expert:innen zeigen, dass ausländische Akteure gezielt versuchen, den digitalen Raum zu beeinflussen. Ihr Ziel: Desinformation verbreiten, Konflikte verstärken und politische Debatten in radikalere Richtungen lenken. Zum Einsatz kommen dabei Fake-Profile, Troll-Accounts, und immer häufiger auch KI-generierte Inhalte. Dieses Problem betrifft nicht nur einzelne Staaten, sondern die gesamte EU, Österreich eingeschlossen.

Wie Einfluss genommen wird: Troll-Accounts und KI

Diese Trolls sind keine Einzelerscheinungen, sondern Teil koordinierter Netzwerke. Sie posten, kommentieren und teilen gezielt Inhalte, um Diskussionen anzuheizen oder bestimmte Narrative zu verstärken. In mehreren Berichten werden solche Aktivitäten mit staatlichen Strukturen in Verbindung gebracht. Genannt werden etwa das sogenannte Pravda-Netzwerk oder Kampagnen wie „Doppelgänger“. Diese operieren in verschiedenen europäischen Sprachen und nutzen gezielt die Mechanismen sozialer Plattformen, um möglichst viel Reichweite zu erzielen.

Mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz haben sich diese Möglichkeiten nochmals erweitert. KI-generierte Profile, automatisch erstellte Texte oder manipulierte Bilder und Videos wirken oft erstaunlich glaubwürdig. Deepfakes oder massenhaft erzeugte Beiträge lassen sich für Nutzer:innen kaum von echten Inhalten unterscheiden. Der Bericht des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EEAS) zu „Foreign Information Manipulation and Interference“ aus dem Jahr 2025 dokumentiert einen deutlichen Anstieg solcher Aktivitäten. Insbesondere im Umfeld von Wahlen und internationalen Krisen. Plattformen wie TikTok, X oder Facebook spielen dabei eine zentrale Rolle, da KI-gestützte Kampagnen dort gezielt verstärkt werden.

Der Blick auf Österreich

Auch Österreich ist von diesen Entwicklungen betroffen. Als neutrales Land mit historischen Verbindungen nach Osteuropa gilt es als besonders anfällig. Im März 2025 deckte die österreichische Sicherheitsbehörde DSN eine Desinformationskampagne auf, die darauf abzielte, negative Bilder der Ukraine zu verbreiten und pro-russische Stimmungen im deutschsprachigen Raum zu fördern. Die Kampagne beschränkte sich nicht auf das Internet, sondern umfasste auch physische Aktionen wie Graffiti und Sticker im öffentlichen Raum.

Expert:innen sehen Österreich zudem aufgrund seiner Rolle als internationaler Standort, etwa als Sitz zahlreicher Organisationen und diplomatischer Vertretungen, als potenziellen Knotenpunkt für solche Einflussversuche. Gleichzeitig warnen Analysen davor, dass koordinierte Online-Kampagnen bestehende Spannungen verstärken, etwa bei Themen wie Migration oder Energiepolitik, und damit populistische Narrative weiter anheizen.

Zwischen Schutz und Freiheit

Die Bekämpfung von Desinformation bringt ein grundlegendes Dilemma mit sich: Wie lassen sich manipulative Inhalte eindämmen, ohne die Meinungsfreiheit zu gefährden? Der Digital Services Act (DSA) der EU verpflichtet große Plattformen dazu, Risiken zu analysieren und Maßnahmen gegen systematische Desinformation zu setzen. Eine direkte Zensur legaler Inhalte ist dabei jedoch nicht vorgesehen. Ergänzend setzt der erweiterte Code of Practice on Disinformation auf mehr Transparenz, Faktenchecks und Kooperation mit unabhängigen Stellen.

Kritiker:innen warnen dennoch vor einer möglichen Überregulierung. Algorithmen und automatisierte Moderation können Fehler machen, und eine zu strenge Handhabung könnte das Vertrauen in offene Debatten weiter untergraben. Fachleute plädieren daher für einen ausgewogenen Ansatz: technische Lösungen, unabhängige Kontrolle und vor allem die Stärkung von Medienkompetenz in der Bevölkerung.

Ausländische Einflussnahme durch Troll- und KI-Accounts bleibt eine dauerhafte Herausforderung für Europas Informationsraum. Die offene Frage lautet, wie Demokratien darauf reagieren können, ohne ihre eigenen Grundwerte zu beschädigen. Sind Regulierungen, Technologie oder Bildung der wirksamste Hebel? Oder eine Kombination aus allem? Die Wahl dessen wird darüber entscheiden, wie widerstandsfähig die europäischen Demokratien in Zukunft sein werden.


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