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Der schrecklichste Krieg: Wer warum gegen wen im Sudan kämpft

Der schrecklichte aller Kriege tobt derzeit im Sudan, aber nur wenige schauen hin. Niemand kennt sich so genau aus, wer gegen wen kämpft und warum. Das ist neben den mangelnden geopolitischen Interessen der Supermächte einer der Gründe, warum Gemetzle und Genozid in dem afrikanischen Land immer weitergehen. Versuch einer einfachen Erklärung.
Lara Asmus  •  5. Januar 2026 Volontärin    Sterne  100
Niemand schaut hin, niemand kennt sich aus: Hilferufe wie hier in der Londoner Downing Street im Jahr 2021 bleiben seit Jahren ungehört.
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Der Sudan ist seit 1956 unabhängig und hat rund 49 Millionen Einwohner. Nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg spaltete sich 2011 der Südsudan als eigener Staat ab. Der heutige Sudan ist mit etwa 1,9 Millionen Quadratkilometern eines der größten Länder Afrikas und reich an Rohstoffen wie Gold, Öl und landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

Wie der aktuelle Bürgerkrieg begann

Nach dem Sturz von Diktator Omar al-Bashir im Jahr 2018 übernahm zunächst eine militärisch-zivile Übergangsregierung die Führung des Landes. Doch 2021 stürzten die sudanesische Armee und die Rapid Support Forces die Regierung mit einem Coup. Die heutigen Kriegsparteien waren damals noch Verbündete. In weiterer Folge scheiterte der demokratische Übergang im Sudan.

Trotzdem, so betont Roman Deckert, langjähriger Sudanexperte und Sprecher für die Berliner gemeinnützigen Organisation Media in Cooperation and Transition, sei die Geschichte des Landes „auch die Geschichte einer starken Zivilgesellschaft, die immer wieder vom Militär unterdrückt wurde“.

An der Spitze der gewaltsamen Machtübernahme von 2021 standen zwei Männer, die heute im Zentrum des Konflikts stehen: Armeechef Abdel Fattah al-Burhan von den Sudanese Armed Forces und sein Stellvertreter Mohamed Hamdan Dagalo, bekannt als Hemedti, Anführer der Rapid Support Forces.

Die Herren des Krieges

Abdel Fattah al-Burhan ist der Oberbefehlshaber der sudanesischen Armee, der SAF, und de-facto Machthaber des Landes. Er machte Karriere innerhalb des Militärs unter dem langjährigen Diktator Omar al-Bashir. Al-Burhan präsentiert sich nach außen als Garant staatlicher Ordnung, steht jedoch für die Fortsetzung militärischer Herrschaft und die Blockade eines demokratischen Übergangs.

Mohamed Hamdan Dagalo, bekannt als Hemedti, ist der Anführer der Rapid Support Forces, RSF, einer mächtigen paramilitärischen Miliz. Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti, stammt aus einfachen Verhältnissen und wuchs in der arabischsprachigen Rizeigat-Gemeinschaft in Darfur auf.

Nach dem frühen Schulabbruch verdiente er sein Geld zunächst als Kamelhändler. In dem unter Al-Bashir vernachlässigten und von Gewalt geprägten Darfur schloss er sich später arabischen Milizen an, der Ursprung seines Aufstiegs zum mächtigen Milizenführer.

Wer kämpft gegen wen?

Das 2021 geschmiedete Bündnis zwischen Abdel Fattah al-Burhan und Mohamed Hamdan Dagalo zerbrach im Jahr 2023. Grund: Sie waren sich über den weiteren Kurs des Landes und den Übergang zu einer zivilen Herrschaft nicht einig. Nun kämpfen die SAF und RSF um Einfluss und Vorherrschaft in verschiedenen Teilen des Landes.

Die RSF entstand 2013 aus der berüchtigten Janjaweed-Miliz, die im Darfur-Konflikt wegen Völkermords und ethnischer Säuberungen an der schwarzen, afrikanischen, nicht-arabischen Bevölkerung angeklagt wurde. Der Darfur-Konflikt war ein eigener Bürgerkrieg im Westen Sudans, der vor allem zwischen 2003 und 2008 eskalierte.

Verurteilung eines Kriegsverbrechers

Anfang Dezember 2025 verurteilte der Internationale Strafgerichtshof den führenden Milizen-Kommandanten, Ali Abd-Al-Rahman, zu 20-jähriger Haft für die Verbrechen in Darfur im Jahre 2003. Trotzdem setzt sich die Gewalt im Sudan heute nahezu ungebremst fort mit Millionen Vertriebenen und kaum Aussicht auf Gerechtigkeit für die meisten Opfer.

Der historische Hintergrund

Gibt es einen geschichtlichen Hintergrund für die Gewalt im Land, wollen wir von Deckert wissen? „Der andauernde Krieg im Sudan rührt vom Scheitern der machthabenden Eliten. Das Land ist historisch gespalten aufgrund der britischen Kolonialzeit, während der die Hauptstadt Khartum die Randgebiete des Landes ausbeutete“, sagt Deckert.

Machtergreifungen durch Milizen seien im Sudan immer wieder erfolgt, was zu einer stark militarisierten Politik geführt habe. Deckert fasst die Situation so zusammen: „Der Sudan ist kein Staat mit einer Armee, sondern eine Armee die einen Staat hat.“

Wer herrscht wo?

Die sudanesische Armee (SAF) kontrolliert vor allem den Norden und Osten, mit Port Sudan als neuem Regierungssitz und militärischem Hauptquartier, nachdem Khartum weitgehend umkämpft oder zerstört wurde.

Die RSF hält ihre Hochburgen im Westen, insbesondere in Darfur, sowie zeitweise große Teile von Khartum. Keiner der beiden Akteure beherrscht den gesamten Sudan, große Regionen bleiben umkämpft oder unter Kontrolle lokaler Milizen.

Warum die Gewalt eskaliert

„So einfach lässt sich die Gewalt im Sudan nicht erklären“, sagt dazu Khristopher Carlsson, Sudanforscher für Small Arms Survey, einer gemeinnützigen Organisation mit Sitz in Genf.

„Ein weiteres Problem liegt in der Eskalation lokaler Spannungen durch den ständigen Zustrom von Waffen. Historische Feindschaften, anhaltende Konflikte und die ständige Suche nach Vergeltung führen nur zu verhandelten Pausen, während die Kontrolle über lokale Akteure fehlt.“

Die Ziele der RSF

„Ziel der RSF ist es nicht, einen Staat zu etablieren. Man kann auch nicht von der RSF sprechen, da Hemedti und seine Generäle nur wenig Kontrolle über die verschiedenen Milizen haben“, sagt Carlsson. Jede Gruppierung aber auch jedes Individuum habe ihre eigenen Gründe für die Teilnahme an der Gewalt.

„Die RSF muss wachsen, um zu überleben. Dabei kommt es häufig zu Plünderungen, zur Vertreibung von Zivilisten und zur Ausbeutung lokaler Ressourcen“, so Carlsson.

Ein regionaler Stellvertreterkrieg

Neben der lokalen Ebene findet der Krieg auch auf internationaler Ebene statt. „Die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar ringen im Stellvertreterkrieg im Sudan um ökonomische Kontrolle in Mittleren Osten“, sagt Carlsson.

Die RSF wird vor allem von den Vereinigten Arabischen Emiraten, kurz VAE, machtpolitisch und finanziell unterstützt. Zudem bestehen militärische Verbindungen zu Kräften in Libyen sowie grenzüberschreitende Netzwerke nach Tschad. Die sudanesische Armee erhält strategische Rückendeckung aus Ägypten, diplomatische Unterstützung aus Katar und militärtechnische Hilfe aus dem Iran.

Krieg um Rohstoffe

Carlsson sagt: „Das Netzwerk der RSF erstreckt sich weit über die eigenen Grenzen: Geld, Gold, Öl, landwirtschaftliche Produkte und andere Güter fließen in viele Richtungen, oftmals zurück nach Darfur, wo sie wiederverkauft oder weiterverwendet werden.“ Die RSF sei unabhängig von einer funktionierenden Marktwirtschaft.

So versiegten beispielsweise die Exporte an landwirtschaftlichen Gütern durch die RSF an die VAE nie. Gleichermaßen verhält es sich mit Gold, das vom sudanesischen Militär nach Katar gelangt.

Sudan-Analyst Deckert sagt dazu: „Der Schutz der Zivilbevölkerung spielt keine Rolle für beide Konfliktparteien.“ Neuerdings sei eine Einigung über eine Öl-Pipeline an der Grenze zu Südsudan zwischen den Konfliktparteien erfolgt. Die SAF und RSF fanden eine schnelle Lösung und arbeiteten sogar mit der südsudanesischen Armee zusammen.

Österreich und die VAE

„Das österreichische Außenministerium ging 2021 eine strategische Partnerschaft mit den Vereinigten Arabischen Emiraten ein, ein Bündnis, das man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte“, sagt Deckert.

Laut der Website des österreichischen Bundesministeriums exportierte Österreich 2024 Waffen im Wert von 800 Millionen Euro in die VAE. Zudem mache Österreich viele Direktinvestitionen in den VAE.

Deckert ordnet diese Zusammenarbeit so ein: „Europäische Waffen im Sudan sind zwar nicht kriegsentscheidend, dafür aber sinnbildlich für die Doppelmoral europäischer Staaten.“

Größte humanitäre Katastrophe 

Laut einem Bericht der Vereinten Nationen haben sowohl die SAF als auch RSF schwere Angriffe auf Zivilisten verübt, darunter Luftangriffe, Artilleriebeschuss und willkürliche Festnahmen. Die RSF und verbündete Milizen begingen zudem sexuelle Gewalt, Entführungen, Zwangsrekrutierung von Kindern und gezielte Angriffe auf ethnische Gruppen wie die muslimischen, schwarzafrikanischen Masalit.

Das Massaker in El-Fashir im Jahr 2025 ist ein Beispiel dafür. Die Bluttat sei mit Ansage der RSF geschehen, sagt Deckert. Im Falle einer Eroberung durch die RSF sei das Leid der Zivilbevölkerung programmiert gewesen. Das besondere an diesen Kriegsverbrechen seien das viele Bild- und Videomaterial sowie die Satellitenbilder, die den blutgetränkten Boden zeigten.

Der Konflikt führt zu massivem Leid: Laut eines Berichts der Vereinten Nationen sind über 10,7 Millionen Menschen innerhalb Sudans vertrieben, 2,1 Millionen ins Ausland geflohen, und weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung leidet Hunger.

Warum kaum Frieden in Sicht ist

Carlsson sagt: „Mit der Menge an Waffen, die im Sudan zirkulieren dürfte, könnte es noch viele Jahre bis zu einem dauerhaften Frieden dauern.“

Ein Lösungsansatz, den die Organisation Small Arms Survey, der Carlsson angehört, aktuell verfolgt, ist, lokale Waffengesetze zu beobachten. Also wo halten sich RSF-Kämpfer auf, wer darf wo Waffen tragen. Zudem gibt es lokale Plätze auf denen Waffenverbot herrscht.

Diese lokalen Regelungen kann der Sudan und seine diplomatischen Partner nutzen, um auf größerer Ebene das Land zu entmilitarisieren. Immer wieder verhandeln lokale Autoritäten wie Stammesführer über die Nutzung von Waffen.

Auf internationaler Ebene sagt Deckert, seien die Vereinigten Arabischen Emirate darum bemüht, ihr Bild als modernes, futuristisches Urlaubsparadies zu schützen. Negative internationale Berichterstattung könne daher den Druck für Friedensverhandlungen erhöhen.


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