In China erregt ein neuer Dating-Trend Aufsehen. Junge Frauen finden in Cosplay-Dates etwas, dass ihnen reale Beziehungen nicht mehr bieten. Hinter den Treffen verbergen sich Fragen nach Nähe und emotionaler Sicherheit in einer Gesellschaft im Wandel.
Cosplay ist ein Rollenspiel, bei dem fiktive Figuren aus japanischen Comics, Zeichentrickserien und Videospielen detailgetreu dargestellt werden. Die Cosplayerinnen übernehmen Aussehen, Auftreten, Stimme und Verhalten der idealisierten männlichen Charaktere. Sie sind höflich, aufmerksam und emotional verfügbar. Gegen Bezahlung bieten die Cosplayerinnen in ihrem Kostüm Dates an. Je nach Dauer und Aufwand verlangen sie dafür umgerechnet zwischen 25 und 120 Euro pro Tag.
Was bringt junge Frauen dazu, Geld für diese besondere Art der Treffen zu zahlen? Diese Beziehungen entstehen nicht etwa zufällig. Sie bieten etwas, das viele Frauen in der klassischen Partnersuche fehlt: Wertschätzung, Verständnis und Verlässlichkeit. Cosplayerinnen gelten als emotional zugänglicher. “Sie werden als zugewandter beschrieben, nicht so distanziert wie Männer “, erklärt die Psychaterin Sigrun Roßmanith.
Entscheidend ist die Kontrolle: Zeit, Raum und Klima der Treffen lassen sich steuern. “Wenn man sich eine Cosplayerin nimmt, bleibt man selber der Chef im Ring”, so Roßmanith. Dieses kontrollierte Umfeld ist gerade auch wichtig für Frauen, die in vorherigen Beziehungen mit Männern Gewalt- oder andere traumatisierende Erfahrungen gemacht haben.
Gleichzeitig spielt die Fantasie eine Rolle. “Einen Flair von fantastisch”, nennt die Expertin diesen Reiz, jemanden aus seiner lieblings- magischen Welt zu treffen. Die Frauen entscheiden welchen der vielen Charaktäre aus Mangas oder Animes sie treffen wollen. Dabei kommt es häufig zu Projektionen. “Sie übertragen die eigene Wunschvorstellung auf ihr Gegenüber”, beschreibt Roßmanith dieses Phänomen. „Verliebtheit richtet sich weniger auf eine reale Person als auf ein Ideal. Im Grunde ist man in die eigene Fantasie verliebt.”
Die Expertin warnt jedoch davor, dieses Verhalten vorschnell zu pathologisieren. “Das kann eine kulturabhängige Normvariante sein”, betont sie. In China herrschen starre Rollenbilder und ein hoher sozialer Druck lastet auf den jungen Menschen. Emotionen gelten als kontrollbedürftig. Cosplay-Beziehungen erlauben im Gegensatz dazu einen spielerischen Umgang mit Emotionen. Nähe wird möglich, ohne sich klassischen Erwartungen anpassen zu müssen.
Problematisch wird es laut der Psychaterin erst bei der Auschließlichkeit. Der pathologische Anteil beginnt, wenn jemand sich nur noch Cosplayerinnen zuwendet und eine reale Beziehung unmöglich wird. Fantasie ersetzt dann die Wirklichkeit. „Wenn der Realitätsbezug verloren geht, kann das im Extremfall in einer anhaltenden wahnhaften Störung enden.”
Trotz der kulturellen Unterschiede setzten sich die japanischen Unterhaltungsformate auch bei uns zunehmend durch. Jeder vierte Österreicher schaut Animes und die deutsche Nachrichtensendung Tagesschau recherchierte, dass zwei von drei verkauften Comics in Deutschland Mangas sind. Könnte der Trend also auch bei uns Fuß fassen? Roßmanith schließt dies nicht aus: „Diese Entwicklung könnte auch nach Europa herüberflattern. “
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