Wien im Jänner 1946. Hagere Gestalten suchen in Bombentrichtern nach Brennholz. Zum Schutz vor der Kälte tragen sie Lumpen in dicken Schichten um die Füße gewickelt. Stiefel waren in Ermangelung des für die Kriegswirtschaft benötigten Leders eine Seltenheit. Erst mit dem Wohlstand der 60er und 70er Jahre sollte Leder in die zivilen Mode zurückkehren. Davon noch lange keine Spur. Der Zweite Weltkrieg war vorbei, doch für die Hinterbliebenen mündete der Frieden in einem weiteren Überlebenskampf.
Bis Kriegsende hielt der NS-Staat die Lebensmittelversorgung, besonders durch die Plünderung besetzter Gebiete, einigermaßen aufrecht. Mit dem Niedergang „Großdeutschlands“ kam der Hunger. Wien war zu 80 Prozent von ausländischen Lebensmittelzuschüssen abhängig und galt als hungrigste Großstadt Europas. Rund 70 Prozent der Kinder waren unterernährt. Teils mussten Normalverbraucher mit 700 bis 950 Kalorien pro Tag überleben. Lichtblicke waren die Hilfspakete der Organisation CARE. Kommenden Juli 2026 jährt sich das Eintreffen der ersten CARE-Pakete am Wiener-Franz-Josefs-Bahnhof zum 80. Mal. Bis 1955 erreichten rund eine Million Pakete Österreich.
Noch im November 1945 gründeten 22 amerikanische Wohlfahrtsverbände die Cooperative for American Remittances to Europe, kurz CARE. Das Akronym bedeutet auf Deutsch „Fürsorge“ oder „Obhut“. Anfangs enthielten die Pakete überschüssige Rationen der US-Armee. Für zehn Dollar konnten US-Bürger Pakete an eine „geliebte Person in Europa“, meist entfernte Familienmitglieder, schicken.
Eine genaue Adresse war verpflichtend, doch allmählich lockerten sich die Vorschriften. Menschen adressierten Pakete an „einen Lehrer“ oder „eine hungrige Person in Europa“, ehe CARE beschloss, seine Hilfsmaßnahmen offiziell auf nicht zweckgebundene Spenden auszuweiten. Die Hilfslieferungen kamen vom Krieg verwüsteten Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland oder Österreich zugute. 1948 gingen die ersten Pakete nach Japan, gefolgt von China und Korea und den ersten Hilfsprogrammen in Entwicklungsländern wie den Philippinen. Schon nach wenigen Jahren expandierte CARE zu einer der heute noch größten privaten Hilfsorganisationen weltweit, mit Programmen in rund 121 Ländern.
Der im Juni 1941 geborenen Zeitzeugin Renate Sainitzer war Mangel trotz der schwierigen Verhältnisse kein Begriff. „Wir waren Kriegskinder. Wir kannten es nicht anderes“, sagt sie. „Von Mangel wussten nur die, die die Zeit davor erlebten.“ Umso außerweltlicher erschienen die Zusendungen von CARE. Sainitzers Schule in der amerikanischen Besatzungszone, die einstige Volksschule für Mädchen in der Leitermayergasse 47, erhielt etwa zwei Mal jährlich, im Sommer und Winter, Pakete.
Neben Lebensmittelkonserven, Fett, Zucker, Mehl, Seife oder gar Schokolade, befanden sich auch Dinge in den Paketen, die den Schülerinnen völlig unbekannt waren, etwa Fertigsuppenmischungen zum Einrühren in Wasser. Aus anderen Schulen sind Pakete mit Zahnputzpulver oder mit Schreibzeug und Papier bekannt. „Kam ein Paket an, war es für uns jedes Mal ein Ereignis wie Weihnachten“, erinnert sich Sainitzer. „Vorne am Pult, damals hieß es noch Katheder, lag das Paket. Dahinter stand unsere Lehrerin, rief jede Schülerin der Klasse auf und verteilte die Spenden.“
Neben CARE hatte Renate Sainitzer noch andere Berührungspunkte mit Auslandshilfen. Für ein gesundes Wachstum stellten die amerikanischen Besatzer jedem Kind ihrer Schule pro Tag einen Löffel Lebertran zur Verfügung. (Foto: Robert Gafgo)
Am lebhaftesten blieben der heute 84-Jährigen die Kleiderspenden in Erinnerung. „Im Winter bekamen wir warme Kleidung aus Skandinavien. Ich denke heute noch an meinen wunderschönen, grünen Pullover“, sagt sie. Die Lehrerinnen schienen zu wissen, wer ihrer Schützlinge was benötigte und achteten auf eine gerechte Verteilung. Lebensmittel gingen primär an Unterernährte. Sainitzer gehörte nicht zu ihnen. Mit ihren Großeltern lebte sie in Währing. Eine Tante nahm regelmäßig die weite Reise zu Verwandten ins Burgenland auf sich, um die Wiener Familie mit Lebensmitteln zu versorgen.
Armut war überall. Der Schwarzmarkt florierte. Viele tauschten die letzten Familienschätze gegen Essbares. Im Stadtpark bauten Menschen Kartoffeln an. Den kleinen Luxus brachte der im Garten angepflanzte Tabak. „Wir mussten uns irgendwie durchwurschteln“, sagt Sainitzer. „Manche überlebten das nicht.“ Doch die Hilfe von außerhalb verhinderte Schlimmeres und bewahrte Tausende vor dem Hungertod.
Zum Symbol der Auslandshilfe wurden vor allem die CARE-Pakete und ab 1948 die US-Wirtschaftsförderung des Marshallplans. Weniger bekannt sind andere Maßnahmen, wie die Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen, kurz UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration). Sie entstand 1943 auf Initiative der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens und Chinas.
Die UNRRA lieferte Tonnen von Nahrung, Saatgut, Medikamenten, Kleidung, Landmaschinen, Vieh und Dünger an Staaten in und außerhalb Europas. Als eines der am schwersten verwüsteten Länder erhielt Polen für 478 Millionen Dollar 2,3 Millionen Tonnen Hilfsgüter, eines der größten Aufbauprogramme für einen einzelnen europäischen Staat. Zusätzlich spendete die UNRRA in eigenen Lagern Obdach für Millionen von Vertriebenen, ehemaligen Zwangsarbeitern, KZ-Opfern, Kriegsgefangenen und unbegleiteten Kindern.
Hilfe musste nicht von weltgeschichtlicher Bedeutung sein. Selbst kleine Gesten der Menschlichkeit hatten, obwohl sich heute kaum jemand an sie erinnert, zum Zeitpunkt ihres Geschehens Gewicht. Renate Sainitzer denkt immer noch mit leuchtenden Augen an das Weihnachtsfest für die Wiener Kinder. „Über mehrere Tage veranstalteten die Soldaten der Alliierten in der Wiener Hofburg für uns Kinder ein Weihnachtsfest.“
Die Hofburg war, wie der gesamte erste Bezirk, unter der geteilten Verwaltung der vier Siegermächte, der Sowjetunion, den USA, Großbritannien und Frankreich. „Es war eine riesige Feier mit einem imposanten Christbaum. Besonders beeindruckt haben mich die Russen mit ihrem Kosakentanz. In tiefer Hocke tanzten sie knapp über dem Boden um den Baum“, erzählt Sainitzer. „Zum Ende bekamen wir alle jeweils drei 2-Schilling-Münzen aus Aluminium. Damit leistete ich die Anzahlung für einen lange gewünschten Wellensittich.“
Die fremde Normalität des Friedens stellte sich für das einstige Kriegskind nur schrittweise ein. Der Krieg endete nicht mit der Befreiung Wiens, er ebbte über Jahre ab. Spuren der Gefahr blieben gespeichert. Nazis, das waren für sie lange Zeit weniger Ideologien als Bilder aus der Kinderperspektive. Hohen Schaftstiefel aus Leder, graue Uniformhosen und in Gürtelschnallen gestanzte Hakenkreuze. „Dieses Bild habe ich vergessen geglaubt“, sagt Sainitzer. „Bis Lederstiefel in den 60er- und 70er-Jahren zu Modeartikeln wurden. Daran musste ich mich erst gewöhnen.“
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