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Die Schattenseiten des Reality-TV

Frauen Alkohol ins Gesicht schütten, Demütigungen als Anekdoten, sexuelle Doppelmoral als Normalzustand. In Reality-TV-Shows zählt das zum Geschäftsmodell. Was für die einen bloße „Trash-Unterhaltung“ ist, offenbart für andere ein strukturelles Problem. Denn die Inszenierung von Machtmissbrauch und Frauenverachtung bringt Einschaltquoten.
Sophie-Leonie Foidl-Widhalm  •  10. Januar 2026 Volontärin    Sterne  168
Foto: Pexels
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Reality-TV lebt von Eskalation. Je größer die Grenzüberschreitung, desto höher die Aufmerksamkeit. So funktioniert die Logik vieler Formate. Doch wenn Demütigung, Sexismus und männliche Machtfantasien zur Unterhaltung werden, stellt sich die Frage, welchen Preis diese Form der Unterhaltung hat. Auslöser der aktuellen Debatten sind Szenen aus mehreren Reality-TV-Formaten, die in sozialen Netzwerken wie Instagram und TikTok verbreitet wurden und die von Zuseher:innen, Medien und Aktivist:innen scharf kritisiert werden.

Öffentliche Empörung um Aleks Petrovic und Marwin Klute

Im Kreuzfeuer der Kritik steht die sechste Staffel von Temptation Island VIP auf RTL+. Dort werfen zahlreiche Nutzer:innen den männlichen Darstellern respektloses und frauenverachtendes Verhalten vor. 

Bei diesem Format stellen vier Paare ihre Beziehung auf die Probe, indem sie mehrere Wochen getrennt voneinander mit attraktiven Singles verbringen. Diese Singles heißen Verführer:innen. Ziel ist es, der Versuchung zu widerstehen.

Doch statt Beziehungsfragen dominieren sexistische Aussagen, Machtmissbrauch und Grenzüberschreitungen die Sendung.

In den Kommentaren auf Instagram kritisieren Zuseher:innen und Nutzer:innen besonders Aleks Petrovic und Marwin Klute. Petrovic sorgte mit Aussagen über seine Verlobte für Empörung. In einem Gespräch schilderte er, sie habe am Tag ihrer Verlobung erst mit ihm schlafen wollen, nachdem er „Druck aufgebaut“ habe. Zusätzlich spuckte er Verführerinnen Alkohol ins Gesicht. Sein Statement dazu: „Ihr seid Verführerinnen, das ist euer Job.“

Auch Klute fiel wiederholt durch frauenverachtende Aussagen und Handlungen auf. In einem Gespräch mit Moderatorin Janin Ullmann erklärte er, er habe zu seiner Freundin gesagt, sie sehe „billig“ aus. Und weiter: „Ich möchte nicht, dass meine Freundin aussieht wie eine Hure.“ Auch gegenüber den Verführerinnen verhielt er sich respektlos. In einer Szene auf einem Boot forderte er sie auf, vor ihm auf die Knie zu gehen. Anschließend bespritzte er sie anzüglich mit Sekt.

Bislang zeigt der 28-Jährige keine Einsicht. Stattdessen verteidigt er sein Verhalten auf Instagram und erklärt, Grenzüberschreitungen gehörten zum Format und seien nicht allzu ernst zu nehmen.

Diese Rechtfertigung folgt einem bekannten Muster, das Medienkritiker seit Jahren beobachten. Eskalationen und Grenzüberschreitungen gelten im Reality-TV als kalkulierter Teil des Unterhaltungskonzepts. „Wahrscheinlich funktionieren Reality-TV-Formate nicht ohne Eskalation und Grenzüberschreitungen, denn es sind gerade diese Momente, die das Publikum offenbar faszinieren und für die gewünschten Einschaltquoten sorgen“, erklärt Hendrik Zörner, der Sprecher des Deutschen Journalisten-Verband gegenüber Campus a.

Das Spiel mit der Macht: Klare Rollen, klare Doppelmoral

Ein Beispiel ist Temptation Island. Dort sind die Machtrollen klar verteilt. Was er darf, darf sie nicht und was sie nicht darf, gilt für ihn erst recht nicht.

Hat eine Frau Körperkontakt mit einem Mann, reagiert ihr Partner empört. Im umgekehrten Fall kann der Mann flirten und andere Frauen berühren. Ohne Konsequenzen. Damit machen solche Sendungen eine anhaltende sexuelle Doppelmoral sichtbar: Männer gewinnen durch sexuelle Aktivität an sozialem Status, während Frauen für vergleichbares Verhalten abgewertet oder beschämt werden. Weibliche Sexualität wird stärker kontrolliert und moralisch bewertet, männliche gilt als selbstverständlich.

Das zeigt auch das Format Germany Shore. In einer Szene präsentierte eine Teilnehmerin ihren Intimbereich. Das löste innerhalb der Gruppe umgehend scharfe Kritik aus. Eine Mitkandidatin bezeichnete die Situation im Interview als „widerlich“.

Dabei fällt die klare Doppelmoral auf. Männliche Teilnehmer zeigen in der Sendung regelmäßig ihre Genitalien oder ziehen sich vor laufender Kamera aus. Und das ohne negative Reaktionen. Während weibliche Sexualität moralisch bewertet und sanktioniert wird, gilt männliche Entblößung als akzeptierter Teil des Party-Habitus. Ein Muster, das klassische Geschlechterhierarchien und sexuelle Doppelmoral im Reality-TV deutlich sichtbar macht.

Gewalt als mediales Normalbild

Problematische Darstellungen von Macht, Demütigung und geschlechtsspezifischer Gewalt sind im Fernsehen kein Randphänomen. Das zeigt eine Studie aus dem Jahr 2025 von der deutschen MaLisa Stiftung, die gemeinsam mit der UFA GmbH durchgeführt wurde. Die Untersuchung bietet einen repräsentativen Überblick über die Darstellung geschlechtsspezifischer Gewalt im deutschen Fernsehen.

Das Ergebnis ist alarmierend. In 34 Prozent der analysierten Sendungen kommt geschlechtsspezifische Gewalt vor. Häufig explizit und schwer. Überwiegend gegen Frauen und Mädchen. Die Studienautor:innenanalysierten über 450 Stunden Programm von acht großen deutschen TV-Sendern. Darunter fiktionale alsauch Unterhaltungsformate.

Die Autor:innen zeigen auf, wie mediale Darstellungen zur Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt beitragen oder umgekehrt bestehende gesellschaftliche Verzerrungen verstärken können. Nach Angaben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist Gewalt gegen Frauen in Deutschland weit verbreitet. Rund ein Drittel aller Frauen macht im Laufe ihres Lebens Erfahrungen mit körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt. Deshalb tragen Medien und Produktionsfirmen eine besondere Verantwortungdafür, wie Macht, Sexualität und Grenzüberschreitungen inszeniert werden.

Zwischen Quote und Verantwortung

Die Verantwortung für die vermittelten Inhalte sieht Zörner nicht beim Publikum, sondern bei den Medienhäusern. „Die Hauptverantwortung liegt selbstverständlich bei den Sendern. Sie sind es, die dieoftmals fragwürdigen Werte ans Publikum vermitteln.“

Die Folgen solcher Inszenierungen können dabei weit über die reine Unterhaltung hinausgehen. „Es steht zu befürchten, dass der Sprung vom Fernsehen in die Wirklichkeit nicht groß ist. Je häufiger Fremdgehen, Demütigung oder extreme Konflikte gezeigt werden, desto größer ist die Gefahr gesellschaftlicher Akzeptanz und von Nachahmungseffekten“, warnt Zörner.

Auch das auf Joyn ausgestrahlte Format Forsthaus Rampensau Germany sorgt momentan für Unruhe im Netz. Auf Plattformen wie TikTok und Instagram teilen schockierte Nutzer:innen Ausschnitte aus der Sendung, in denen die Aussagen von Marc-Robin Wenz zu sehen sind. Dort schilderte der Reality-Kandidat mit einem Lächeln Erlebnisse aus einer VIP-Lounge, die weniger nach harmloser Prahlerei als vielmehr nach gezielter Machtdemonstration klingen.

Frauen, die sich laut seiner Darstellung für ihn interessiert hätten, bezeichnete er wiederholt als „Schlampen“. Spöttisch erzählte er, wie er einer Frau Alkohol über den Kopf geschüttet habe. In der Lounge habe er sich benehmen können „wie der Präsident“, erklärte Wenz. 

Problematisch ist die Selbstverständlichkeit, mit der er über weitere Grenzüberschreitungen sprach. Wörtlich sagte er, er hätte den Frauen „ins Gesicht spucken können und die wären trotzdem geblieben“. Zudem berichtete er lachend, er habe eine Zigarette auf dem Kopf einer Frau abgeäschert. 

Der Streamingdienst Joyn blendete zu Beginn der Sendung eine Triggerwarnung ein und distanzierte sich formal von dem gezeigten Verhalten.  

 

 


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