Während der Jänner für viele Menschen mit dem Verzicht auf Fleisch geprägt ist und andere im Rahmen des ‚Dry January‘ ihren Alkoholkonsum einschränken, verzichten andere auf den Konsum materieller Dinge. Zu Beginn der ‚No-Spend-Challenge‘ definieren Teilnehmende ihre Essentials. Dazu zählen Fixkosten wie Miete, Versicherungen und Lebensmittel.
Alles andere fällt weg. Kein Coffee to go. Keine neuen Kleidungsstücke. Kein Restaurantbesuch. Kein neues Buch, solange ungelesene Exemplare im Regal stehen. Bevor neue Lebensmittel im Einkaufskorb landen, leert sich zuerst der Vorratsschrank. Der Fokus liegt klar auf einem Ziel: Impulskäufe stoppen und das eigene Konsumverhalten schärfer beobachten.
Der Interspar am Schottentor in Wiens 1. Bezirk wirbt für den Veganuary (Foto: Patricia Schock)
Begleitet wird die Challenge von Tipps, die auf TikTok und Instagram millionenfach in dem Algorithmus landen und den Einkauf erschweren sollen: Gespeicherte Kreditkarten vom Smartphone löschen und die gespeicherten Passwörter aus dem Browser löschen, damit Onlinekäufe nicht mehr mit einem Klick passieren. Nach 20 Uhr bleibt der Warenkorb leer, weil die Konzentration und die rationale Entscheidungskraft am Abend nachlassen. Und vor größeren Anschaffungen sollen drei Tage Bedenkzeit vergehen. Diese Strategien sollen also vor dem „Kaufrausch“ bewahren.
Finanzexpertin Sina Mainitz vom ZDF ordnet gegenüber 06:30 – Der Nachrichtenpodcast den Hype nüchtern ein. Als Orientierung nennt sie die 50/30/20-Faustregel. 50 Prozent des Einkommens für Fixkosten, 30 Prozent für Konsum und Herzenswünsche, 20 Prozent fürs Sparen oder Anlegen. In der Praxis scheitert dieses Modell jedoch häufig. Viele Menschen müssen bereits mehr als die Hälfte ihres Einkommens für die Miete aufbringen, während die Lebenshaltungskosten steigen. Entscheidend ist deshalb nicht radikaler Verzicht, sondern ein Vorbeugen von „kopflosem Konsum“.
Der tägliche Kaffee an der Ecke entwickelt sich schnell zur Routine. Selbst gebrühter Kaffee am Morgen schafft Abhilfe. Vorkochen ersetzt das Mittagessen-to-go unterwegs. Für den Skiurlaub lassen sich Helm oder Jacke im Freundeskreis ausleihen, statt neu zu kaufen. Die Challenge fördert genau dieses Umdenken. Jeder Kauf bekommt eine kurze Denkpause. Entscheidungen fallen bewusster aus, unnötige Ausgaben bleiben aus. Gleichzeitig wächst Kreativität: alte Vorräte kommen auf den Tisch, vergessene Hobbys ohne Preisschild kehren zurück. Die Challenge wird so zum Werkzeug für einen achtsameren Umgang mit Geld.
Genau hier zeigt sich die Doppelmoral der „No-Spend-Challenge“. Der Dezember lebt von Geschenken, Rabatten und Kaufrausch. Nur wenige Wochen später folgt der kollektive Verzicht. Der Konsum wurde lediglich vorgezogen, das Konto ist oft bereits leer. Mit dem Jahreswechsel soll plötzlich ein neues Mindset greifen. Nachhaltig wirkt dieses Muster nicht.
Die Challenge füllt TikTok Startseite (Foto: Screenshot TikTok)
Auch sozial bringt die Challenge Spannungen mit sich. Gemeinsame Restaurantbesuche oder kulturelle Events fallen weg. Was hilft, ist Offenheit. Gespräche im Freundes- und Familienkreis eröffnen Alternativen: Picknicks statt Lokalbesuch, Spieleabende statt Bar. Solche Lösungen sparen Geld, regen das Umdenken an und motivieren andere, mitzumachen.
Langfristig zahlt sich ein anderer Zugang aus. Radikaler Verzicht verstärkt den Reiz des Konsums. Ähnlich wie bei Crash-Diäten riskiert die Challenge den umso stärkeren Reiz des Kaufens im Folgemonat.
Für viele Menschen bedeutet Verzicht keinen Trend, sondern Alltag. Wer von Gehalt zu Gehalt lebt, spart nicht aus Herausforderung, sondern aus Notwendigkeit. Die Möglichkeit, bewusst eine Sparphase einzulegen, setzt finanzielle Stabilität voraus. Schon die Wahl, Geld auszugeben oder darauf zu verzichten, ist ein Privileg.
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