Vergangenen Donnerstag folgten rund 500 Menschen dem 38-jährigen Jonas Deichmann ins Gartenbaukino in Wien, um sich seinen Vortrag anzuhören. Bereits zum zweiten Mal besuchte er die österreichische Hauptstadt, um von seinem jüngsten Abenteuer zu berichten. Doch die Besucher wollen mehr als eine bloße Nacherzählungen: Welche mentalen Leitsprüche tragen ihn? War er schon immer so? Wer oder was motiviert ihn? Und vor allem: Kann ich das auch?
Schon im Eingangsbereich des Saals wird deutlich, welche Zielgruppe Deichmann erreicht: junge, sportliche Menschen, die sich mit seiner Welt identifizieren. Sie kennen den Reiz der Extreme und wissen, was es bedeutet, lange Distanzen zu überwinden. Zu Beginn des Abends fragt der Moderator ins Publikum: „Wer von euch hat schon einmal einen Triathlon gemacht?“ Rund 90 Prozent heben den Arm, an vielen Handgelenken eine Laufuhr. Triathlon-Marken, Ironman-Rucksäcke, Funktionsshirts und Laufschuhe prägen das Bild.
Dann betritt Jonas Deichmann unter Applaus die Bühne. Angesichts seiner Erfolge und Rekorde wäre ein selbstbewusster Auftritt zu erwarten. Doch seine Erscheinung erzählt eine andere Geschichte: bodenständig, ruhig, ein schüchternes Lächeln. Wer ihn kennt, weiß, dass er kein Medienmensch ist und ungern im Rampenlicht steht.
Erst seine Extreme brachten ihn zwangsläufig vor die Kameras. Inzwischen hat er gelernt, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Auch, weil er seinen Lebensunterhalt mit Vorträgen, Büchern und Filmen verdient. Er spricht nüchtern, unaufdringlich, macht Witze. Keine dramatischen Motivationsreden. Seine Abenteuer hat er immer für sich selbst erlebt. Nie für andere.
Deichmann live im Gartenbaukino. (Foto: Patricia Schock)
Im Mittelpunkt des Abends steht sein jüngstes Großprojekt: die „Challenge 120“: 120 Tage in Folge, 120 Triathlon-Langdistanzen. Eine Langdistanz umfasst 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und einen Marathon über 42,195 Kilometer. Doch Deichmann reicht das nicht. Er absolvierte 120 davon. Jeden einzelnen Tag, auf der Strecke der Challenge Roth nahe Nürnberg, dem Triathlon-Mekka Deutschlands.
Er zeigt Bilder und Videos, die ihn sichtlich gezeichnet zeigen. Körperliche Schmerzen sind allgegenwärtig, doch ein pessimistisches Wort verliert er nie. Auch sein Team hat er bewusst ausgewählt: „Wenn ich am Ende bin, brauche ich niemanden, der Mitleid hat oder mir sagt, wie schwer es morgen wird. Ich brauche ein Team, das an mich glaubt und im richtigen Moment einen lockeren Spruch bringt.“
Schnell wird klar: Es geht ihm nicht allein um körperliche Leistung. Diese sei trainierbar, sagt er. Jeder gesunde Mensch könne nächste Woche einen Marathon laufen. Entscheidend sei der Kopf. Es gehe darum, Gedanken zu trainieren und sich in schwierigen Momenten zu sagen: Es wird wieder besser.
In seinem Buch „Der Schokoriegel-Effekt“ beschreibt Deichmann, wie er nie die gesamte Distanz vor sich sieht. Stattdessen arbeitet er sich in kleinen Einheiten vor, Schritt für Schritt. „Sobald du anfängst und an der Startlinie stehst, kommt der Rest von allein“, lautet einer seiner Leitsätze. Zweifel kenne auch er, doch Probleme löse er erst dann, wenn sie tatsächlich auftreten. Bis dahin fange er einfach an.
Deichmann untermalt sein Projekt „Challenge 120“ mit Fotos und Videos. (Foto: Patricia Schock)
Die Challenge sei kein spontaner Einfall gewesen, betont er, sondern das Ergebnis von mehr als zehn Jahren Vorbereitung. Jedes frühere Projekt habe ihn darauf hingeführt.
Deichmann beschreibt sich selbst als jemanden, der ein großes Ziel braucht. „Ohne Ziel stehe ich morgens nicht auf“, sagt er. Große Projekte geben seinem Leben Struktur und Sinn. Schon während eines Abenteuers plant er das nächste. Bei seinen langen Sportprojekten habe er viel Zeit zum Nachdenken, sagt er lächelnd. Stillstand ist für ihn keine Option.
Als Kind war Deichmann sportlich aktiv, aber nicht außergewöhnlich. Die prägendste Inspiration kam von seinem Großvater, der mit Ende 40 in einem Van nach Westafrika auswanderte und dort als Schlangenfänger arbeitete.
Während seines Studiums zog Deichmann selbst einen radikalen Schlussstrich. Er startete zu einer Weltumrundung mit dem Fahrrad. Mit Freunden, aber noch ohne Medien und Kameras. Nach seiner Rückkehr war klar: „Ich kann jetzt nicht einfach zurück ins Büro.“ Draußen wartete mehr. Sein Horizont weitete sich, und er entdeckte zunehmend, wozu Körper und Geist fähig sind.
Mit den Abenteuern kam die Aufmerksamkeit. Deichmann nutzte seine Erfolge für Medienauftritte, schrieb Bücher, die später als Filme in deutschsprachigen Kinos liefen. Sponsoren wie Ortlieb, Ryzon oder das Hotel Jakob am Salzburger Fuschlsee traten an ihn heran. Anfangs noch scheu vor Mikrofonen, verließ er Schritt für Schritt seine persönliche Komfortzone und ging in die Öffentlichkeit.
Seither inspiriert er Menschen. „Wenn jemand meinetwegen laufen geht, statt auf dem Sofa zu sitzen, habe ich mein Ziel erreicht.“
Tausende seien während der 120-Tage-Challenge mit ihm ihren ersten Marathon gelaufen. Genau darin liegt Deichmanns Besonderheit: Mit seiner bodenständigen, schwäbischen Art wirkt er nahbarer als viele Extremsportler. Wer den sympathischen ehemaligen IT-ler sieht und weiß, was er erreicht hat, denkt unweigerlich: Wenn er das kann, kann ich das vielleicht auch.
Zur Fragerunde zum Ende des Abends kam schnell die Frage auf, wie das nächste Projekt aussehen werde. Doch er hält sich bedeckt. Die Idee kam ihm bereits während der 20-Tage Challenge. Was genau es sein wird, verkündet er in etwa zwei Wochen.
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