Ich? In der Werbung? Hätte mir das vor einem Jahr jemand gesagt, hätte ich nur gelacht. Ich bin kein Influencer, trage kein Ringlicht mit mir herum und meine Followerzahl auf Instagram erscheint mir sympathisch, aber sie ist überschaubar.
Trotzdem war ich inzwischen eins der Gesichter von zwei Werbekampagnen, als sogenanntes Social Face, also als Figur, die für „Menschen wie du und ich“ steht. Eine Kampagne lief für Clever, die Billig-Eigenmarke des Rewe-Konzerns (Billa, Bipa, Penny), die andere für das Antihistaminprodukt Daosin des deutschen Pharmaunternehmens Stada. Passiert ist mir das Ganze eher zufällig.
Eines Tages stolperte ich über eine Anzeige der Werbeagentur [kju:]. Sie suchte Leute, die gerne vor der Kamera stehen. Voraussetzungen: keine Modelmaße, kein Schauspieldiplom, nur so viel: „Lächeln zu können wäre von Vorteil.“ Das konnte ich, also wählte ich einige halbwegs aktuelle Fotos aus, tippte einen freundlichen Dreizeiler an die Agentur und schickte meinen Instagram-Link mit.
Zwei Tage später: Pling! Eine Mail von [kju:]. Sie fanden mich sympathisch. Ich fühlte mich kurz wie bei „Germany’s Next Durchschnittsgesicht“ und schrieb, ich würde mich auf Aufträge freuen.
Eine Woche vor dem Dreh läutete mein Handy. [kju:], auszusprechen einfach wie „Kju“, war dran. Ob ich Lust und Zeit hätte, bei einem Video für clever mitzumachen? Klar hatte ich beides. Voraussetzung war ein kurzes Vorstellungsvideo, also setzte ich mich mit frisch gekämmtem Optimismus vor die Kamera und erzählte ein bisschen über mich. Authentisch, aber mit Elan. Wenige Tage später kam die Nachricht: Ich war dabei. Innerlich hörte ich Fanfaren, äußerlich tat ich, als wäre das ganz normal. Kleiner Spoiler: Zu meinem Artikel über das neue Werbekonzept „Social Face“, seinen Sinn und seine Bedeutung sowie die erzielbaren Honorare geht es hier.
Konkret war mein erstes Projekt ein „Clever Taste Test“. Vier verschiedene Energy-Drinks und ich mittendrin. Ich bekam einen Text, den ich grob auswendig lernen sollte, mit genug Freiraum für meinen eigene Sound, aber eben auch einer klaren Dramaturgie. Ehrliche, aber charmante Geschmackseindrücke waren gefragt. Am Drehtag dann: Scheinwerfer, Kamera, Dosen. Ich schnupperte, nippte, bewertete. „Der hier schmeckt wie Urlaub am Strand“, lautete einer meiner Sager. „Das da? Ganz klar! Der Energy-Drink für Menschen mit acht To-dos und fünf Minuten Zeit.“
Das Team lachte, ich redete mich in einen koffeinierten Rausch und irgendwie fühlte es sich plötzlich natürlich an, vor der Kamera zu sein. Fand ich meinen Favoriten unter den Drinks? Ja. Konnte ich an diesem Abend einschlafen? Eher weniger. Was nicht ausschließlich am Koffein lag. Ich war nun offiziell ein Clever-Social Face und das war ziemlich energetisierend.
Der zweite Dreh war kulinarisch etwas herausfordernder. Ich habe keine Antihistaminintoleranz, aber ich war bereit, für die Agentur und ihren Auftraggeber Stada so zu tun, als wäre ich die lebende Antwort auf die Frage: Darf ich das Essen? Wir drehten auf einem Weihnachtsmarkt. Glühwein, Bosna, Langos, kurz: ein histaminreiches Paradies. Die Aufgabe? Möglichst viele dieser kleinen Sünden essen, immer mit einem smarten Hinweis auf die kleine weiße Tablette, die mir das alles ermöglicht. Vor der Kamera hieß es dann abbeißen, lächeln, genießen. Die Botschaft lautete sinngemäß: Normalerweise hätte ich das alles nicht vertragen, aber dank Daosin…“ Wir wiederholten die Drehs einige Male. Mein Magen war weniger begeistert als das Produktionsteam. Aber ich lernte, dass viele Menschen wirklich mit einer Histaminintoleranz kämpfen und für sie so ein Produkt ein Gamechanger sein kann. Das machte die Sache direkt sinnvoller, auch wenn ich danach überlegte, nach Hause zu rollen, statt zu gehen.
Es bleibt eine interessante Erfahrung. Kreative Arbeit, neue Menschen, ein Blick hinter die Kulissen des Social Media-Marketings und das herrliche Gefühl, Teil einer kleinen Kampagnenwelt gewesen zu sein. Die Bezahlung war zwar eher Taschengeld als Tagessatz, aber ich war nun nicht nur um eine Erfahrung, sondern auch um ein paar ziemlich unterhaltsame Anekdoten reicher.
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