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Shoppen bei Shein in Paris: campus a hat es ausprobiert

Zehn Euro für ein Abendkleid, tausend Quadratmeter Verkaufsfläche und kaum Kundschaft. Der Ultra-Fast-Fashion-Gigant Shein wagt einen Schritt in die Modehauptstadt. Kann das Geschäftsmodell dort Fuß zu fassen oder entpuppt es sich eher ein Fehlgriff? Ein Besuch vor Ort gibt Antworten.
Viktoria Bickel  •  19. Januar 2026 Volontärin    Sterne  52
Die Produkte des Ultra-Fast-Fashion-Konzerns Shein sind nicht mehr nur online erhältlich. In Paris hat die erste französische Filiale eröffnent.
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Ein langes blaues Abendkleid um 10,49 Euro. Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Beim Anprobieren wird schnell klar, warum. Die 81,9 Prozent Polyester jucken auf der Haut, weder Passform noch Qualität überzeugen. Auf dem Etikett steht in großen schwarzen Buchstaben: Shein. 

Die Rue Rivoli ist eine der bekanntesten Einkaufsstraßen der französischen Hauptstadt. Besonders am Wochenende tummeln sich hier Touristinnen und Touristen sowie Einheimische. In einem historischen Gebäude befindet sich seit 1856 das Kaufhaus BHV, bekannt für sein Angebot an Luxusmarken und französischer Mode. Seit dem 5. November hat sich dort die chinesische Billigmarke Shein einquartiert.

Die Meinungen sind gespalten 

Schon am Eröffnungstag zeigte sich, wie sehr der neue Laden polarisiert. Demonstrierende und Shoppingbegeisterte standen sich gegenüber, Polizeikräfte waren notwendig. Während Kritikerinnen und Kritiker auf Umweltbelastung und soziale Ausbeutung hinweisen, sprechen Befürworter von leistbarem Einkaufen und der Arbeitsplatzschaffung. Campus a war vor Ort für ein Probeshopping. 

1000 m2 pures Shoppingvergnügen, aber kaum Kundschaft

Auf der Website des Kaufhauses wird der Shop mit «1000 mder Mode gewidmet» beworben. Der Weg dorthin führt in den sechsten Stock, vorbei an einer Baustelle. Erst in der hintersten Ecke des Gebäudes liegt das Geschäft. 

Der Raum ist riesig. Grelles, künstliches Licht fällt auf lange Reihen an Kleiderstangen. Im Hintergrund läuft leise Musik, die die Leere kaum übertönt. Die Atmosphäre erinnert eher an eine Lagerhalle als an ein Modegeschäft. Als Kundin oder Kunde fühlt man sich irgendwie fehl am Platz.

Das Sortiment ist riesig. Damen-, Herren- und sogar Kinderkleidung. Auffallend ist jedoch, wie wenig Menschen hier einkaufen. Sie lassen sich an zwei Händen abzählen, überwiegend ältere Kundschaft. Haben die sich hierher verirrt? 

Es wird geschaut, vereinzelt etwas anprobiert, aber gekauft wird kaum etwas. Und das, obwohl jedes einzelne Produkt im Sale ist. Bis zu fünfzig Prozent Rabatt gibt es auf die Jacken, Pullover und Hosen. Der Eindruck täuscht nicht. Auch der französiche Nachrichtensender francebleu.fr berichtet von ausbleibender Kundschaft und dem Misserfolg. 

Die Preise sind niedrig, aber nicht durchgehend: Ein Kleid für elf Euro hängt neben einem Mantel um fast 100 Euro. Ist das der Aufpreis für den Pariser Flair? Die Qualität bleibt jedoch gleich. 81,9 Prozent Polyester scheinen hier eher Gesetz als Ausnahme zu sein. Das sieht, spürt und riecht selbst der größte Modebanause. 

Ultra-Fast Fashion, Umwelt und Ausbeutung 

Der Verkauf der Kleidung in Papiersäcken wirkt fast ironisch. Umweltbewusstsein kann die Ultra-Fast Fashion-Marke kaum glaubhaft vermitteln. Stattdessen geht es um gefährliche Chemikalien und hohe CO2-Emissionen. Laut Greenpeace bestehen 82 Prozent der verwendeten Materialien aus Erdöl. Hinzu kommt das massive Überangebot und gleichzeitig die kurze Lebensdauer der Kleidungsstücke. 

Auch soziale Vorwürfe begleiten den Konzern seit Jahren. Die extrem niedrigen Preise sind nur durch schlechte Arbeitsbedingungen möglich. Arbeiterinnen und Arbeiter in China leiden unter langen Arbeitstagen und schlechter Bezahlung. Was sich westliche Käuferinnen und Käufer sparen, bezahlen andere.

Seit Kurzem steht Shein zudem in Aix-en-Provence vor Gericht. Wegen unfairer Konkurrenz. Dem Konzern wird vorgeworfen, sich trotz Verkaufs in Frankreich nicht an französische Regelungen zu halten. Auf Kosten einheimischer Unternehmen. 

Leere Kassen und leere Regale 

Eines ist klar: Der Konzern schreibt regelmäßig negative Schlagzeilen.  Vielleicht gibt es gerade deshalb keine Wartschlange vor dem Bezahlen. Von den vielen Kassen ist nur eine einzige geöffnet. 

Beim Verlassen des Gebäudes fällt etwas auf. Dort, wo früher Luxusboutiquen ihre Produkte verkauft haben, stehen nur noch leere Regale. Eine Marke nach der anderen scheint sich aus dem Kaufhaus zurückzuziehen. Hat Shein sie etwa mit ins Verderben gezogen? Sicher ist: Der Versuch, Ultra-Fast-Fashion in das Herz der Pariser Modewelt zu bringen, ist bislang eher ein Misserfolg und kein Triumph. 

 

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