Einen Monat nach Inkrafttreten des neuen Social-Media-Gesetzes vom 10. Dezember 2025 zeigen sich erste Auswirkungen. Australien deaktivierte zu Beginn des Jahres 4,7 Millionen Konten von unter 16-Jährigen. Premierminister Anthony Albanese spricht jetzt von ersten kleinen Folgen. International gilt das Gesetz bereits als Vorbild. Großbritannien könnte als Nächstes das Verbot einführen.
Zehn große Plattformen, darunter Tiktok, Instagram, Reddit, X und Youtube, sperrten die Accounts der Jugendlichen. Bei Nichtbeachtung drohen den Unternehmen Strafen von 94,5 Millionen Australischen Dollar, das sind 28,5 Millionen Euro.
Die Auswirkungen sind in den Familien- und Freundeskreisen zu spüren. Seit dem Verbot veränderte sich der Alltag vieler Jugendlicher zwangsläufig. Junge Australierinnen und Australier gestalten ihre freie Zeit neu, mit „alten“ Beschäftigungen. Medien berichten von steigenden Buchverkäufen. Auch Brettspiele erleben ein Comeback. Treffen mit Freunden im echten Leben nehmen wieder zu.
In Australien fielen die ersten Wochen des Verbots mit den Sommerferien zusammen. Die neu gewonnene Zeit wurde dadurch besonders spürbar: Jugendliche trafen sich draußen, griffen alte Hobbys auf. Die reale Konnektivität nahm zu.
Amy, eine 14-jährige Australierin, führte seit Beginn des Verbots Tagebuch, äußerte sie gegenüber der BCC. „Ich fühle mich ‚frei‘, weil der Druck wegfällt, bei Snapchat antworten zu müssen.“
Bei Snapchat werden Konsumenten, die sich täglich einen Snap senden, mit einem ‚Streak‘ in Form von Flammen belohnt. Diese Strähne aufrechtzuhalten kann zu Zwang führen. Amy ging erstmals wieder joggen, seitdem sie nicht mehr per Snapchat mit ihren Freunden telefonieren kann.
Anthony Albanese berichtet von positiven Rückmeldungen der Eltern: „Vielen Dank, dass Sie das Verbot eingeleitet haben. Es hat in unserem Zusammenleben etwas verändert.“ Die Bevölkerung erlebt die Kinder wie ausgewechselt. Zwar sei es zu früh, um von einem vollen Erfolg zu sprechen, doch die ersten Effekte seien ermutigend.
Auch unter Jugendlichen selbst scheint sich die anfängliche Ablehnung zu relativieren. Einige geben an, sich ein solches Verbot schon früher gewünscht zu haben. Insbesondere, seitdem sie beobachten, wie jüngere Geschwister profitieren.
Gleichzeitig räumte Albanese ein, das Inkrafttreten des Verbots sei für manche eine „schwierige Phase“ gewesen. Die Regierung stellte deshalb 700 Millionen Dollar für Programme zur psychischen Gesundheit bereit. Die Mittel sollen gezielt Jugendlichen helfen, denen die Umstellung schwerfällt. Die Angst haben, den Anschluss zu verlieren.
Nicht alle Jugendlichen bleiben offline. Manche berichten, viele Freunde seien weiterhin online. Der Fomo-Effekt steigt: Fear of missing out. Die Angst, etwas zu verpassen.
Die australische eSafety-Kommissarin Inman Grant kündigte an, die Plattformen stärker in die Pflicht zu nehmen. Jugendliche sollen keine neuen Konten anlegen oder den Zugang über VPN-Dienste umgehen können.
Die Plattformen selbst, wie etwa Meta, drängen die Regierung zur Rücknahme von dem Verbot. Sie befürchten wirtschaftliche Einbrüche und argumentieren mit der Ausgrenzung Jugendlicher, die im realen Leben weniger Anschluss finden als online. Sei es aufgrund örtlicher Distanzen oder der Zugehörigkeit zu Minderheitsgruppen.
Darüber hinaus sehen sie sich im Unrecht gegenüber Apps, durch die junge Menschen schädlichen Inhalten ausgesetzt sein können, denen aber keine Altersverifikation vorausgeht.
Parallel berichten junge Content-Creator von massiven Einbrüchen. Likes, Views und Kommentare sinken. Für viele bricht ein Geschäftsmodell weg. Die wirtschaftliche Unsicherheit wächst.
Die österreichische ehemalige Influencerin Lisa Thoma steht einem Verbot in europäischen Ländern kritisch gegenüber, sagte sie zum STANDARD. Sie erreichte mit ihrem Kanal vor allem Zwölf- bis 13-Jährige.
Ein pauschales Verbot hält sie für problematisch. „Die Konsument:innen sind die Käufer:innen von morgen“. Mit dem Verbot prognostiziert sie einen Rückgang in der Wirtschaft. Eine Lösung wäre es, weniger in Suchtmechanismen zu investieren und lieber den Jugendschutz sozialer Plattformen auszubauen.
Thoma unterrichtet heute Kommunikationspsychologie und fordert mehr Medienbildung an Schulen. Aufklärung müsse Eltern und Kinder einbeziehen. Erwachsene fungieren als Vorbilder. Ihr Nutzungsverhalten färbt auf das ihrer Kinder ab.
Auch Stephan Tschany aus Wien sieht ein striktes Verbot als utopisch. Er produziert Social-Media-Inhalte und arbeitet unter anderem für A1 auf TikTok. Als Unternehmer und Vater kennt er beide Seiten, lehnt dennoch ein Social-Media-Verbot für Jugendliche entschieden ab. Er kritisiert, ein Verbot würde nicht zwischen hochwertigem und problematischem Content unterscheiden, aber dennoch alle Creator gleichermaßen treffen.
Social Media sei längst Teil des Alltags, Verbote würden keine Probleme lösen. Wie bei einer Diät lösen Verbote nur noch mehr Reize aus und bewirken das Gegenteil. Stattdessen fordert er ein Ende der Anonymität im Netz. Zudem wirft er der Politik vor, sie würde andere problematische Bereiche wie Glücksspiel, Pornoseiten oder verstecktes Glücksspiel in Videospielen unreguliert lassen.
Studien liefern deutliche Hinweise auf den Zusammenhang der Mediennutzung und dem Wohlbefinden. Eine aktuelle Studie des Journal Nature zeigt: Hohe Social-Media-Nutzung resultiert in niedrigerer Lebenszufriedenheit. Geringe Nutzung steigert das Wohlbefinden. Grund: Permanente Vergleiche erzeugen Druck.
Da die Auswirkungen des Social-Media-Gesetzes in Australien noch keine langfristigen Ergebnisse liefern, sei es zu früh, von einem gesteigerten Wohlbefinden zu sprechen. Doch die Stimmung der Jugendlichen sei definitiv besser, so der Premier Albanese.
Das Buch Generation Angst von Jonathan Haidt beschreibt dieselben Entwicklungen, bezieht sich dabei verstärkt auf die USA. In dem New York Times-Bestseller von 2024 beschreibt Haidt die Folgen als Flutwelle von Angststörungen, Depressionen und Selbstverletzungen. Begriffe wie „Brain Rot“ stehen für Konzentrationsverlust, Angstzustände und depressive Verstimmungen. Auch Meta-interne Studien bestätigen diese Tendenzen.
In Österreich liegt das Mindestalter für Social Media bei 14 Jahren, doch Konsequenzen bei jüngerer Nutzung fehlen. Verbote, Jugendschutz und Eigenverantwortung stehen aber auch in anderen Ländern auf der Agenda. Großbritannien könnte als nächstes Land das Verbot einführen. Auch Frankreich, Dänemark, Spanien, Deutschland, Italien und Griechenland debattieren darüber.
Die nächsten Zahlen werden im Februar aus ‘Down Under’ erwartet. Dann legt die australische eSafety-Behörde eine unabhängige Evaluierung vor. Sie umfasst Befragungen von Eltern sowie von Kindern und Jugendlichen zu ihren Erfahrungen. In weiterer Folge sollen psychische Gesundheitsindikatoren, Testergebnisse und weitere Daten ausgewertet werden.
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