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Wer die Revolution im Iran nicht unterstützt

Die Proteste im Iran rufen weltweit Aufmerksamkeit hervor. Während Protestbewegungen im Westen sonst schnell Solidarität erfahren, reagieren viele auf die Demonstrationen im Iran ungewohnt vorsichtig.
Emma Sehic  •  22. Januar 2026 Volontärin    Sterne  188
Foto: Craig Melville auf Unsplash
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In sozialen Medien herrscht derzeit große Unruhe darüber, ob die Unterstützung der Proteste im Iran mit anderen politischen Anliegen vereinbar ist. Besonders unter den Menschen, die sich mit der palästinensischen Sache solidarisieren, besteht diese Sorge. Unterstützung für die iranische Protestbewegung könnte dem eigenen Anliegen schaden.

Warum es im Iran wieder zu Protesten kommt

Seit der Revolution von 1979 ist der Iran eine islamische Republik. Das bedeutet, Religion ist fest im staatlichen System verankert. Religiöse Autoritäten üben großen politischen Einfluss aus. Der oberste religiöse Führer steht dabei über allen staatlichen Institutionen.

Für die Bevölkerung wirkt sich dieses System direkt auf den Alltag aus. Viele Lebensbereiche unterliegen religiösen Vorgaben, darunter Kleidungsvorschriften wie der verpflichtende Kopftuchzwang für Frauen. Politische Opposition ist stark eingeschränkt, ebenso die Unabhängigkeit der Justiz und der Medien.

Seit Dezember 2025 kommt es im Iran wieder zu landesweiten Protesten. Auslöser waren zunächst wirtschaftliche Probleme wie steigende Preise. In kurzer Zeit entwickelten sich daraus jedoch auch politische Proteste gegen das bestehende System. 

Die aktuellen Demonstrationen knüpfen zudem an frühere Protestbewegungen an, insbesondere an die feministischen Proteste der Jahre 2022 und 2023. Parolen wie „Frau, Leben, Freiheit“ stehen dabei für den Wunsch vieler Menschen nach mehr persönlicher Freiheit.

Die Debatte in den sozialen Medien

Grundsätzlich erhalten die Proteste breite Zustimmung. Gleichzeitig zeigen sich einige Gruppen, die sich in der Vergangenheit stark an Demonstrationen beteiligt haben, nun zurückhaltend oder bleiben öffentlich still. 

Besonders auf Plattformen wie TikTok erklären viele Menschen, die sich etwa bei den Palästina-Protesten engagiert haben, die Situation als schwierig. Dabei betonen sie meist ausdrücklich, das iranische Regime nicht zu unterstützen. Gleichzeitig fällt es ihnen jedoch schwer, sich uneingeschränkt mit den Protesten zu solidarisieren, aus Sorge, dem eigenen politischen Anliegen zu schaden.

Iran als Verbündeter 

Der Iran positioniert sich seit Jahrzehnten offen gegen den Staat Israel und stellt diese Haltung ins Zentrum seiner regionalen Außenpolitik. Für viele Unterstützerinnen und Unterstützer der palästinensischen Sache gilt der Iran deshalb als einer der wenigen Akteure, die Israel konsequent ablehnen und Palästina unterstützen.

Andere arabische Staaten werden in diesem Zusammenhang häufig kritischer gesehen. Ihnen wird vorgeworfen, ihre Unterstützung für Palästina zunehmend zugunsten eigener sicherheits- und wirtschaftspolitischer Interessen zurückzustellen oder ihre Beziehungen zu Israel zu normalisieren.

Angst vor einem „unpolitischen“ Iran 

Wie ein postrevolutionärer Iran konkret aussehen würde, ist offen. Viele Beobachter gehen jedoch davon aus, eine neue politische Führung würde ihre Prioritäten zunächst nach Innen verlagern. Im Mittelpunkt stünden vermutlich wirtschaftliche Stabilisierung und der Wiederaufbau der staatlichen Institutionen.

Außenpolitisch könnte ein solcher Iran zurückhaltender auftreten als bisher. Sollte das islamische System tatsächlich fallen, könnte  ein säkularer Staat entstehen. Damit verbunden wäre potenziell auch eine Annäherung an westliche Staaten, einschließlich der USA. 

Donald Trump und der Iran 

In politischen Debatten im Internet gilt häufig eine verkürzte Faustregel. Alles, was sich gegen Donald Trump richtet, gilt dabei grundsätzlich als positiv.

Trump hat sich wiederholt offen für die Proteste und gegen das iranische Regime ausgesprochen. Er droht wirtschaftlichen Druck auszuüben auf Staaten, die weiterhin mit dem iranischen Staat kooperieren.

Ein postrevolutionärer Iran könnte deutlich US-freundlicher auftreten als bisher. Das legt die offene Unterstützung aus Washington nahe. Gleichzeitig wird genau diese Unterstützung kritisch gesehen. In sozialen Netzwerken taucht immer wieder das Argument auf, der Westen solle sich nicht in die Entwicklungen im Iran einmischen. Die iranische Bevölkerung müsse ihre Proteste und einen möglichen politischen Wandel selbst tragen, ohne äußere Einflussnahme.

Eingeschränkte Solidarität

In der Diskussion rund um die Proteste im Iran fällt vor allem eines auf: Viele Menschen unterstützen politische Bewegungen nicht allein wegen der Menschen, die protestieren, sondern wegen der Folgen, die sie erwarten. Sobald ein Umbruch neue Allianzen oder Unsicherheiten mit sich bringen könnte, wächst die Zurückhaltung.

Dabei ist genau das typisch für jeden politischen Wandel. Neue Regierungen bedeuten neue Prioritäten, neue Verbündete und manchmal auch neue Konflikte. Diese Unsicherheit dient im Fall des Iran plötzlich als Argument gegen Unterstützung. Das wirkt widersprüchlich. In anderen Protestbewegungen wird internationale Aufmerksamkeit oft gefordert. Hier wird sie teilweise abgelehnt.


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