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Patti Smith: Priesterin des Punks über die menschliche Güte

„The idea of this book came to me in a dream“ offenbart Patti Smith und dieses Gefühl wacht im Memoir „Bread of Angels – Die Geschichte meines Lebens“ (2025) mit einer familiären Enthüllung auf. Sie hat bis heute nie aufgehört zu träumen und lädt mit ihrer hellhörigen Kunst dazu ein.
Lena Funke  •  23. Januar 2026 Redakteurin    Sterne  88
Patti Smith heute: eine einladende Geste an alle Sinnsuchenden (Foto: Shutterstock)
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Gesamtkünstlerin, Arbeiterin und Aktivistin Patricia Lee Smith prägt die Punkrockszene seit den 1970er Jahren. Während der zweiten Welle der Frauenbewegung ist sie eine der ersten Rockmusikerinnen in der Männerdomäne. In Sex Revolts (1995) bezeichnen Simon Reynolds und Joy Press ihre Kunst als „Non-Phallischen Rock“, doch ihr ging es stets um androgyne Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschlecht. Nach dem, mit dem National Book Award ausgezeichneten, Just Kids (2010) und den Büchern M Train (2015) und Year of the Monkey (2019) ist Bread of Angels ein autobiografischer Liebesbrief an alle verstorbenen und lebenden Geliebten, die sie auf ihrem Lebensweg geprägt haben. Im Verlauf zieht sie vier poetisch gebügelte Kleider an und wieder aus, wobei sie für die nächsten Generationen bewusst Kleiderbügel freilässt.

Kommunionskleid

In ihrer humanistisch geprägten Kindheit nach dem Zweiten Weltkrieg reihten sich krankheitsbedingte Quarantäne und Genesung aneinander. Als erstes von vier Kindern der Zeugin Jehovas und Kellnerin Beverly und dem Fabrikarbeiter Grant Harrison kam sie 1946 in Chicago mit rebellischem Gedankengut, in ihren Worten „Querbuckel“, zur Welt. Sie entwickelte rasch eine fiebrige Vorstellungskraft, einen romantischen Hang zum Heroischen und den Wunsch nach unkonventionellen Abenteuern.

Als Teenagerin wandte sie sich mit ihren existenziellen Fragen zunehmend von den Zeug*innen Jehovas ab und fand sich in der Kunst und Literatur wieder. In Gedichten von Arthur Rimbaud, für sie ein queer-poetisches Vorbild, fand sie den Anstoß, selbst zu schreiben. 1966 studierte sie Lehramt, doch als sie ein ungeplantes Kind erwartete und es schließlich zur Adoption freigab, widmete sie sich endgültig ihrer unbeirrbaren Berufung als Künstlerin.

Freiheitskleid

Der Künstler ihres Lebens und Photograph Robert Mapplethorpe schenkte ihr das Freiheitskleid aus zerfledderten Taschentuchleinen, mit dem sie sich 1966 in die Szene der bekannten und unbekannten „art/rats“ (Kunstratten) in New York City mischte. Die nach mehr strebende Smith fand ihren Übergang vom Geschrieben zum Gesungenen im berüchtigten Chelsea Hotel und im CBGB, der Geburtsstätte des Punkrock und New Wave, in ihren Augen das „Bollwerk des Unbekannten“.

Mit dem Gitarristen Lenny Kaye, dem Bassisten Ivan Kràl, dem Pianisten Richard Sohl und dem Schlagzeuger Jay Dee Daugherty kreierte die Poesiesängerin die Patti Smith Group und in den Electric Lady Studios das Debütalbum Horses. Die Platte erschien an Rimbauds Todestag 1975 und rief mit eigenwilliger Improvisation, ätherischen Gitarrenläufen und ihrer schrill roher Stimme zur Suche nach Freiheit in einer panischen Welt auf.

Partykleid

Beim Antritt der Horses Albumtour 1976, welche geprägt war von einnehmender Gegenwartslust und physischer Hingabe, warf sie sich das Partykleid mit der aufrichtigen Naivität für Rock ’n’ Roll über. Kurz darauf lernte sie Fred „Sonic“ Smith von der Rockband MC5 kennen, für sie die „Liebe meines Lebens“. Nach einem Sturz während eines Konzerts im Jahr 1977 widmete sie sich Prosagedichten und sehnte sich nach der Bühne, während ihre Gefühle für Fred wuchsen.

1978 erschien das nächste Album Easter, das ihre Rückkehr und ihre wiedererlangte Vitalität ankündigte. Für Easter entstand auch der Welthit Because The Night, geschrieben von Bruce Springsteen, mit dem die Patti Smith Group auf Platz 13 der Billboard Charts landete. Doch Patti merkte rasch einen inneren Rückzug und ließ 1979 mit dem Umzug nach Detroit die Öffentlichkeit hinter sich. 

Hochzeitskleid

In der Mariners‘ Church trug sie neben ihrem frisch Vermählten Fred ein weißes viktorianisches Teekleid mit weißer Strumpfhose. Es folgten eine Reise nach Saint-Laurent-du-Maroni, ein Haus, ein Boot, zwei Kinder und die ersehnte Ruhe zwischen Platten und Kaffee, wo sie ihren Hang zum Vagabundieren auf Papier auslebte.

Die Tragödien ihrer Engsten reihten sich aneinander: Robert starb 1989 an AIDS, Fred 1994 an Roberts Geburtstag an Herzversagen und ihr Bruder Todd erlitt noch im selben Jahr einen Schlaganfall. Sie fand nach der Trauer mit Photographie und dem Album Gone Again (1996) den ablenkenden Wiedereinstieg in die Musik. „Ich hatte etwas Greifbares geschaffen, unbehindert von Kummer oder Freude. Diese Gefühle waren vorübergehend beiseitegelegt, gefaltet wie Flaggen“, schrieb sie. 

„I Am Memory“

Patti Smith gibt ihr künstlerisches Erbe durch ihre Schriften und ihren Aktivismus an die junge Generation weiter, statt es in ihrem Appartement auf der Mac Dougal Street in NYC zu verstauben zu lassen. Seit sie mit 17 Jahren Bob Dylan entdeckte, empfindet sie bis heute eine Verbundenheit mit den Rändern der Gesellschaft und steht mit Mitgefühl für die Ungewollten, Verbannten und Unterdrückten ein. Im Schlachtruflied People Have The Power (1988), inspiriert durch Fred, singt sie:

I believe everything we dream

Can come to pass through our union

We can turn the world around

We can turn the earth’s revolution

We have the power

People have the Power

(Ich glaube, dass alles, was wir träumen, durch unsere Vereinigung wahr werden kann. Wir können die Welt verändern. Wir können die Revolution der Erde verändern. Wir haben die Macht. Die Menschen haben die Macht.)

Ihre allgegenwärtige Dankbarkeit für Zwischenmenschliches, ihr Widerwille, sich an Schubladen anzupassen, und das Vertrauen in die „Herrlichkeit und das herrliche Scheitern“ machen sie zu einer Faszinationsfigur. Bereits am 11. Mai 1975 gab sie anlässlich des Endes des Vietnamkriegs und der Friedenskundgebung The War Is Over im Central Park ihre Stimme dem Pazifismus. 

Noch heute nutzt die Patin des Punks mit geflochten-grauem Haar ihre Stimme für ihre antiautoritäre antifaschistische Vision und legt ihren Glauben in die Jugend. Ihren Instagram-Account, mit mehr als 1,5 Millionen Follower*innen, füllt sie mit Kundgebungen, Schriften und Konzertengagements gegen den Genozid im Gazastreifen und den faschistischen Aufschwung in den Staaten. Die Jugend sehnt sich nach Meinungsklarheit, politisierter und politisierender Kunst, wie auch vorgelebten Lebensweisheiten und wird, neben @thisispattismith, auf ihrem Substack @pattismith fündig.

Kunstschaffende haben die Möglichkeit, ihre Stimme zu erheben. Seite an Seite mit Rock & Roll Hall of Fame Größen, wie Patti Smith, Bob Dylan und Bruce Springsteen, entsteht eine generationsübergreifende und revolutionsstiftende Weitergabe. Nicht nur der musikalischen Werke, sondern auch des Engels Brots, welches für die unerwartete gütige Geste steht.

Buchempfehlung: Patti Smith: «Bread of Angels – Die Geschichte meines Lebens». Kiepenheuer & Witsch, 2025.


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