Mutterschaft ist für sie die höchste Erfüllung, berufliche Ambitionen lehnen sie bewusst ab. Die „Tradwives“ sind eine Subkultur, bestehend aus Frauen, die sich auf Sozialen Medien als traditionelle Hausfrauen inszenieren. Sie sorgen aktuell für Diskussionen. In ihren makellos geputzten Häusern kochen sie aufwendige Rezepte aus Zutaten, die nach Möglichkeit aus dem eigenen Garten stammen, und kümmern sich um ihre Kinder, während ihre Ehemänner abwesend sind.
Kritiker bezeichnen dieses Bild als anti-feministisch. Aber gibt es Argumente, die dafür sprechen? Ein Artikel der britischen Wochenzeitung The Economist beleuchtete jüngst die möglichen Schattenseiten staatlich finanzierter Kinderbetreuung ab dem Säuglingsalter. Der Beitrag bezog sich auf ein Experiment aus dem Jahr 1997 in der kanadischen Provinz Quebec, die ein Ganztagsbetreuungsprogramm für fünf Dollar pro Tag einführte. Das Ergebnis: Die Erwerbstätigkeit von Müttern stieg, die Region wurde weltweit führend in ihrer Müttererwerbsquote.
Doch die Langzeitfolgen für die Kinder waren ambivalent. Studien zeigten eine erhöhte Aggressivität, Ängstlichkeit und Hyperaktivität sowie schlechter entwickelte soziale und motorische Fähigkeiten. Eine spätere Untersuchung im High-School-Alter bestätigte diese Tendenzen und stellte zusätzlich eine geringere Lebenszufriedenheit fest. Somit wirft sich die provokante Frage auf: Sollten Mütter dann nicht einfach zu Hause bleiben?
Zumindest legt dies die politische Stoßrichtung des amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance nahe. Er spricht sich für niedrigere Steuern und direkte Geldzahlungen an Familien aus, um es Müttern finanziell zu ermöglichen, auf eine Erwerbstätigkeit zu verzichten.
Am Ende des Artikels skizziert „The Economist“ zwei Extreme, die sich aus dieser Debatte ergeben: Entweder unterbrechen Mütter ihre Erwerbsarbeit für mehrere Jahre oder Familien geben ihre Babys in ein chronisch unterfinanziertes Betreuungssystem, das deren Bedürfnissen kaum gerecht wird.
An dem einen Ende des Extrems stellt sich dabei die Frage, warum Care-Arbeit in solchen Diskussionen automatisch mit Frauen assoziiert ist. Statt an tradierten Rollenbildern festzuhalten, wäre es an der Zeit sie endlich neu zu denken. Der Vater ist kein „Babysitter“ wenn er sich um seine eigenen Kinder kümmert.
Die Aufteilung von Care-Arbeit ist eine individuelle Entscheidung, die jede Familie für sich treffen muss. Doch das Bild von der Frau, die zuhause bleibt, scheint nur die einfachste Lösung zu sein. Weil Frauen angeblich „fürsorglicher“ und „liebevoller“ sind. Dazu kommt noch das Argument: „Wer weniger verdient, bleibt zu Hause“. In Österreich beträgt der Gender Pay Gap rund 18 Prozent. Frauen verdienen im Durchschnitt weniger und haben dadurch geringere Chancen, als Hauptverdienerinnen aufzutreten. Die Zuschreibung von Care-Arbeit an Frauen ist also kein Zufall, sondern strukturell bedingt
Das zweite Extrem wirft eine weitere Frage auf: Warum sollte der Staat Geld auszahlen, damit Mütter zu Hause bleiben, wenn diese Mittel stattdessen in die Qualität von Kinderbetreuung fließen könnte? The Economist zitiert in diesem Zusammenhang den Nobelpreisträger James Heckman, einen der führenden Experten für frühkindliche Bildung. Sein Fazit ist eindeutig: „Qualität muss eine unerlässliche Voraussetzung für das gesamte Unterfangen sein.“ (“Quality has to be a sine qua non of the whole enterprise“).
Wie gehen wir also mit solchen Argumenten um? Vor allem: kritisch. Die Instrumentalisierung von Studien wie jene aus Quebec, die alte Rollenbilder romantisieren, dürfen wir als Gesellschaft nicht akzeptieren. Das traditionelle Frauenbild mag für manche, beispielweise für die „Tradwives“, die sich bewusst dafür entscheiden, seine Berechtigung haben. Es sollte jedoch nicht als Norm oder Selbstverständlichkeit gelten. Die grundlegende Frage lautet: Ja, Säuglinge brauchen eine intensive Betreuung und Zuwendung, aber können das nur Mütter erfüllen?
Befunde wie des Ecomomist dürfen daher nicht als Argument für eine Rückkehr zu überholten Modellen dienen, sondern sollten dazu beitragen, strukturelle Probleme sichtbar zu machen. Die mangelnde Qualität vieler Betreuungseinrichtungen, ungleiche Bezahlung und die geringe gesellschaftliche Anerkennung von Care-Arbeit, sind die wsentlichen.
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