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Faktencheck: Porträt eines neuen journalistisches Ressorts

Die Faktencheck-Abteilungen der Presseagenturen, klassischer Medien und neuer Initiativen wachsen. Was sie tun und warum sie eine Chance für junge Journalisten sind, in der Branche anzukommen.
Marietta Dümont  •  2. Februar 2026 Volontärin    Sterne  20
Journalistische Faktenchecks ordnen Aussagen ein und trennen virale Empörung von belegbaren Fakten. (Foto: Shutterstock)
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Auf den Bildschirmen der Faktencheck-Abteilung der Austria Presse Agentur läuft immer wieder dasselbe Video. Ein Handy klingelt, doch niemand hebt ab. Ein Redakteur ruft eine Frage in den Raum, die unbeantwortet bleibt. Auf Facebook kursiert ein Beitrag, der angeblich zeigt, wie Wahlhelfer in New York Stimmzettel manipulieren. Tausende Menschen haben den Beitrag geteilt. In den Kommentaren wächst die Empörung. Das Team analysiert die Bilder und vergleicht Straßenschilder. Schließlich steht fest, die Aufnahme stammt aus einem anderen Land und entstand Jahre vor der Wahl. Die Behauptung ist falsch.

Solche Fälle zeigen, wie sehr sich der Journalismus verändert hat. Lange galten Faktenchecks als Randaufgabe neben den klassischen Ressorts wie Politik, Sport und Wirtschaft, doch ihre Bedeutung durch die Flut an Falschmeldungen in den sozialen Medien wächst. Redaktionen reagieren darauf mit spezialisierten Teams und eigenen Veröffentlichungsformaten. Dabei stoßen Faktenchecker regelmäßig auf Probleme. „Ein gründlich recherchierter Faktencheck hat selten dieselbe Reichweite wie eine schnell verbreitete Falschbehauptung. Die Alternative, vor allem in sozialen Medien, wären allerdings unwidersprochene Behauptungen ohne belastbare Grundlage“, sagt APA-Redakteur Stefan Rathmanner. 

Vom Zusatzangebot zum festen Bestandteil

Neben der APA betreiben auch die Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP), das Recherche-Netzwerk CORRECTIV und die Deutsche Presseagentur (DPA) eigene Faktencheck-Redaktionen. Spezialisierte Organisationen wie Mimikama konzentrieren sich ausschließlich auf die Überprüfung von Falschbehauptungen. Auch der ORF baut eigene Faktencheck-Abteilungen aus. 

Viele Faktencheck-Redaktionen arbeiten über nationale Grenzen hinaus, zum Beispiel im German-Austrian Digital Media Observatory (GADMO). Dabei bündeln Journalisten der APA, der DPA, der AFP und des CORRECTIV ihre Recherchen auf einer gemeinsamen Plattform und stellen dort deutschsprachige Faktenchecks bereit. Die Initiative soll helfen, Falschinformationen über Ländergrenzen hinweg zu erkennen und zu erklären. 

Ein Alltag voller Zweifel 

Zu Beginn der Recherche steht immer eine konkrete Behauptung. Redakteure wählen dabei Falschaussagen aus, die gesellschaftliche Relevanz haben. „Die Regierung zwingt die Bürger zur ID-Austria“, schreibt ein Nutzer auf Telegram. Ein anderer behauptet, Ärzte würden Impfstoffe durch eine neue Regelung ohne Einverständnis der Patienten verabreichen. 

Journalisten prüfen die Quellen, sprechen mit Fachleuten und analysieren Bildmaterial. Jeder Schritt wird dokumentiert. Diese Vorgänge brauchen Zeit. Dadurch unterscheidet sich die Arbeit im Faktencheck deutlich vom klassischen Journalismus. „Man hat im Normalfall weniger Zeitdruck und damit mehr Möglichkeiten, in die Tiefe zu recherchieren“, sagt Stefan Rathmanner. Zum Arbeitsalltag gehören auch Schulungen und Veranstaltungen, bei denen Redaktionen ihre Arbeitsweise erklären. 

Chance für Berufseinsteiger

Im Faktencheck arbeiten vor allem jüngere Journalisten, die technisches Wissen mitbringen und sich sicher auf sozialen Plattformen bewegen. Gleichzeitig sind klassische journalistische Fähigkeiten gefragt. „Die wichtigste Voraussetzung ist dieselbe wie im Journalismus: Neugier“, sagt der APA-Redakteur. „Akribie und Freude an kleinteiligen Recherchen können auch nicht schaden.“ Praktikanten und Trainees unterstützen die Teams beim Recherchieren und Verfassen der Texte. Die Größe der Redaktionen variiert, meist arbeiten nur wenige Menschen dauerhaft im Ressort. 

Die fertigen Faktenchecks erscheinen direkt auf den Websites der Medienhäuser. In Kooperation mit Plattformen wie Meta kennzeichnet die Austria Presse Agentur gemeinsam mit der DPA überprüfte Inhalte auf Facebook und Instagram als falsch oder irreführend. Nutzer sehen dort einen Hinweis auf den Faktencheck. Die Faktenchecks erreichen vor allem die Menschen in fragwürdigen Facebook-Gruppen, die dort mit falschen Behauptungen konfrontiert werden.

Nicht alles erweist sich als falsch

Am Ende eines Arbeitstages steht nicht immer ein Faktencheck über falsche Aussagen. „Die Scharia kann in Österreich angewendet werden“, titelt ein Beitrag. Die Redaktion prüft die Aussage und bestätigt ihre Richtigkeit. Religiöse Schiedsgerichte sind in Österreich unter bestimmten Voraussetzungen tatsächlich erlaubt. Der Faktencheck wird veröffentlicht, es wird allerdings auf diese Fälle hingewiesen.

Auch das gehört zur Arbeit. Faktenchecks dienen nicht nur dazu, Falsches zu widerlegen. Sie prüfen Behauptungen. Gerade auf Social Media sind Faktenchecks wichtig, denn sie trennen Informationen von bloßen Behauptungen.


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