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80 Jahre: Was macht eigentlich die Industriellenvereinigung?

Heute ist die Industriellenvereinigung eine der mächtigsten Lobbyorganisationen Österreichs. Dieses Jahr feiert sie ihr achtzigjähriges Bestehen. Doch ihre Wurzeln reichen noch tiefer in die Geschichte, in die Erste Republik und in die Doppelmonarchie. Ihr Einfluss auf die Republik ist ungebrochen.
Robert Gafgo  •  4. Februar 2026 Redakteur    Sterne  754
Zentrum der IV ist das Haus der Industrie. Von 1945 bis 1954 war es außerdem Sitz des Alliierten Rates. Das Foto zeigt die Abschlussparade zum Ende der Besatzungszeit. (Foto: Industriellenvereinigung)
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Wenn internationale Konzerne wie der chinesische Telekom-Multi Huawei Pläne am österreichischen Markt haben, schicken sie zunächst ihre Lobbyisten zu den mächtigsten Entscheidungsträgern. Mit Terminen bei ressortzuständigen Politikern wie Wirtschafts- oder Infrastrukturministern- und Staatssekretären sammeln sie daheim in ihren Konzernzentralen die meisten Punkte, doch auch ins Haus der Industrie am Schwarzenbergplatz 4, dem Sitz der Industriellenvereinigung (IV, führen sie verlässlich ihre Wege. Aus gutem Grund, denn der Einfluss der IV auf vielen Ebenen der Republik ist ebenso bekannt wie erheblich, und historisch gewachsen. Heuer feiert sie ihren 80. Geburtstag, ein Grund, hinter die Kulissen und in die Geschichte der Organisation zu blicken. Was treiben die dort eigentlich?

Start in schwierigen Zeiten

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag das wiederhergestellte Österreich in Trümmern und mit ihm die Industrie. Trotzdem, oder gerade deshalb, gründeten damals Industrielle, darunter Hans Lauda, der Großonkel des Rennfahrers und Unternehmers Niki Lauda, am 18. November 1946 die IV als ihre Standesvertretung. Das Haus der Industrie im dritten Wiener Gemeindebezirk war von Anfang an eng verflochten mit ihr.

Ihre drei Vorgängerorganisationen, der 1862 gegründete Verein der Industriellen, der Centralverband der Industriellen Österreichs (1892) und der Bund der österreichischen Industriellen (1897) bewältigten die Baukosten in Höhe von beachtlichen 2.344.016 Kronen und 59 Hellern mit eigenen Mitteln. Fünf Jahre nach Baustart fand die Eröffnung 1911 im Beisein von Kaiser Franz Joseph statt. In den damaligen Zeiten fortschreitender Industrialisierung galt der Prunkbau als Signal an Staat und Monarchie für die industrielle Macht eines selbstbewussten Bürgertums.

Mit dem Zerfall Österreich-Ungarns am Ende des Ersten Weltkriegs und der Geburt der Ersten Republik vereinten sich die Industrievereine. Das politische Klima jener Zeit war von blutigen Konfrontationen zwischen Sozialisten, Christlichsozialen, Kommunisten und Deutschnationalen geprägt. Die Gesellschaft erlebte eine tiefe Spaltung, deren Risse bis ins Haus der Industrie reichten. Bei Verhandlungen mussten die Industriellen zeitweise das Gemälde von Kaiser Franz Joseph im großen Festsaal verhüllen, um anwesende Arbeitervertreter nicht zu provozieren.

Altösterreich in Lagerhaft

Hass und Polarisierung überschlugen sich bekanntlich 1934 in den bürgerkriegsähnlichen Februarkämpfen zwischen dem linksgerichteten republikanischen Schutzbund und dem Bundesheer, unterstützt durch die konservativen Heimwehren. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß beseitigte die Demokratie und errichtete den austrofaschistischen Ständestaat.

Für die Industrieellenvertretung war das dennoch eine eher ereignislose Ära. Ihr Ende kam 1938 beim Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. „Im Rahmen von Gleichschaltung und Arisierung ersetzten die Nationalsozialisten politische Gegner und Juden durch Parteimitglieder, ehe sie den Industriebund vollständig auflösten“, erklärt IV-Archivar Paul Rachler. „Es gab in Österreich reichlich Profiteure und Unterstützer des Nazi-Regimes (etwa den Kristallglashersteller Swarovski, Anmerkung), doch die führenden Wirtschaftsfunktionäre waren tendenziell antinationalsozialistisch“, sagt Rachler.

Viele Unternehmer waren jüdischer Abstammung, politisch von christlich-sozialer Prägung oder wegen Besitzungen in Nachfolgestaaten der Donaumonarchie von altösterreichischer Gesinnung. Das machte sie zu Zielen des NS-Terrors. Einige flohen aus Österreich. Andere wählten den Freitod. Wieder andere blieben enteignet und verfemt in ständiger Lebensgefahr zurück, wie IV-Gründungsmitglied Franz Josef Mayer-Gunthof. Neben mehreren Verhaftungen war er, zuvor in der Textil-Industrie tätig, 1944 auch kurzzeitig im KZ Mauthausen interniert.

Archivar Paul Rachler im Gespräch mit campus a.Paul Rachler, Haus- und Hofarchivar der IV bietet leitet auch Führungen durch das Haus der Industrie. (Foto: Robert Gafgo)

Hartnäckiger Widerstand

Bis Kriegsende blieben die Versuche der Nationalsozialisten, die von ihnen als „verjudet“ beschimpfte Wirtschaft Österreichs in das reichsdeutsche System einzugliedern, unvollendet. Dagegen trafen sich noch während der letzten Kriegstage die IV-Gründer zur Besprechung des Wiederaufbaus. Treibende Kräfte waren der spätere Finanzminister Eugen Margarétha und Hans Lauda. „Lauda hegte große Abneigung gegen die motorsportlichen Ambitionen seines Enkels. Über Beziehungen blockierte er eine Kreditvergabe an den jungen Lauda, um dessen Weg in die Formel 1 zu verbauen“, sagt Archivar Rachler. „Doch auch außerhalb von Familienangelegenheiten wusste er, seine Kontakte zu nutzen.“

Noch im Dezember 1945 brachte Lauda, bald schon der erste Präsident der IV, ausgewählte Industrielle zusammen und bereitete die Gründung eines freiwilligen industriellen Verbandes vor, der mehr als nur Interessen vertreten sollte. In ihm sollten „ohne großen Beamtenapparat, frei von jedem schädlichen Bürokratismus, alle die Wirtschaft betreffenden Probleme vom Standpunkt der Industrie aus genauestens studiert und begutachtet werden“, formulierte er.

Gemälde von Hans Lauda.Hans Lauda wacht, wie andere verdiente Mitglieder der IV, noch heute in der Gemäldegalerie über das Haus der Industrie. (Foto: Robert Gafgo)

Allgegenwärtige Zerstörung

Für die Industrie waren die Startbedingungen denkbar schlecht. Fabriken und Eisenbahnlinien waren zerbombt. Facharbeiter vielfach verschollen, verstorben oder kriegsversehrt. Zusätzlich beschlagnahmte die Sowjetunion hunderte österreichische Betriebe als „deutsches Eigentum“ zur Reparation erlittener Kriegsschäden.

Die Zerstörung war allgegenwärtig, doch sie war nicht absolut. „Noch vor Kriegsende verlagerten sich Produktionsketten ins Hinterland“, erklärt Rachler. „Sicher versteckt bestand manches Gerät bis in den Frieden fort.“ Schließlich fand am 18. November 1946 die gründende Vollversammlung der Vereinigung österreichischer Industrieller im Festsaal der Wiener Wirtschaftskammer am Stubenring statt.

Das Haus der Industrie war für die Feierlichkeiten keine Option. Vor 1945 noch am Schwarzenbergplatz zu finden, lautete dessen Adresse inzwischen „Stalinplatz 4“. Der Alliierte Rat der Besatzungsmächte Großbritannien, Frankreich, USA und UdSSR hatte an dem von Bombentreffern verschonten Gebäude Gefallen gefunden und es beschlagnahmt.

Alliierte Militärpolizisten während der Besatzungszeit im Seiteneingang des Haus der Industrie.Von 1945 bis 1954 war das Haus der Industrie auch Posten der Alliierten Militärpolizei. Im Foto gut zu sehen: Deren vier Hoheitszeichen, das der USA, des Vereinigten Königreichs , der UdSSR und Frankreichs. (Foto: privat / Industriellenvereinigung)

Zeitgenössische Anekdoten berichten von einem Streit um Zimmer und Inneneinrichtung. Angeblich schleppten Soldaten der vier Armeen bereits am ersten Tag ihres Aufenthalts Möbel von einem Zimmer ins andere und schufen mit teilweise verriegelten Türen ihre hausinternen „Besatzungszonen“.

Die frisch gegründete IV musste sich noch bis zur Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 gedulden, bis sie das ihr bestimmte Haus mit dem Abzug der Alliierten beziehen durfte. Hier fanden auch die die finalen Verhandlungen in der Vorwoche der Unterzeichnung statt.

Eingeritzte Namen von Besatzungssoldaten im Marmor des Hauses der Industrie.Bis auf vereinzelte Gedenktafeln erinnert wenig an die Besatzungszeit im Haus der Industrie. Die Ausnahme findet sich im Eingangsbereich. Hier ritzten 1954 Alliierte Soldaten ihre Namen in den Marmor, etwa ein gewisser J. Buckham oder sein sowjetischer Kamerad in der zweiten Bildhälfte. (Foto: Robert Gafgo)

Im KZ gelernt miteinander auszukommen

Aus der Zeit des autoritären Ständestaats und den Schrecken des NS-Staats entwickelte sich schließlich das System der Sozialpartnerschaft. Gemeinsamer Konsens und Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen sollten eine gesellschaftliche Verhärtung Österreichs ähnlich der Zwischenkriegszeit zukünftig verhindern. Die Arbeiterkammer und die Wirtschaftskammer bilden die Grundlage der Sozialpartnerschaft, mit den Gewerkschaften und der Industriellenvereinigung als jeweilige freiwillige Interessenvertretung.

Mit mittlerweile mehr als 5.000 Mitgliedsbetrieben und einem Büro in Brüssel ist die IV eine der mächtigsten Lobbyorganisationen auf nationaler und europäischer Ebene. Konflikte gehören dabei zum Alltag. Kritiker aus dem Lager der Gewerkschaften und der Sozialdemokraten warfen ihr wiederholt vor, mit Forderungen nach längeren Arbeitszeiten, höherem Pensionsantrittsalter oder Deregulierung vor allem die Interessen großer Konzerne und Vermögender zu vertreten. Umgekehrt kritisierte 2024 der aktuelle Präsident der IV, Georg Knill, die „wirtschaftsfeindliche“ SPÖ würde ein Programm gegen Marktwirtschaft, Unternehmertum und Eigenverantwortung fahren.

Dennoch hat sich der Umgang der Lager miteinander grundlegend gewandelt, betont Archivar Paul Rachler. „Beide Seiten vertreten naturgemäß unterschiedliche Positionen. Die einen wollen mehr Lohn, die anderen weniger Ausgaben. Mittlerweile haben wir gelernt, miteinander zu verhandeln.“

Ein derartiges Grundverständnis sei in den 1930er Jahren nicht vorhanden gewesen. „Da verhärteten sich die Fronten bis zu physischer Gewalt.“ Die gemeinsamen Erfahrungen aus Verfolgung und Zerstörung zur NS-Zeit, als sich die einstigen Gegner aus Arbeiter- und Unternehmerschaft im KZ begegneten, trugen dazu bei, Konflikte künftig am Verhandlungstisch, als auf der Straße auszutragen. Rachler: „Bei aller Kritik ist das aktuelle Verhältnis zwischen Arbeit und Industrie historisch betrachtet eine Erfolgsgeschichte.“

Mitreden bei Polit-Programmen

Der mit ihrem selbstgewählten Auftrag logisch einhergehende Vorwurf, die IV verschiebe politische Prioritäten zugunsten großer Industriebetriebe, weil ihr exklusiver Zugang alternative wirtschaftliche und soziale Interessen ausbremse, wird ihr auch weiterhin bleiben. Schließlich treffen ihre Spitzen laufend mit führenden Politikern zusammen und bringen ihre Positionen in Arbeitsgruppen zu Standortpolitik, Energie und Forschung ein, etwa auch bei der jüngst von der Regierung präsentierten „Industriestrategie 2035“.

Präsident und Generalsekretär führen Hintergrundgespräche im Kanzleramt und im Wirtschaftsministerium und setzen dort Prioritäten wie niedrigere Lohnnebenkosten oder Förderungen für energieintensive Branchen. Landesorganisationen greifen parallel auf regionale Netzwerke zu und koordinieren Wirtschaftskammern, Forschungszentren und große Industriebetriebe. Zugang zu Gesetzesentwürfen im frühen Stadium und ein Vorsprung der Industrie in zentralen Debatten sind damit gesichert.

Der Ausbildungsplatz dieses Autors in der campus a Akademie für Journalismus ist ermöglicht mit freundlicher Unterstützung durch die ÖBB.
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