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Wie Anna Leon das Tanzquartier Wien überschwemmt

Wässrige Tränen, ätzende Galle, blutiges Plasma, und verschwitztes Sperma: Tanzhistorikerin, Forscherin und Kuratorin Anna Leon drehte vom 23. bis zum 25. Jänner die Tanzquartier Wien Studios mit Blick auf politisierte Körperflüssigkeiten von innen nach außen. Ein campus a - Interview mit Anna Leon.
Lena Funke  •  4. Februar 2026 Redakteurin    Sterne  42
Ausfluss & Abfluss: Körperflüssigkeiten kursieren in der eigenen Haut und Ende Jänner 2026 für alle zugänglich im TQW. (Foto: Lena Funke)
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Die, nach „Don’t trace no lines – Practices of diaspora“ (2025), inzwischen vierte Ausgabe des Theoriefestivals Winter School heißt „squirt spill seep swell stream and again“. Das dreitägige Programm zwischen Diskurs und Praxis hat als anregende Grundlage die Zirkulation, Regulierung und Wirkungsweise der leiblichen Liquide. Ohne Anspruch auf Vorerfahrung und Eintritt sind alle willkommen, ob forschend, kunstschaffend, kuratierend, aktivistisch und zuschauend.

Einige Fladenbrotkrümel und in Öl eingelegte Oliven sind noch übrig, als wir uns nach dem Closing Zeit für ein Gespräch über grenzenüberschreitenden Aderfluss, die Choreographie beim Seder und greifbare Betrachtungsweisen von dem Nicht-Sichtbaren.

campus a: Als Kuratorin bist du verantwortlich für die diesjährige Winter School im Tanzquartier Wien (TQW). Der Titel beinhaltet repetitive Bewegungen mit unterschiedlicher Intensität und Geschwindigkeit, sowie Kraft und Spannung. Was bedeutet „squirt spill seep swell stream and again“ für dich?

Anna Leon: Seit meinem Arbeitsanfang beim TQW war die Winter School das Projekt, das für mich emotional und politisch am wichtigsten war. Eigentlich bin ich jemand, der Dinge wie eine gute Schülerin macht, doch mit der Winter School hatte ich eine Art instinktives Gefühl dafür, wie es gemacht werden sollte. Ich wollte Worte finden, die vermitteln, was Flüssigkeiten in Bezug auf die Nichtbeachtung von Grenzen tun. Durch die S-Alliteration zieht, zusätzlich zur sensorischen Ebene, auch die sprachliche Ebene Aufmerksamkeit auf sich.

campus a: Diese Körperflüssigkeiten verstehst du als politisierte und kommerzialisierte Substanzen, sowie als materielle Metaphern. Wir sitzen hier nebeneinander mit einer fluiden Dauerzirkulation in uns, die Liquide haben also eine räumliche Omnipräsenz. Warum wolltest du ihnen den Raum in Form eines Theoriefestivals bieten?

Anna Leon: Der Akt des Aufbrechens der Haut lässt Blut austreten und bietet die Möglichkeit, über Grenzen, Subjekte und Autonomie zu sprechen. Bei Sperma ist plötzlich auch von Männlichkeit die Rede, von Fortpflanzung und Ressourcen. Welche Türen können die Körperflüssigkeiten öffnen, um Somatisches auf greifbarere Weise zu betrachten und nicht nur als abstrakte Konzepte? Außerdem sind Körperflüssigkeiten wortwörtlich politische Substanzen, die reguliert, unterdrückt, verkauft und zu Waren werden. Ich denke, dass es unumgänglich ist, über Politik auf einer fundamentalen materiellen Ebene zu sprechen.

Die Kuratorin vermittelt die Erkenntnisdringlichkeit der Politik im eigenen Körper. (Foto: Christina Gillinger-Correa Vivar)

campus a: Wasser und Gift, Blut und Plasma, Galle und Tränen, Sperma und Schweiß. Hattest du weitere Substanzen, wie Urin oder Muttermilch, in Erwägung gezogen?

Anna Leon: Ich hätte gerne etwas darüber gemacht, wie wir Urin abgeben, um anhand unserer Ausscheidungen zu sehen, ob wir gesund sind oder nicht, was auch immer das aus medizinischer Sicht bedeutet. Gegen Muttermilch hatte ich eine Abneigung, da ich befürchte, dass es zu essentialistische Vorstellungen von Mutterschaft hervorruft, mit denen ich mich unwohl fühlen würde.

campus a: Für Besuchende können die ausgewählten Liquide als „schmutzig“ konnotiert sein. Die faschistische Ideologie basiert primär auf der Reinheit des Körpers. Siehst du deine kuratorische Arbeit als einen aktivistischen Ausdruck an?

Anna Leon: Es macht mich natürlich glücklich, wenn Menschen etwas lernen, was ihnen beim Kampf gegen den Faschismus hilft. Ich möchte aber nicht behaupten, dass wir etwas tun, was die Machtverhältnisse wesentlich verändert. Das hier ist nicht die reale Welt. Wir befinden uns in einer Institution für zeitgenössischen Tanz und Performancekunst, die natürlich einem breiten Publikum offensteht. Aber wie viele dieser Veranstaltungen richten sich wirklich an Menschen, deren Denken sich von rechtsextremem und faschistischem Ideengut lösen muss?

campus a: Hinter diesem Wochenende steht eine intensive Vorbereitungszeit der Kuration. Warst du im Vorfeld von einer Arbeit so bewegt, dass du sie in der Umsetzung nicht hättest missen wollen?

Anna Leon: Das ist ganz sicher Luna (Luz de Luna Duran, Dozentin für Body Art und Aymara-Künstlerin für extreme rituelle Performance, unter anderem bei „SANCTA“ und „A YEAR WITHOUT SUMMER“ von der österreichischen Choreografin und Performancekünstlerin Florentina Holzinger). Ich habe sie kennengelernt, weil ich über die Geschichte des Balletts und Florentina Holzinger geschrieben habe. Wir haben uns über all die Gewalt unterhalten, die Ballettkörper erfahren haben. Für Luna musste ich einfach die Voraussetzungen schaffen, damit sie auftreten kann.

Die bolivianische Body-Art-Performerin erkundet die spirituelle Bedeutung von ritualisiertem Schmerz, Aufbegehren und Erinnerung, indem sie das Durchbrechen der Haut zum Akt der Subversion, der Liebe und der kollektiven Hinterfragung werden lässt. (Foto: Christina Gillinger-Correa Vivar)

campus a: Chapeau, denn vor ihrer eröffnenden Lecture-Performance „Embodied Resistance: Piercing, Bloodletting, and Skin as Ritual Archive“ habe ich noch nie Blut im Studio fließen sehen und sie hat mich zu Tränen gerührt. Künstlerin und Köchin Gosia Lehmann und Künstler Valerian Blos haben mit der Food-Performance „Substance of Power“ bei mir einen wässrigen Mund bewirkt.

Gosia Lehmann und Valerian Blos laden mit „Substance of Power“ dazu ein, die bittere Wahrheit hinter dem spätkapitalistischen technologischen Konsumismus zu schmecken. (Foto: Christina Gillinger-Correa Vivar)

campus a: Innerhalb der letzten drei Tage gab es neben dem theoretischen Programm auch ein gastronomisches. Du bist jüdische Griechin, hat das Einfluss genommen auf die Bewirtung, wenn du dich mit der Frage wohlfühlst?

Anna Leon: Dass es zu jeder Sitzung Essen gab, hat mit Pessach zu tun, dem spezifischen Feiertag, welcher an den Auszug aus Ägypten erinnern soll. Für mich ist das eine intensive körperliche Erfahrung, denn beim rituellen Mahl Seder (Ordnung) zu Pessach bedeutet es, gemeinsam die Geschichte mit einer bestimmten Choreografie zu essen: während den Erzählungen von den bitteren Erfahrungen unserer Vorfahren, isst man bittere Kräuter. Im Judentum geht es für mich um bestimmte Verhaltens- und Denkweisen über die Welt, die mich den Umgang mit Anderen gelehrt haben.

campus a: Gerade sitzen wir in einem sich leerenden Empfangsraum, aber die Menschen haben sicherlich Spuren hinterlassen. Gab es spezifische Reaktionen und Fragen aus dem Publikum, die dich überrascht oder inspiriert haben, dich mehr damit zu beschäftigen?

Anna Leon: Das Publikumsgespräch nach der Plasmaeinheit (Doktorandin für Soziologie und Sozialanthropologie der Central European University Wien Zsófia Bacsadi sprach über Plasma als wertvolle strategische Ressource) hat mich sehr inspiriert. Die Besuchenden zeigten bewusste Bereitschaft, sich damit auf der Ebene der Materialgewinnung und -kommodifizierung auseinanderzusetzen. Ich versuche immer, diesen Moment zu schaffen, in dem es die Möglichkeit gibt, über Dinge zu sprechen, aber manchmal sagt dir ein schweigender Raum auch, dass es andere Reaktionsmöglichkeiten gibt.

Layal Ftouni wendet sich mit dem Vortrag „Exiting Prison, Making Life in Palestine“ dem Schmuggel von Sperma inhaftierter Personen als eine lebensschaffende Praxis angesichts siedlerkolonialer Gewalt zu. (Foto: Christina Gillinger-Correa Vivar)

In der Lecture-Performance „Bitter Gall“ setzt sich Lindsey Drury körperlich poetisch mit dem Erbe des Siedlerkolonialismus in Nordamerika auseinander. (Foto: Christina Gillinger-Correa Vivar)

campus a: Die Assistenzprofessorin für Gender Studies der Universität Utrecht Layal Ftouni befasste sich damit, wie der Schmuggel von Sperma die kolonialistischen Bemühungen zur Einschränkung der Fortpflanzung in Palästina umgehen kann. Performancehistorikerin Lindsey Drury stellte sich einem Übel erregenden Erbe, um ein bitteres, flüssiges Porträt der Vergangenheit-im-Körper-Gegenwart zu formen. Meinst du eine Antwort auf die Winter School Leitfrage der Handlungsfähigkeit jenseits einer Politik von Sichtbarkeit und Repräsentation gefunden zu haben?

Anna Leon: Für mich ist es wichtig, dass wir die Grenzen unseres Handelns kennen. Mir geht es nicht darum, ein bereits bestehendes Paradigma zu nehmen und es für mehr Menschen zu öffnen. Ich hoffe, dass wir dem Preis nähergekommen sind, den Körper für die Kategorien zahlen. Um einen Rahmen zu schaffen, der die Grenzen davon aufzeigt und um anzufangen, über eine Kulturpolitik nachzudenken, die wirklich berücksichtigt, worum es geht.

Aus dem Englischen übersetzt.

Anna Leon ist eine in Wien lebende Forscherin und Kuratorin. Sie ist Postdoktorandin an der Akademie der bildenden Künste Wien und arbeitet an der Schnittstelle von Tanzgeschichte, Kulturgeschichte, kritischer Theorie und Ästhetik. Ihre kuratorischen Projekte bewegen sich zwischen diskursiven, theoretischen und performativen Praktiken und umfassen das Theorieprogramm des Tanzquartier Wien (2022–2025), die in Salzburg ansässige (künstlerische) Forschungsplattform tanzbuero (mit Gwendolin Lehnerer, Lisa Hinterreithner und Dominik Jellen), die Radio (non-)conference (mit Netta Weiser) sowie Choreography+ (mit Johanna Hilari). 

Mit: Zsófia Bacsadi, Ari Ban, Estelle Benazet Heugenhauser, Giorgio Brocco, Elijah Doro, Lindsey Drury, Luz de Luna Duran, Layal Ftouni, Moira Hille & Ruth Sonderegger, Lens Kühleitner, Gosia Lehmann & Valerian Blos. Opening-Cocktails von Julischka Stengele, Stefanie Sourial.

Weiterempfehlung: Ftouni, Layal. „‚They Make Death, and I’m the Labor of Life‘: Palestinian Prisoners’ Sperm Smuggling as an Affirmation of Life“. Critical Times: Interventions in Global Critic Theory, Ausgabe 7, Heft 1, Duke U Press, April 2024, S. 94–109. https://doi.org/10.1215/26410478-11082977.


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