Wer hätte das noch vor einem Jahr gedacht: Volkswagen hat 2025 in Europa mehr batterieelektrische Fahrzeuge (BEVs) verkauft als Tesla. 274.000 VW-Modelle gingen weg, Tesla schaffte 236.000, womit VW etwa mit dem ID.3, dem ID.4 und dem ID.7 der absatzstärkste Hersteller von Elektroautos auf dem europäischen Markt ist. Auf Parkplätzen, in Firmenflotten und vor Einfamilienhäusern stehen immer häufiger Elektroautos auch von BMW und Mercedes.
In der öffentlichen Debatte klingt das noch anders. Da geht es um den Aufstieg von BYD, um Chinas Batteriehoheit, um den vermeintlichen Absturz der deutschen Industrie. Tatsächlich kämpfen deutsche Hersteller mit hohen Kosten, komplexen Strukturen und politischen Vorgaben. Doch gleichzeitig übersehen viele Kommentatoren, wie stark die Deutschen im europäischen Elektrosegment zuletzt zugelegt haben. Der Autoexperte Uwe Dieter Grebe von der TU Wien bringt die Lage auf einen präzisen Nenner: „Technologisch ist die Weiterentwicklung der Elektrofahrzeuge bei allen Herstellern enorm nach vorne gegangen.“
Die Probleme bleiben real
Die deutsche Autoindustrie steht dennoch unter Druck. Hohe Energiekosten, ambitionierte CO₂ -Vorgaben, Investitionen in Software und Batteriefabriken belasten die Margen. Gleichzeitig drängen chinesische Anbieter mit aggressiver Preispolitik nach Europa. „Produkte aus China haben einen sehr, sehr hohen Preisvorteil, der sich überall widerspiegelt“, sagt Grebe. Dazu lasse der politische Rahmen in Europa zu wenig Spielraum. Das faktische Verbrenner-Aus ab 2035 bezeichnet Grebe als „vollkommen utopische Gesetzesvorgaben“. Industrie müsse sich transformieren und Gewinne erwirtschaften, beides parallel zueinander.
Trotzdem verschiebt sich das Bild. Etwa, weil deutsche Hersteller über dichte Vertriebs- und Servicenetze verfügen. Dieser Faktor wirkt im Elektrozeitalter stärker als viele erwartet hatten. „Nachhaltige Markterfolg geht mit guten Netzwerkangeboten für die Kunden einher“, sagt Grebe. Ein Elektroauto benötigt zwar weniger Wartung, doch Reparaturen, Ersatzteile, Garantieabwicklung und Softwareupdates verlangen Struktur. Hier punkten etablierte Konzerne. Auch technologisch existiert kein Rückstand mehr. „Bei der Weiterentwicklung der Elektrofahrzeuge hat sich viel getan.“ Plattformen wie MEB oder PPE erreichen hohe Effizienzwerte, moderne Softwarearchitekturen verkürzen Updatezyklen.
Marktanteile sprechen eine klare Sprache
Im europäischen Elektrosegment steigern deutsche Marken ihren Anteil kontinuierlich. Während Tesla Marktanteile abgibt und chinesische Hersteller langsamer wachsen als erwartet, sichern sich die Konzerne aus Wolfsburg, München und Stuttgart wieder größere Stückzahlen. Deutschland profitiert dabei besonders vom Heimatmarkt, doch auch in Frankreich, Skandinavien und den Benelux-Staaten steigen Zulassungen deutscher Modelle spürbar. Die Aufholbewegung erfolgt leise, aber konstant.
Der Volkswagen ID.4 entwickelt sich dabei zum Volumenmodell. Der BMW i4 überzeugt mit Reichweite und Effizienz. Der Audi Q8 e-tron positioniert sich im Premiumsegment erfolgreich. Diese Fahrzeuge kombinieren vertraute Markenidentität mit elektrischer Technologie. Käufer wechseln nicht zu einer völlig neuen Marke, sondern bleiben im gewohnten Ökosystem.
Aus Fehlern gelernt
Deutsche Hersteller lernen aus Fehlern. Frühere Softwareprobleme führten zu massiven Investitionen in die eigene Kompetenz. Produktionskosten sinken durch Plattformstrategien. Die Preispolitik wird flexibler. Leasingangebote und Flottenprogramme erhöhen die Sichtbarkeit auf den Straßen. Ingenieurtradition spielt weiterhin eine Rolle. Fahrwerkabstimmung, Verarbeitungsqualität, Geräuschkomfort bleiben zentrale Argumente.
Auch bei der Reichweite haben die Deutschen stark zugelegt. Die ist für viele Kunden nach wie vor das wichtigste Entscheidungskriterium. Deutsche Modelle erreichen inzwischen 500 bis 600 Kilometer im oberen Segment. Effizienzoptimierung bei Antrieb, Aerodynamik und Thermomanagement reduziert reale Verbrauchswerte deutlich.
800-Volt-Architekturen verkürzen Ladepausen, Wärmepumpensysteme stabilisieren Effizienz im Winter. Die anfängliche Reichweitenangst verliert an Bedeutung, weil reale Erfahrungswerte steigen. Flottenkunden bestätigen Alltagstauglichkeit, Pendler schätzen planbare Ladeinfrastruktur.
Beliebter ID.7
Das in Europa meistverkaufte Elektroauto eines deutschen Herstellers ist der ID.7 von VW, was ebenfalls die wenigsten Branchenkenner vorausgesehen hatten. Als VW ihn 2023 in Shanghai erstmals präsentierte, überraschte er sie mit seiner Bauart. Eine Limousine? Obwohl Limousinen zu diesem Zeitpunkt totgesagt waren und die SUVs boomten?
Doch statt auf Größe setzte der ID.7 auf Aerodynamik und erreichte mit einem besonders niedrigem Luftwiderstand eine Reichweite von mehr als 600 Kilometern, was ihn zum Langstreckenauto unter den deutschen Stromern machte. Für Aufmerksamkeit sorgte auch sein intelligentes Klimasystem, das selbstständig erkennt, wo die Sonne ins Fahrzeug scheint, und die Kühlung gezielt anpasst. Es scheint, als hätten die deutschen Ingenieure und Strategen nach einer Phase der Verwirrung zurück zu ihren alten Stärken gefunden.
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