Neben Mono- und Polygamie wird aktuell „Sologamie“ immer wichtiger. Frauen heiraten sich selbst, sind „single by choice“ und steigen als Selbstexperiment ein Jahr lang aus dem Datingmarkt aus. Oder sind Singles doch unglücklich und einsam? Eine neue Studie zeigt: Lange Zeit single zu sein, macht viele junge Erwachsene unzufrieden.
28 und noch nie in einer Beziehung gewesen: in der Reality TV Serie „Love is Blind“ sorgte das für Unbehagen. In der Sendung lernen sich die Kandidatinnen und Kandidaten blind kennen, um im besten Fall am Ende zu heiraten. Kandidatin Wandi ist ihr ganzes Leben lang single, was ihr Date Jubriel als potenzielles Problem ansieht. Hat das lange Single-Dasein negative Spuren hinterlassen?
Laut einer neuen Studie wäre das möglich. Der Psychologe Michael Krämer führte sie an der Universität Zürich mit Daten von 17.000 Menschen zwischen 16 und 29 durch. Die Studie legt nahe: Dauerhaftes Single-Sein wirkt sich eher belastend aus. Mit jedem weiteren Jahr als Single können sich sogar depressive Symptome entwickeln. Gleichzeitig werden laut Krämer Singles, die mit ihrem Leben insgesamt unzufrieden sind, wohl auch noch länger single bleiben. Denn durch eine weniger positive Ausstrahlung wirken sie unattraktiver, erklärt der Psychologe.
Die Studie spricht von Durchschnittswerten, campus a hat bei Singles zwischen 16 und 29 nachgefragt. Hier zeigt sich ein anderes Bild.
In unserer kleinen Umfrage betonen die vier Männer und sechs Frauen mehrheitlich die positive Seite des Single-Seins. Sie genießen Freiheit und Unabhängigkeit. Einige sind schon ihr ganzes Leben lang single und vor allem jüngere spüren kaum Druck, sich zu binden. „Ich sehne mich nicht nach einer Beziehung, anderes ist mir wichtiger. Sport zum Beispiel, und auch die Schule“, erzählt die 16-jährige Martha. Dass ihre Freundinnen gerade erste Erfahrungen mit romantischen Beziehungen machen, stresst sie nicht.
In derselben Situation war die 19-jährige Amelie, die in Deutschland internationale Beziehungen studiert. Ihre Einstellung hat sich in den vergangenen Monaten allerdings verändert. „Mittlerweile fände ich es schon cool, mal jemanden kennen zu lernen und die erste Erfahrung zu machen“, gibt sie zu.
Noch deutlichere Zweifel hegt die 24-jährige Studentin Eleni. „Jetzt werde ich bald 25 und frage mich manchmal: Verpasse ich die ganze Zeit etwas?“ Andererseits habe sie in all den Jahren so viel erlebt und auch ohne Beziehung schöne Zeiten gehabt.
Ines, 19 und Studentin an der WU würde Eleni wohl beruhigen. „Es ist voll anstrengend, eine Beziehung zu führen.“ In vielen Situationen ist sie lieber alleine.
Auch Ronja, 29 Jahre alt, sieht die Sache relativ. „Es gibt immer so Tage, da wäre ich gerne in einer Beziehung. Aber alles in allem bin ich zufrieden, so wie es ist.“
Was meinen die Männer zu dieser Frage? „Ich hab nichts gegen meine Situation“, meint Adrian, Bauingenieurwesen-Student an der TU Wien. Er habe viel zu tun und dadurch kaum Zeit für eine romantische Beziehung.
Im Gegensatz dazu sagt Linda über ihren guten Freund Jona, ihm sei ohne Beziehung langweilig. „In dieser Altersgruppe ist es halt eher normal, sich eine Beziehung zu suchen als Single zu bleiben“, meint Emil, der Dritte in der Gesprächsrunde. Alle drei sind 19, und auch Nick, 21, macht es nachdenklich, „wenn alle um einen herum glücklich vergeben sind.“
Der gesellschaftliche Druck wächst jedenfalls mit zunehmendem Alter, vor allem bei Frauen und besonders in der eigenen Familie. „Ich finde es toll, single zu sein“, sagt Esther. Ihre Mutter hingegen erkundige sich immer offener, wann denn endlich ein Partner auftauche. „Mit 29 habe ich die biologische Uhr schon im Hinterkopf“, sagt Ronja. Sie spürt den Stress, weiß aber nicht, ob er von innen kommt oder durch falsche Erwartungshaltungen und Rollenbilder geprägt ist.
Junge Menschen verweigern jedenfalls zunehmend das Dating-Game, hat Esther beobachtet. Dating ist nach wie vor Teil der Kultur der Generation Z. Doch Amelies Traumvorstellung sieht anders aus. Wenn schon ein Mann, dann wenigstens nicht nach einem klassischen Dating-Marathon, also ohne „vorher tausend Leute gedatet zu haben“.
Wie sich die Meinungen zu Online-Dating spalten, macht auch eine aktuelle Folge des Diskussionsformats „13 Fragen“ auf YouTube deutlich. Die beiden Parteien können sich trotz Gruppenumarmung am Ende der Diskussion ganz und gar nicht einigen, ob Dating-Apps nun gut oder gefährlich sind. Die Generation Z nutzt sie laut Studien jedenfalls weniger als die Generation Y. Wenn schon Dating, dann bitte mit spannenden Themen. Die Hälfte von 41.000 Befragten bei einer Studie der Dating-App Bumble fand es besonders attraktiv, mit Matches über nerdige Nischenhobbies zu sprechen. Menschen der Gen Z scheinen ihre Dates auf einer tieferen Ebene kennenlernen zu wollen, schlussfolgern die Autorinnen.
Viele junge Menschen löschen die Apps aber wieder. Sie geben an, sich dort wie ein Produkt zu fühlen. Oder, wie es die Kulturwissenschaftlerin Beatrice Frasl formuliert, „Menschenshopping“ zu betreiben. In ihrem Buch „Entromantisiert euch!“ meint sie, die romantische Liebe sei kaputt und plädiert für die Abschaffung romantischer Beziehungen. Zumindest sei es nicht weiter schlimm, keine zu führen.
Dem stimmen auch die von uns Befragten zu, doch die sozialen Medien zeichnen weiterhin ein anderes Bild. Die Influencerin Payton Poulston etwa spricht vom „chronisch Singlesein“, wie über eine Krankheit. Ihre Kollegin Vici vergleicht Single-Sein mit 30 sogar damit, als Fünfjährige als letzte von einer Geburtstagsparty abgeholt zu werden. Ein männlicher Creator beschreibt sich selbst mit traurigem Sound im Hintergrund als „hoffnungslosen Romantiker, der bisher nur geliebt hat, ohne je zu erleben, selbst geliebt zu werden.“ Ob nun glücklich oder unglücklich, die von uns befragte Esther findet: „Wir sollten Single-Sein gesellschaftlich auf jeden Fall normalisieren.“
Die Namen der Befragten wurden von der Redaktion geändert.
Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.