Im Schatten der Schönheitsideale in den sozialen Medien ist die Black Pill-Bewegung entstanden. Es geht es um das „Pretty Privilege“ und um jene, die es nicht haben. Sie teilen ihren Frust darüber und finden darin ihre Stärke. Doch das Ganze hat bedrohliche Aspekte.
„Wenn jemand ein Foto von dir macht und alles, was du fühlst, ist kompletter Ekel und Hass für dein Gesicht, aber so sehen dich Leute im echten Leben jeden Tag.“ Der TikTok-Post mit diesem Text zeigt im Hintergrund einen normschönen jungen Mann.
Eine neue pseudowissenschaftliche Bewegung namens „Black Pill“ (kurz „bp“) erobert TikTok. Teenager posten Videos, in denen sie persönliche Misserfolge mit ihrem Aussehen erklären. Entstanden ist das Ganze aus der frauenfeindlichen Incel-Community, in der sich unfreiwillig sexuell enthaltsamen Männer treffen. Weshalb vor allem Buben im Teenageralter die „schwarze Pille“ schlucken.
Das Symbol der schwarzen Pille nimmt Bezug auf den 1999 erschienenen aus „Matrix“. In dem Kultfilm steht die blaue Pille für ein Leben mit rosaroter Brille, aber damit auch für den Verzicht auf eine Weiterentwicklung zu Höherem. Denn nur die rote Pille versetzt in die Lage, die Scheinwelt zu entlarven und die Wahrheit zu sehen.
Die Incel-Community griff diese Idee in den 2010er-Jahren auf, entwickelte sie weiter und verbreitet sie nun in diversen Foren und Plattformen. „Black Pill“ ist ein deterministisches, nihilistisches Modell, demnach Gene die Attraktivität und somit das menschliche Leben bestimmen. Aussehen ist für alles verantwortlich, für Arbeit, Beziehungen, Status und Chancen im Leben. Es geht um das „Pretty Privilege“ und um jene, die es nicht haben. Sie teilen ihren Frust darüber.
Die „Brille der Wahrheit“ kann durchaus schmerzhafte Einblicke eröffnen. Denn die User gehen grob mit sich und miteinander um. Sie bewerten sich gegenseitig, oft mittels KI, mithilfe einer Skala, auf der sie null bis acht Punkte erzielen können. Entscheidende Faktoren dabei sind Männlichkeit, Hautqualität, Kieferpartie und Wangenknochen.
Wer einen Wert zwischen null und eins erzielt, gilt innerhalb dieser Internet-Subkultur als „unmenschlich“. Die Ideale, verkörpert durch die Figuren „Chad“ und „Stacy“, sind unerreichbar. Chad hat helle Haut und einen definierten Kiefer. Er ist blond, blauäugig, muskulös, jung und reich. Er steht für eine Norm, die ethnischen Abweichungen davon tragen innerhalb der Community stereotype, oft rassistische Bezeichnungen. Für die weibliche Stacy gilt Ähnliches.
Letztendlich geht es der Black Pill-Bewegung auf TikTok, aber nicht um gegenseitiges Niedermachen, sondern um „Looksmaxxing“, also um Selbstoptimierung. Ein Aufstieg, also eine „Ascension“ ist trotz allem immer möglich, so die Botschaft. Dazu bietet die Bewegung Tipps, von harmlosen Ernährungsempfehlungen bis zu gefährlichen Überdosierungen von Medikamenten und Hormonen wie IGF-1, das zu Knochen- und Muskelwachstum beitragen soll.
Die Salzburger Psychologin Sabine Viktoria Schneider hat eine einfache Erklärung für das Phänomen. Die Black Pill- Bewegung hebt die Unsichtbarkeit in den scheinbar so perfekten sozialen Medien auf. Durch sie finden Menschen außerhalb der Schönheitsnormen Gleichgesinnte, mit denen sie sich identifizieren können.
Laut Schneider ist die Bewegung allerdings brandgefährlich. Die Grenzen zwischen den extremistischen frauenfeindlichen Incels und der Black Pill-Bewegung verschwimmen. Doch wie kann sie überhaupt so viel Zuspruch finden?
Die Hauptprobleme sind laut Schneider Einsamkeit, Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit. Aufgrund ihrer Jugend hat die Zielgruppe wenig Selbststärke, was sie besonders manipulierbar und angreifbar macht.
Obwohl sich die Black Pill-Bewegung vor allem auf Teenager und junge Männer konzentriert, weitet sie sich unter der Bezeichnung „Pink Pill“ auch auf Frauen aus. Ein Video zeigt eine Mit-Zwanzigerin während einer Binge-Eating-Episode. Dazwischen Bilder eines Laufstegs voller dünner, blonder, blauäugiger Models. Der Text dazu: „Mehr Glück nächstes Mal.“
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