Am Morgen öffnen in der Inneren Stadt die Geschäfte, Menschen gehen über den Stephansplatz, in den Cafés sitzen Stammgäste bei Kaffee und Zeitung. Viele Wege sind kurz, Parks und Grünflächen liegen in der Nähe, die Häuser sind gut erhalten. Hier, im Zentrum Wiens, erreichen Menschen statistisch gesehen das höchste Durchschnittsalter der Stadt. Die Lebenserwartung liegt bei rund 82,7 Jahren. In Döbling ist sie mit etwa 82,4 Jahren ähnlich hoch. Ein paar U-Bahn-Stationen weiter zeigt sich ein anderes Bild.
Floridsdorf: Wo Wien früher stirbt
In Floridsdorf prägen Wohnanlagen, breite Straßen und Gewerbeflächen das Stadtbild. Auch hier leben Familien, gehen Menschen zur Arbeit, wachsen Kinder auf. Doch statistisch gesehen ist die durchschnittliche Lebenszeit kürzer. Sie liegt hier bei nur 74,5 Jahren. Auch in Favoriten, Ottakring oder Simmering beträgt sie etwa 75 Jahre. Zwischen dem Bezirk mit dem höchsten und jenem mit dem niedrigsten Wert liegen damit knapp acht Jahre Unterschied, und das innerhalb derselben Stadt.
Diese Zahlen bedeuten nicht, dass eine einzelne Person automatisch früher stirbt, nur weil sie in einem bestimmten Bezirk wohnt. Es handelt sich um Durchschnittswerte. Die Statistik zeigt, wie alt Menschen in einem Bezirk im Schnitt werden, bei Auswertung aller Todesfälle. Was nichts daran ändert: In Wien hängt die Lebenserwartung mit der Adresse zusammen.
Woran liegt das?
Fachleute nennen mehrere Gründe dafür. Ein Faktor ist das Einkommen. Wer mehr verdient, kann sich bessere Wohnungen leisten, lebt ruhiger, hat mehr Zugang zu Freizeit- und Bewegungsmöglichkeiten. Auch die nach Bezirken ungleich behandelte Bildung spielt eine Rolle, weil sie mit Berufschancen, Gesundheitswissen und Lebensstil zusammenhängt.
Hinzu kommen Umwelt- und Wohnbedingungen. Luftqualität, Lärmbelastung, Verkehrsdichte oder die Nähe zu Grünflächen. Wer regelmäßig im Park spazieren gehen kann, lebt unter anderen Bedingungen als jemand, in dessen Umgebung es nur stark befahrene Straßen gibt.
Auch das Geschlecht spielt eine Rolle. „In Wien, und auch weltweit, zeigt sich der klassische ‚Frauenbonus‘: Frauen leben überall vier bis fünf Jahre länger“, sagt Daniela Haluza, Public Health-Expertin der Medizinischen Universität Wien. In wohlhabenden Bezirken schrumpft dieser Abstand, in ärmeren wächst er.
Mit der medizinischen Versorgung hat die unterschiedliche Lebenserwartung hingegen nichts zu tun. Die ist in ganz Wien gut ausgebaut.
Wie die Lebenserwartung berechnet, wird
Grundlage bei der Berechnung ist die sogenannte periodische Lebenserwartung bei Geburt. Dahinter steckt ein einfaches Prinzip: Statistiker analysieren, wie hoch die Sterblichkeit in allen Altersgruppen aktuell ist. Daraus errechnen sie, wie alt ein heute geborenes Kind im Durchschnitt werden würde, wenn diese aktuellen Bedingungen gleichblieben. Haluza erklärt dazu: „Für den Bezirksvergleich ist die periodische Lebenserwartung bei Geburt der methodische Goldstandard.“ Diese Zahl beschreibt nicht das Schicksal einzelner Personen. Sie zeigt die durchschnittlichen Verhältnisse in einem Bezirk. Wenn jemand später umzieht, verändert das nicht rückwirkend die Statistik des Geburtsjahrgangs. Es gibt also keinen Grund, Favoriten, Ottakring oder Simmering fluchtartig zu verlassen.
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