Modetrends ziehen manchmal Inspiration aus der Vergangenheit. Die Vintage-Jeans aus den Achtzigern, die noch die eigene Eltern-Generation auf Polaroidfotos tragen, oder Chappell Roans Mode. Die Popsängerin macht einen Sprung zurück in der Zeit, indem sie in halber Ritterrüstung performt oder ihren Grammy Award mit Hennin (einer kegelförmigen Kopfbedeckung) entgegen nimmt.
Aber nicht nur in der Fashionszene feiern die jüngeren Generationen das Mittelalter. Literatur, Film oder Musik nehmen es sich zum Vorbild und prägen damit die Gegenwart. „Das ermöglicht es den Beteiligten, eine Welt rund um einen Look zu erschaffen. Eine Welt, die Gemeinschaft stiften kann und sicherlich auch den Eskapismus mit sich bringt, den die beständigeren ‚Cores‘ bieten,“ schreibt die Moderedakteurin Lauren Cochrane schreibt im britischen Guardian.
Der Trend-Report Pinterest Predicts 2025 verzeichnet einen Anstieg der Suchanfragen nach dem Begriff „medievalcore“ um 110 Prozent. Für 2026 sagt die Plattform einen gotischen Vampir-Trend vorher. Tatsächlich erscheinen laufend von Bram Stokers Dracula inspirierte Filme. So auch Luc Besson’s Dracula – A Love Tale, der aktuell die Kinosäle füllt. Eine gotische Romanze eines spätmittelalterlichen Prinzen, der durch den Verlust seiner Frau in das Vampirtum gelangt.
Auch im Buchmarkt dominiert das Genre „Romantasy“ (Romance plus Fantasy), was sich an Rebecca Yarros Erfolg mit ihrer Empyrean-Buchreihe zeigt. Der dritte Teil Onyx Storm (2025) landete wie seine Vorgänger auf der Spiegel-Bestsellerliste und brachte es zu enormer TikTok-Popularität. Das Mittelalter ist nicht explizit als Zeit der Handlung deklariert, liefert aber das Lebensgefühl. Mit einer Welt ohne Technologie, in der ein Königreich Schutz durch Drachenreiter sucht.
Das Mittelalter taucht nicht zum ersten Mal in der Gegenwart auf. Schon in der Romantik genoss es mit seiner Mystik den Status als Ideal und fungierte, mit der charakteristischen Emotionalität, als Gegenstück zur rationalen Aufklärung. Ein weiteres „Revival“ gab es in den 1960er-Jahren die vor allem den Symbolismus in der Folk Musik aufleben ließen. So schafft es Bob Dylan mit akustischer Gitarre und poetischer wie politischer Lyrik in den Mainstream. Indem er die Liebe besang und Naturmotive nutzte, erinnerte Dylan mit Songs wie „Ain’t Talkin“ an höfischen Minnesang.
An den damaligen Motiven hat sich wenig geändert. Was auf den ersten Blick nur auf Eskapismus in eine Zeit verweist, die sich von der modernen Welt distanziert, kann die Neuinterpretation des Mittelalters helfen, bessere Lebensentwürfe zu gestalten und verlorene Werte neu in das kollektive Wertesystem aufzunehmen. Während die neuen Mittelalter-Fans die Ästhetik von Rüstungen und prinzesinnenhaften Kleidern bewundern, wird der Wunsch nach kommunalem Zusammenhalt und Nachhaltigkeit spürbar. Wenn also Chappell Roan im Hennin einen Grammy entgegennimmt, ist das mehr als nur Kostüm. Es ist ein Symbol dafür, dass die Vorstellungen über das Mittelalter wieder Teil der Zukunftsvisionen sind.
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