Mehrere Backöfen klingeln zur selben Zeit schrill. Allesamt darauf wartend, endlich geleert zu werden. In dem Moment kommt der Bäcker von der Tiefkühlzelle zurück und öffnet die Backluken. Hitze und ein Duft von frisch gebackenen Croissants und Broten breiten sich in der Backstube aus. Die meisten Menschen verbinden mit diesem Duft ein langes Frühstück mit der ganzen Familie am Wochenende. Ich hingegen verbinde damit vor allem Stress und außergewöhnliche Kundenwünsche. „Haben Sie den Hefezopf etwa nur mit Zucker? Ich möchte eigentlich einen ohne. Können Sie ihn für mich entfernen?“ Für einen kurzen Moment schaue ich das ältere Ehepaar irritiert an, stelle dann jedoch keine weiteren Fragen. Kunden sind hier Könige, das haben wir bei der Einschulung als erstes gelernt.
Als mein Kollege neben mir bereit für den nächsten Kunden ist, bricht vor der Theke zwischen zwei einander fremden Frauen Streit aus. „Was fällt Ihnen ein, sich vorzudrängeln? Ich war schon vor Ihnen hier.“ Mein Kollege steht gelassen da und scheint die Show zu genießen. Auch ich höre zu, während ich mich darauf konzentriere, den Hefezopf von den weißen Zuckerstückchen zu befreien, ohne das Gebäck dabei zu beschädigen. Aus unerklärlichem Grund scheinen Menschen nach Betreten eines Supermarktes leichter reizbar zu sein als sonst. Stets angespannt und jederzeit bereit, sich auf die letzten Handsemmeln zu stürzen (die nächsten müssen schließlich noch drei Minuten und sechzehn Sekunden im Backofen verweilen).
Als ich vor wenigen Monaten einen Termin zum Vorstellungsgespräch für die Position als Mitarbeiterin in der Feinkost erhielt, hatte ich nicht wirklich eine Vorstellung oder Erwartung davon, wie so ein Job im Einzelhandel sein würde. Er ließ sich zeitlich gut mit meinem Studium kombinieren, das war das Wichtigste. „Wenn Sie ab und zu an der Fischtheke arbeiten, kämen Sie mit frischem Fisch in Kontakt und müssten Aufgaben wie Filettieren oder das Zuschneiden übernehmen. Wäre das für Sie ein Problem?“, lautete eine Frage. In Gedanken sah ich mich ein paar Jahre zurück im Kochunterricht der Hotelfachschule, wie ich Fische ausnahm und ihre Eier auskratzte. Allein bei dem Gedanken daran wurde mir übel. „Kein Problem“, lächelte ich. Am Ende des Gesprächs ging es um meinen Brutto-Lohn: 1.390 Euro für 24 Wochenstunden. Innerhalb der Supermarkt-Hierarchie war das nicht schlecht. Ich bekam einen Bonus für meine Ausbildung und den für Feinkost.
Am ersten Arbeitstag war es ein seltsames Gefühl, in dieser roten Uniform auf der anderen Seite zu stehen. Ich fühle mich unwohl. Zu sichtbar, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und doch gab es Kunden, die mir das Gefühl gaben, vollkommen unsichtbar zu sein. Kein „Bitte“, kein „Hallo“. Nur die stille Verurteilung, wer hier arbeitet, sei für andere Tätigkeiten nicht gebildet genug.
Neben dem Vorbereiten der Backbleche mit verschiedenen Gebäcken und deren Verpackung gehört auch das Befüllen der zur Backstube gehörigen Regale zu meinen Aufgaben. Dazu musste ich zunächst die bis obenhin beladenen Container aus dem Lager rollen, ohne dabei jemanden niederzufahren, was mehr Präzision verlangt, als ich vermutet hätte. Mein Chef hatte beim Vorstellungsgespräch von einer „Abwechslung bringende Tätigkeit mit Ruhe vor Kunden“ gesprochen. In Wahrheit hatte ich dabei mehr Kundenkontakt als hinter der Theke. Ich musste mir mit „Bitte“ und „Danke“ meinen Weg bahnen und Fragen beantworten.
Zurück hinter der Theke zog ich mir jeweils wieder meine Handschuhe über. „Ein halbes Grandioso bitte“, hieß es dann zum Beispiel, und als ich einmal erklärte, das Brot sei ausverkauft, lief im Supermarkt-Radio gerade der Werbespot „Alles da da da“. Die Kundin fuhr mich an. „Nichts ist da, nichts.“ Ein wenig Recht hat sie. Ich musste mir ein kleines Schmunzeln verkneifen.
Zeit für den nächsten Kunden. „Mit dem Brot könnten Sie jemanden erschlagen“, faucht mich ein Herr an und wirft die verpackten Scheiben Roggenbrot vor mir auf die Theke. Über seinem Kopf hing ein Werbeplakat mit einem lachenden Mitarbeiter. Darunter stand in großen Lettern geschrieben: „Hier bist du der SPAR“. Ich habe mich in meiner Zeit bei Interspar vieles gefühlt, doch nicht ansatzweise wie ein „SPAR“. Selbst die etwas alberne Krone, die für Frauen zur Uniform gehört, konnte daran nichts ändern. Nehmen Kunden uns damit ernst? Das bezweifelte ich. Wenn nicht, war es ihnen jedenfalls nicht übel zu nehmen. Ich nahm mich selbst damit nicht besonders ernst.
Dann gab es auch andere Momente. Jeden Tag kam eine ältere Dame in den Laden, nicht unbedingt nur zum Einkaufen. Nach der Brotbestellung blieb sie stehen, erzählt von ihrem verstorbenen Mann, von ihren Kindern, die aus Wien weggezogen waren. Manchmal hatte ich das Gefühl, die Weckerl, die sie kaufte, waren nur ein Vorwand. Was sie wirklich braucht, war ein Gespräch. Andere Kunden sprachen weniger, sie rechneten lieber. „Haben Sie noch S-Budget-Semmeln?“ Wenn ich den Kopf schüttelte, folgt oft ein kurzes Schweigen. Zwanzig Cent Unterschied pro Stück. Für manche nur Kleingeld. Für andere eben nicht.
Dann war auch Zeit für meine Pause. Auf dem Weg zur Kassa, um meinen Imbiss zu bezahlen, sprachen mich jeweils mindestens drei Kunden an. Am liebsten hätte ich mir ein Schild umgehängt, „auf Pause.“ Ich stelle mich in die Warteschlange und lege das verpackte Sandwich aufs Band. Wir bekamen zwei Euro Essenszuschuss, immerhin besser als nichts. Einmal fiel mir eine Kundin auf, die ihre Rechnung genau prüfte. Sie kontrollierte offenbar, ob der Kassierer auch wirklich alle Rabatte ordnungsgemäß angewandt hatte. Ein kleines Aufflackern ihrer Augen war bemerkbar, der erste Fehler scheinbar gefunden. Als der Kassierer Rechenschaft ablegen musste und ihr erklärte, dieser Rabatt sei auf die von ihr gewählten Produkte nicht anwendbar, wuchs hinter mir spürbar die Unruhe in der Warteschlange. Die ersten tippten ungeduldig mit den Füßen. Angekommen im Pausenraum hörte ich an diesem Tag ein Gespräch zwischen zwei Kolleginnen von der Kassa. „Heute haben mich schon mehrere Kunden begrüßt und verabschiedet. Kannst du dir das vorstellen?“ Ich konnte sie verstehen. An manchen Tagen ist das „Hallo“ des Mitarbeiters einer gemeinnützigen Organisation, der nach Ladenschluss die übrig gebliebene Backware abholt, das erste des Tages. Um 20.30 Uhr.
Der Frühdienst begann bei uns um 6 Uhr, um 7.45 Uhr sperrten wir auf. Diese eineinhalb Stunden sind alles andere als ruhig. Es wird geschleppt, eingeräumt und verpackt. Trotzdem herrscht fast besinnliche Stille. Alle genießen noch die verbleibende Zeit ohne Kunden. Mit Ausnahmen. Dann erscheint zum Beispiel der Fischlieferant mit der Lieferung, die zehnmal so groß wie geplant ist und niemand weiß warum. Beim Auspacken der Ware sehen wir es: Lachs, Lachs und noch mehr Lachs. Laut Lieferschein sind es 300 Kilogramm. Für das Wochenende brauchten wir 30, etwas mehr als üblich. Ein Tippfehler war die Ursache. Wir verbrachten Stunden damit das Lager umzuschlichten und den ganzen Fisch unterzubringen. Der Kühlraum platzt aus allen Nähten. Am Ende bleibt nur eine Lösung. Wir verkauften den Lachs zu einem noch nie dagewesenen niedrigen Preis. Gefühlt jeder Wagen im Markt beinhaltet an diesem Tag ein paar Kilo Lachs, als gehöre es zu den Grundnahrungsmitteln. Selbst wer keinen wollte, nahm am Ende welchen mit. Trotz der ständigen Preissenkungen blieb am Abend noch immer viel zu viel davon übrig.
Ich hatte mir meine Zwanziger anders vorgestellt. Nicht hinter einer Brottheke, sondern irgendwo im Feld meines Studiums. Dann stieß ich auf diesen Spruch: „Alles ist ein Gewinn, wenn das Ziel Erfahrung ist.“ Und es ist wahr. Ich habe bei Interspar viel erlebt und gelernt. Ich hatte mit Kunden zu tun, die mir zeigten, welcher Mensch ich sein möchte, und welcher eben nicht. Gelernt, dass ein einfaches „Hallo“ oder „Danke“ nicht genügend Lebenszeit in Anspruch nimmt, die es wert wäre, es nicht zu sagen. Und zu guter Letzt, dass sich 300 Kilogramm Lachs nur sehr schwer verkaufen lassen.
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