Heute schon gestrickt oder getöpfert? Der Trend der ,,Granny-Hobbys“ gewinnt bei jungen Menschen an Aufmerksamkeit. Gemeint sind klassische Freizeitbeschäftigungen wie Stricken, Häkeln, Töpfern oder Gärtnern, Tätigkeiten mit den Händen also.
Volkshochschulen melden volle Handarbeitskurse. Bastelgeschäfte bieten Kurse an und in Cafés entstehen Stricktreffen. Das Besondere ist, für eine Weile bleibt das Smartphone ausgeschaltet. Keine Likes, keine Kommentare. Stattdessen ein neuer Pullover im Kleiderschrank oder eine neue Müslischale im Küchenregal.
Hanna Marleen, 24, studiert an der Universität Wien und arbeitet seit einiger Zeit wieder viel mit ihren Händen. Heute häkelt, näht und töpfert sie. Im Sommer arbeitet sie im Garten. „Ich fand den Vibe von Handarbeiten schon als Kind toll, als ich meiner Oma beim Stricken zugesehen habe“, erzählt sie.
Wenn Hanna strickt oder töpfert, bleibt das Smartphone außer reichweite. „Überstimulierende Medien lasse ich weg“, sagt sie. Beim Nähen lässt sie manchmal leise Musik im Hintergrund laufen. „Ich komme dann in einen Flow“, erzählt sie. Die Musik verstärkt das Gefühl. ,,Die Hände arbeiten ganz von selbst.“
Die neue Begeisterung vieler junger Menschen für Handarbeit bestärkt sie dabei. „Stricken macht einen so schön klaren Kopf“, sagt sie. Es entspannt sie viel mehr als am Smartphone zu scrollen. Beim Handarbeiten verarbeitet sie vieles aus ihrem Alltag. Gedanken und Gefühle bekommen Raum. Beim Scrollen am Smartphone tauchen sie oft gar nicht erst auf, erzählt sie. ,,Auf einmal fühlt sich der Kopf freier an. Das ist richtig gut.“
Am meisten liebt sie den Prozess, bei dem ein Wollknäuel Schritt für Schritt zu einem Pullover wird. „Wenn ich eine Vision habe und sie wird real, ist das das Beste“, sagt sie. Das fertige Stück stärkt ihr Selbstwertgefühl.
Der Hobbycraft-Bericht, eine britische Studie des britischen Einzelhändlers Hobbycraft untersucht, wie häufig Menschen basteln, welche Materialien sie nutzen und auch, welche Effekte kreatives Arbeiten auf Wohlbefinden und Alltag hat. Millionen Menschen nutzen kreatives Basteln und Handarbeit demnach vor allem, um Stress abzubauen, die Stimmung zu verbessern oder ein Gefühl eigener Leistung zu erleben. Es geht um Entspannung, Kreativität und Selbstbestimmung.
Die britische Anglia Ruskin University zeigte in einer Studie aus dem Jahr 2024, wie Menschen durch solche Hobbys mehr Zufriedenheit und Glück erleben. Ein Effekt vergleichbar mit dem einer erfüllenden bezahlten Arbeit. Eine Wirkung, die sich auch kurzfristig einstellt, wie zahlreiche weitere Studien und Analysen belegen.
Der Alltag junger Menschen ist von digitalen Impulsen geprägt. Smartphones bieten kontinuierlich neue Inhalte. Analoge Tätigkeiten haben dagegen einen klaren Rhythmus. Beim Häkeln wächst Masche für Masche ein Stück Stoff, beim Töpfern nimmt Ton Gestalt an. Laura Stoiber, Klinische und Gesundheitspsychologin, erklärt: „Kreative Handarbeit wirkt wie Meditation in Bewegung. Wiederholende Tätigkeiten beruhigen das Nervensystem und senken Stress. Zugleich stärkt sie das Gefühl, etwas selbst zu schaffen. Ich erschaffe etwas mit meinen Händen.“ Das ordne Gedanken und könne Grübeln stoppen.
Im Unterschied dazu setzt Social Media auf schnelle Reize. „Handwerkliche Tätigkeiten fördern Fokus und innere Ruhe. Digitale Medien erzeugen kurzfristige Dopamin-Spitzen, aber weniger nachhaltige Zufriedenheit“, so Stoiber.
Können analoge Hobbys helfen, dem Handy weniger Raum im Leben zu geben? Laura Stoiber sagt: „Ja, und zwar sehr effektiv. Die Hände sind beschäftigt, das Bedürfnis nach Ablenkung sinkt.“ Deshalb steige das Bedürfnis nach manuellen Hobbys. ,,Viele junge Menschen empfinden dauernde Erreichbarkeit mittlerweile als Belastung“, sagt die Expertin und ergänzt: ,,Psychologisch betrachtet ist das ein Zeichen wachsender Bewusstheit im Umgang mit digitalem Konsum.“ Auch Rollenklischees thematisiert sie. Handarbeit dürfe nicht als weibliche Pflicht gelten. Entscheidend sei, sie als freie, kreative Tätigkeit zu verstehen. Kein Problem, denn Nähen und Stricken ist längst auch bei Männern angekommen.
„Für mich ist das kein Abschied vom Digitalen“, sagt Angelika, eine junge Journalistin in München, während sie sich auf dem Weg zum Tischlerkurs aufmacht. Ein Serviertablett ist ihr erstes Werkstück, sie zeigt Bilder davon. „Ich weiß, das ist kein Meisterstück“, sagt sie, trotzdem steigt ihr die Röte des Stolzes ins Gesicht. „Ursprünglich ging ich zu dem Kurs, weil ich, aus Wien kommend, Anschluss gesucht habe und etwas machen wollte, dass nicht mit Informationen zu tun haben. Inzwischen weiß ich, wie gut es auch meinem Gehirn tut, wenn ich mal etwas mit meinen Händen mache.“
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