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Schlaflose Nächte: Was hat unsere Haut damit zu tun?

Schlaftracker, Supplements, Abendroutinen: Der Schlafboom ist überall sichtbar. Doch die Suche nach den Ursachen schlafloser Nächte richtet sich fast immer auf das Gehirn. Der Mediziner Johannes Huber lenkt den Blick auf ein anderes Organ: die Haut.
Melina Papageorgiadis  •  6. März 2026 Volontärin    Sterne  74
Die Haut wirkt am Tag-Nacht-Rhythmus mit. (Foto: Shutterstock)
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Schlaftracker messen jede Bewegung in der Nacht. Apps analysieren Tiefschlafphasen und schicken morgens Diagramme aufs Handy. Auf TikTok sammeln sich unter Schlagwörtern wie „Sleepmaxxing“ Videos mit Atemtechniken, festen Abendroutinen und Tipps gegen Schlafstörungen. Kein Handy im Bett. Blaulichtfilter-Brillen am Abend. Magnesium vor dem Einschlafen.

Der Wunsch nach besserem Schlaf treibt einen wachsenden Markt an. Drogerien verkaufen Melatonin-Supplements und Schlaftees, Online-Shops Gewichtsdecken und Spezialkissen, Start-ups neue Tracker. Schlaf wird zum Optimierungsprojekt.

Über einen Zusammenhang spricht kaum jemand: die Haut.

„Eine entzündete Haut kann unseren Schlafrhythmus durcheinander bringen“, sagt der Mediziner Johannes Huber.

Huber beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit hormonellen Prozessen im Körper. Für ihn ist die Haut kein bloßer Schutz. „Die Haut ist das Organ, mit dem der Körper erkennt.“ Sie steht im Austausch mit Gehirn, Darm und Immunsystem und reagiert auf äußere Reize.

„Die Haut bildet, wie auch unser Gehirn, Melatonin.“

Huber erklärt den Zusammenhang über lichtempfindliche Proteine, sogenannte Opsine. Diese entstehen in der Netzhaut und ebenso in der Haut. „Denn auch die Haut ‚sieht‘, allerdings auf andere Art“, sagt er. Sie reagiert auf Licht und steuert darüber Prozesse im Körper.

Opsine beeinflussen die Pigmentierung, unterstützen die Wundheilung und wirken auf Alterungsprozesse. Entscheidend ist ihr Einfluss auf die innere Uhr. „Beschädigen Hautentzündungen die Opsine, kann dies zu Irritationen unserer biologischen Uhr führen“, betont Huber.

Die Haut produziert zudem das Hormon Melatonin. Es reguliert den Tag-Nacht-Rhythmus. Gerät der Hormonhaushalt durch Hautirritationen aus dem Gleichgewicht, könne auch die innere Uhr „falsch ticken“, so Huber. Schlaflosigkeit oder anhaltende Müdigkeit seien mögliche Folgen.

In der Haut wirkt Melatonin entzündungshemmend und schützt vor oxidativem Stress.

Wie Hautprobleme den Schlaf stören und umgekehrt

Hauterkrankungen wirken sich direkt auf den Schlaf aus. Gleichzeitig schwächt anhaltender Schlafmangel die Hautbarriere und verlangsamt ihre Regeneration.

Forschende der Universitätsmedizin Mainz haben die Daten von fast 190.000 Kindern mit atopischer Dermatitis, Psoriasis oder Urtikaria analysiert. Ihr Ergebnis: Das Risiko für Schlafstörungen lag deutlich höher als bei gesunden Vergleichsgruppen.

Zu einem ähnlichen Befund kommt eine Übersichtsarbeit zur Neurodermitis, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Allergologie. Kinder mit ausgeprägten Hautsymptomen schliefen schlechter, wachten häufiger nachts auf und benötigten länger zum Einschlafen.

Für Johannes Huber steht deshalb fest: Schlafprobleme lassen sich nicht losgelöst vom Zustand der Haut erklären. Wer den gestörten Rhythmus verstehen will, muss beide Seiten betrachten.

Die Haut ist mehr als eine Hülle

Schlafstörungen werden häufig neurologisch oder psychisch eingeordnet. Johannes Huber weist darauf hin, dass auch Prozesse an der Haut den biologischen Rhythmus beeinflussen können. Entzündungen, Lichtreize und hormonelle Veränderungen wirken im Zusammenspiel mit anderen körperlichen Systemen.

Wie stark dieser Einfluss im Einzelfall ausfällt, hängt von vielen Faktoren ab. Sicher ist jedoch: Der Schlaf lässt sich nicht auf ein einzelnes Organ reduzieren. Wer den gestörten Rhythmus verstehen will, sollte auch die Haut im Blick behalten.


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