Die international gefeierte Schauspielerin Kristen Stewart feilte acht Jahre lang an ihrem Spielfilmdebüt The Chronology of Water. Das beim Festival de Cannes nominierte Werk erhielt eine sechseinhalbminütige Standing Ovation, jedoch keine Auszeichnung. Mit einem queer-feministischen Fokus auf posttraumatischen Belastungsstörungen und viel Stimmpoesie bringt Stewarts Werk Schwere mit sich. Dafür muss man bereit sein: Eine Affinität zu Fiona Apple und Coppola-Chanel-Ästhetik erleichtert den Zugang.
Die 63. Ausgabe der VIENNALE programmierte bereits im Oktober 2025 die kongeniale Adaption von Lidia Yuknavitchs gleichnamiger Autobiographie aus 2011. Ein körperliches und abstrahiertes Kino des Bewusstseinsstroms: Mitreissend, schäumend und unaufhörlich. 1963 geboren, wächst Lidia (Imogen Poots) in den Vororten von San Francisco auf und wird professionelle Schwimmerin. Dort versucht sie der verbalen, sexuellen und physischen Gewalt des Vaters (Michael Epp) und der Alkoholabhängigkeit der Mutter (Susannah Flood) zu entkommen. Ein Stipendium an einer Universität in Texas verschafft ihr kurzzeitig die Illusion von Kontrolle über den eigenen Körper, doch Drogen und Exzess reißen sie aus der Bahn. An der Universität Oregon findet sie in der Literatur und im Schreibprogramm von Ken Kesey (James Belushi) eine neue Form des Atmens. Als Schriftstellerin und Dozentin beginnt sie aus Fragmenten von einschneidender Erinnerung, weiblicher* Erfahrung und Schmerz eine eigene Sprache zu formen. Stewart interessiert weniger die Chronologie als die Textur der Erinnerung. Gefilmt auf grobkörnigen 16mm, ertastet die Kamera die Oberfläche von Haut und Wasser zugleich. Die Auswirkungen von Trauer und Traumata auf die bisexuelle Identität, das Heranwachsen und das literarische Ankommen eines jungen Mädchens bis hin zur Mutterschaft in ihren späten Dreißigern bilden sich ab.
Imogen Poots Performance vom Erwachsenwerden ist mit Wut, Ekstase, Appetit und Gnade gefüllt. Sie ist der zentrale Star dieses Körperkinos, welches sie mit verschwitzten Leistungssportmuskeln bis hin zu nach Luft schnappenden Presswehen einnimmt. Lidia und Claudia (Thora Birch) sind Schwestern mit sich ähnelnden Narben aus demselben Elternhaus. Was genau mit den Mädchen geschieht, wird nicht formuliert, Berührungen von erogenen Zonen werden in polysexuellen Akten nah an die Linse geholt, Masturbation wird beunruhigend freudlos eingefangen. Bei Gewaltszenen zeigt die Regisseurin ihre Figuren meist in Nahaufnahmen und aus unkonventionellen Perspektiven: Mit Blick nach oben auf ein Kinn oder so nah, dass ein einzelnes Auge den Bildschirm ausfüllt. Stewarts Lidia ist nicht Opfer, sondern Bewegung, ein Körper, der sich gegen Stillstand wehrt. Stewart verschiebt den Blick weg vom Voyeuristischen, hin zum Mifühlenden. Die Selbst- und Fremdverletzungen, Suchtproblematiken und dysfunktionalen Beziehungen der Betroffenen zeigen sich als Teil eines größeren Mosaiks.
Die Unterteilung in fünf Kapitel mit Titeln wie „Under Blue“ und „The Other Side of Drowning“ täuscht eine weitgehend lineare Erzählung von Lidias Leben vor. Die Darstellung ihres Denkprozesses baut jedoch selbstbewusst auf einem anhaltenden Gefühl der desorientierten Erinnerung und Heilung auf. Im ereignisgeladenen Verlauf wechselt die Zeitachse zwischen dem, was bereits gezeigt wurde, und dem, was noch kommen wird. Bemerkenswert ist die Verschmierung zwischen Gegenwart und Erinnerungsgut durch die elliptisch strukturierte Montage (Olivia Neergaard-Holm), welche an eine kraulende Schwimmbewegung erinnert. Einmal unter Wasser zeigen Nahaufnahmen und Überblendungen entschleunigt Lidias erstickende Überdosis und stille Fehlgeburt mit Geständnissen aus dem Voiceover, alles fließt ineinander. Über Match- und Jumpcuts bricht die Montage immer wieder an die Oberfläche, wo Szenen von BDSM Schmerztherapie und Drogenmissbrauch mit kratzender Streichmusik hinterlegt sind. Der Kontrast ist stark, aber nie selbstzweckhaft. Lidia schreibt über Wiederholung:
„How many times did I jump in that chlorical depth, hoping to shed off my skin?“
und Stewart überträgt dies in die instinktiv rhythmische Körperlichkeit, die überfordernd fasziniert, weil Erinnerung selbst überfordert. Jedoch droht dieser Rhythmus emotional zu erstarren, denn er ist zu perfekt komponiert, um noch zu schmerzen.
Die zirkulierende Montage greift die selbstsuchende Coming–of–Age Narrative wiederum auf. Vom ersten bis zum letzten Kapitel findet man Elemente von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Dieser Zyklus erinnert an das körperliche Auf- und Abtauchen beim Schwimmen, wie auch an das Aufbäumen und Zusammenbrechen von Wellen. In einem gegenwärtigen Amerika wird unter der republikanischen Regierung Trumps Meinungsfreiheit zunehmend verengt und weibliche*, sowie queere Autonomie misstrauisch beäugt und gesetzlich beschnitten. Die selbst queere Regisseurin fordert mittels Yuknavitchs extremen Schicksal zur Suche nach der eigenen Stimme und ihrer Erhebung auf. Gleichzeitig richtet sie sich geschlechtsunabhängig an alle Körper und appelliert an deren Verortung durch Selbstwahrnehmung- und ermächtigung.
„Come in“,
flüstert Lidias Stimme, inzwischen Mutter eines Sohnes, im Finale aus dem Off,
„the water will hold you“.
Kristen Stewart taucht mit The Chronology of Water tief in den Prozess des Heilens ein und das nicht als erlösender Trost, sondern als ständige Bewegung. Ihr Film ist kein sicherer Ort, sondern ein Strom, der Erinnerung in Kunst verwandelt und zeigt, dass man Atmen auch unter Wasser lernen kann.
Regie: Kristen Stewart; Erscheinungsjahr: 2025; Länge: 128 Minuten; Nationalität: USA, Frankreich, Lettland; Mit: Imogen Poots, Thora Birch, Jim Belushi, Tom Sturridge, Charlie Carrick, Jeremey Ang Jones, Kim Gordon; Drehbuch: Kristen Stewart, Andy Mingo; Kamera: Corey C. Waters; Schnitt: Olivia Neergaard-Holm; Musik: Bobby Krlic, Daniel Pemberton; Ausstattung: Jennifer Dunlap; Produktion: Scott Free, CG Cinéma International, Forma Pro Films, Nevermind Pictures; Weltvertrieb: Les Films du Losange; Verleih in Österreich: Polyfilm Verleih; Format: DCP, Farbe
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