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Männerdemo: Wenn Männer sich mit Frauen solidarisieren

Samstag, 7. März: Vor dem Wiener Parlament versammeln sich hunderte Menschen zur ersten Männerdemo gegen Männergewalt. Viele Teilnehmer kommen, um ein Zeichen gegen Femizide zu setzen und gleichzeitig über eigene Verantwortung zu sprechen. Vorträge, Gespräche und eine Gedenkminute für die Opfer prägen einen Nachmittag, der unangenehme Fragen aufwirft.
Georg Krierer  •  8. März 2026 Redakteur    Sterne  122
Hunderte Menschen versammelten sich bei der Männerdemo vor dem Parlament
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Die Sonne liegt warm über Wien, als sich am frühen Samstagnachmittag vor dem Parlament eine ungewöhnliche Demonstration formiert. 15 Grad, ein fast frühlingshafter Himmel, und trotzdem wirkt die Atmosphäre auf dem Platz ernst und konzentriert. Um 13 Uhr beginnt hier eine Versammlung, die so in dieser Stadt noch nie stattgefunden hat: eine Demonstration gegen Männergewalt, organisiert und getragen vor allem von Männern.

Straßenbahnen schieben sich langsam durch die Menge, ihre Fahrer klingeln vorsichtig, während Menschen über die Gleise strömen. Der ganze Platz vor dem Parlament füllt sich. Gruppen bilden Kreise, Gespräche beginnen, Stimmen mischen sich mit Stadtgeräuschen. Rund achtzig Prozent der Teilnehmenden sind Männer, etwa zwanzig Prozent Frauen. Altersgrenzen verschwimmen. Studenten stehen neben Männern mit grauen Haaren, Familien mit Kindern sind auch da, einzelne Pensionisten beobachten ruhig aus hinteren Reihen.

Über den Köpfen ragen Pappschilder. Dicke schwarze Buchstaben auf Karton, manche sorgfältig gemalt, andere hastig geschrieben. „Patriarchat töten“ steht auf einem Schild, daneben „Keine Bühne für Täter“. Ein anderes Plakat trägt eine Botschaft, die immer wieder in Gesprächen auf dem Platz auftaucht: „Gewalt gegen Frauen ist kein Frauenproblem“.

In sozialen Netzwerken taucht unter Berichten über Femizide immer wieder derselbe Satz auf: „Not all men“. Viele Männer wollen mit Tätern nicht in Verbindung gebracht werden. Aktivist und Veranstalter der Demonstration, Manfred Zeisberger, fragt: Welche Verantwortung übernehmen Männer konkret im Alltag? Wer widerspricht sexistischen Witzen im Freundeskreis? Wer greift ein, sobald Grenzüberschreitungen sichtbar werden? Diese Fragen stehen heute über der Veranstaltung.

Protestschild „Yes, all men“Protestschild „Yes, all men“

Ein Platz voller Stimmen und unbequemer Fragen

Vor dem Parlament entsteht eine improvisierte Bühne. Lautsprecher knacken, bevor die erste Rede beginnt. Ein Vertreter der Männerberatung Wien tritt ans Mikrofon. Seine Worte kreisen um männliche Sozialisation, um emotionale Distanz und um Muster, die Gewalt begünstigen können. Viele Männer lernen früh, Gefühle zu verdrängen, Konflikte über Rückzug oder Aggression zu lösen. Das Patriarchat prägt Rollenbilder, die über Generationen hinweg weitergegeben werden und Nähe ebenso erschweren wie ehrliche Selbstreflexion.

Mehrere Redner folgen. Ein Vertreter eines Vereins aus Wiener Neustadt spricht über Präventionsarbeit. Jens Knoll, Leiter des österreichischen Gesunden- und Krankenpflegerprogramms, betont gesellschaftliche Verantwortung jenseits individueller Schuld. Während der Reden entstehen überall auf dem Platz neue Gespräche. Einige Männer wirken ungeübt, wenn sie über Gefühle oder Verantwortung sprechen. Sätze beginnen zögerlich, enden mit langen Pausen, bevor neue Worte folgen. Andere hören aufmerksam zu. Die Atmosphäre erinnert eher an eine große Diskussion als an eine klassische Demonstration. Es gibt keine lauten Sprechchören.

Im Zentrum vieler Beiträge steht die Realität der Femizide. Seit Jahren sterben Frauen in Österreich durch Gewalt von Männern. Häufig stammen Täter aus der unmittelbaren Umgebung der Opfer. Partner, Ex Partner oder Ehemänner. Gewalt entwickelt sich selten plötzlich. Häusliche Gewalt, Kontrolle und Drohungen sind oft die Vorgeschichte. Das Jahr 2025 brachte sechzehn Femizide in Österreich. Laut UN kommt es weltweit alle zehn Minuten zu einem Femizid. Diese Zahlen stehen während der Reden im Raum. Viele Teilnehmer kennen Berichte aus Nachrichten, einige erinnern sich an einzelne Fälle besonders deutlich.

Stille für die Opfer und Forderung nach Veränderung

Gegen Ende der Demo kommt es zu einem emotionalen Moment. Zeisberger will eine Schweigeminute für die mehr als hundert Frauen, die in Österreich seit 2018 Opfer von Femiziden wurden. In der Stille quietscht eine Straßenbahn aus der Ferne. Ein normales Geräusch, das hier übertrieben laut wirkt. Für einen Moment fühlt es sich an, als hielte die ganze Stadt den Atem an.

Das neue Schweigen

Als die Minute endet, kehren die Gespräche leise zurück. Sie setzen dort fort, wo sie zuvor unterbrochen wurden. In einer kleinen Gruppe junger Männer entwickelt sich eine Diskussion über alltägliche Situationen, über Sprache, die lange als harmloser Humor galt. Einer erzählt von Abenden in Bars, von Partys, von Momenten, in denen sexistische Bemerkungen als Witz durchgingen. Früher blieb Widerspruch aus, erzählt er, heute fühlt sich Schweigen anders an.

Am Rand der Menge lehnt ein älterer Passant an einer Absperrung und beobachtet das Geschehen. Er wirkt neugierig, zugleich ein wenig überrascht über die Größe der Versammlung. „Ich habe so etwas noch nie gesehen“, sagt der Mann, zuckt kurz mit den Schultern und blickt über die Schilder hinweg zur Bühne. „Viele reden immer über Gewalt, aber hier stehen Männer und reden über sich selbst. Das wirkt irgendwie ehrlicher.“

Auf der Bühne widmen sich Redner dem gleichen Gedanken und richten ihre Worte zunehmen an politische Verantwortungsträger. Nach jedem Femizid zeigen sich Politiker betroffen, seigen sich vor Kameras entsetzt und versprechen Aufklärung. Schlagzeilen dominieren für einige Tage die Nachrichten, doch langfristige Maßnahmen bleiben begrenzt. Gewaltprävention erhält zu wenig Mittel, Programme für Täterarbeit kämpfen seit Jahren mit knappen Budgets.

Besonders deutlich wirkt die Kritik beim Thema Psychotherapie. Therapieplätze gelten als schwer zugänglich, obwohl frühzeitige Unterstützung viele Konfliktmuster verändern könnten. Ausbildung für Psychotherapeuten dauert lange und verursacht hohe Kosten, wodurch viele Interessierte diesen Weg gar nicht erst einschlagen. Deshalb richten mehrere Redner klare Forderungen an Politik und Gesellschaft. Mehr Finanzierung für Prävention, mehr Ausbildungsplätze für Psychotherapie, ein leichterer Zugang zu Unterstützung für Menschen, die problematische Verhaltensmuster erkennen und verändern wollen. Auch Männerberatungsstellen sollen stärker gefördert werden, damit Hilde schneller erreichbar wird.

Während der Nachmittag voranschreitet, verändert sich der Platz immer wieder. Neue Gruppen stoßen hinzu, andere treten zur Seite, um Gespräche zu führen. Ein Vater hebt seine Tochter auf die Schultern, damit sie über die Menge hinweg zur Bühne sehen kann. Zwei ältere Männer diskutieren über Rollenbilder ihrer Jugend. Junge Aktivisten gehen mit Flyern durch die Reihe und erklären Passanten, welche Hilfsangebote es bereits gibt. Zwischen Transparenten, Gesprächen und Redebeiträgen entsteht ein Bild, das Wien selten erlebt: Männer, die sich öffentlich mit männlicher Gewalt auseinandersetzen und eine Frage in den Raum stellen, die weit über diesen Nachmittag hinausreicht. Wer übernimmt Verantwortung, sobald Demonstrationen enden und Alltag beginnt?


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