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Finanzexperte Erich Pitak: „Junge Menschen sind Millionäre“

Der Sachverständige und promovierte Jurist Erich Pitak ist überzeugt: Junge Menschen sind eigentlich Millionäre. Im Interview mit campus a erklärt er, warum sie sich ihr Potenzial bewusst machen müssen und warum Wirtschaftsbildung in Schulen immer wichtiger wird.
Julia Ehrensberger  •  11. März 2026 Redakteurin    Sterne  654
Erich Pitak ist allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für das Wertpapierwesen, Finanzexperte und Autor. Der promovierte Jurist war in leitender Funktion bei Banken tätig und hielt mehrere Aufsichtsratsmandate. (Foto: Pepo Schuster, austrofocus.at)
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Jüngst machte Erich Pitak auf sich aufmerksam, mit der Behauptung, alle jungen Menschen seien Millionäre, bloß wüssten sie es nicht. Wie meint der Finanzexperte, Ex-Banker und mehrfache Aufsichtsrat das?

campus a. War es nur bildlich gemeint, als sie vor einigen Tagen junge Menschen allesamt zu Millionären erklärten?

Erich Pitak: Es geht um ihr Humankapital. Darunter versteht die Wirtschaftslehre die wirtschaftliche nutzbaren Fähigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen von Arbeitskräften, sowie ihre Motivationen und ihre Gesundheit. Ich definiere den Begriff als das potenzielle Bruttokapital eines Menschen, das er im Laufe seines Lebens verdienen kann. Ob er das Potenzial realisieren kann, hängt von Fleiß, Glück und von gewissen Umständen ab. Die Fragen, ob jemand unserer Sprache mächtig sind, eine gewisse Ausbildung und vor allem einen gewissen Fleiß hat, spielen da mit. 

campus a: Wie genau rechnen Sie das Humankapital aus?

Beginnt ein Jungakademiker mit einem Jahresgehalt von etwa 40.000 Euro brutto und steigert dieses im Laufe seines Berufslebens auf rund 100.000 Euro, ergibt sich über den Daumen ein Durchschnitt von etwa 70.000 Euro pro Jahr. Über eine Erwerbsdauer von rund vierzig Jahren gerechnet entspricht das einem Einkommen von etwa 2,8 Millionen Euro brutto, die Lebenserhaltungs- und Wohnkosten davon abgezogen. Die konkrete wirtschaftliche Entwicklung im Einzelfall lässt sich natürlich nicht exakt berechnen, aber genauso wenig wissen wir, wie eine Aktie sich in den nächsten fünfzig Jahre entwickelt. 

Das heißt, umso älter ein Mensch ist, desto weniger Humankapital hat er?

Ja. Die Idee ist, dass sich beide Kurven irgendwann schneiden. Die jungen Menschen haben kein Geld, außer sie haben etwas von den Eltern bekommen. Sie haben also ein relativ geringes Finanzkapital, dafür aber enorm viel Humankapital. Ein 70-Jähriger, kann sich zwar einiges an Wohlstand aufgebaut haben, hat aber praktisch kein nennenswertes Humankapital mehr, weil er keinen Job mehr bekommen kann.

Wie kann jemand sein Humankapital steigern?

Es gibt viele Möglichkeiten. Gut qualifizierte Menschen, die ihre Arbeit gerne machen, haben sehr gute Chancen auf besseres Einkommen. Natürlich kann es immer Rückschläge geben, etwa durch Krankheit oder Unfälle. Aber grundsätzlich haben es etwa neunzig Prozent der Menschen selbst in der Hand, was sie aus ihrem Leben machen. Gut qualifizierte Menschen erzielen normalerweise stärkere Lohnsteigerungen als es der Inflation entspricht. Sie haben ein reales Lohnwachstum, vor allem in jungen und mittleren Jahren.

Welche Rolle spielen Lehrer dabei?

Lehrer sollten Werte wie Fleiß und Interesse vermitteln. Das klingt vielleicht etwas altmodisch, aber junge Menschen müssen verstehen, welches Potenzial sie haben. Meine Geschichtslehrerin hat immer gesagt: Kinder, ihr müsst jeden Tag Zeitung lesen, das gehört dazu. Gerade die Wirtschaftsteile sollten Schüler jeden Tag lesen. Ich sehe es kritisch, dass viele Lehrer eine eher wirtschaftsfeindliche Haltung haben. Mit so einer Einstellung werden wir die Herausforderungen der Zukunft nicht bewältigen können.

Braucht es mehr Wirtschaftsbildung im Schulsystem?

Wirtschaftsbildung ist auf jeden Fall wichtig. Auch wenn ein Lehrer kein Wirtschaftsexperte ist, kann er den Schülern zeigen, wo sie Informationen finden. Heute ist ohnehin fast alles online, junge Menschen können viel mehr recherchieren als früher. Ein eigenes Schulfach Wirtschaft halte ich allerdings nicht für notwendig. Dafür etwa Latein einzuschränken wäre meiner Meinung nach überflüssig. Das kann jede motivierte Lehrkraft im Rahmen ihres Stoffes machen.

Sind Lehrer ausreichend dafür ausgebildet?

Beamtete Lehrer sollten keine Wirtschaftskunde unterrichten. Sinnvoller wären Menschen aus der Praxis, etwa frühpensionierte Buchhalter oder Kostenrechner aus Unternehmen, die sich etwas dazuverdienen möchten. Die bringen der Jugend mehr bei über Wirtschaft bei als irgendein Lehrer, der Lohn vom Staat erhält und ihn dann aus dem Bankomaten zieht.

Haben junge Menschen heute verlernt, Leistung zu erbringen?

Ich will Umweltschutz nicht lächerlich machen. Aber bevor sie für Fridays for Future demonstrieren, sollten sie sich überlegen, was sie in ihrem eigenen Leben erreichen wollen. Ich höre selten von jungen Menschen und auch nicht von Jungpolitikern: Ich möchte Eigentum aufbauen, ich möchte mehr Aktien besitzen und ich möchte, dass der Staat das steuerlich fördert. Aktien unterliegen ja kurzfristig einem hohen Risiko, deswegen sollten die Kursgewinne nach einem Jahr steuerfrei sein.

Warum halten Sie das für so wichtig?

Gerade wenn der Staat das Pensionssystem irgendwann nicht mehr finanzieren kann, sollte jungen Menschen Eigenvorsorge wichtig sein. Diese Wirtschaftsfeindlichkeit an den Schulen sollte jedenfalls ein Ende haben. Dort gilt schnell das „böse neoliberale System“, während der Staat als Lösung erscheint. Dabei hat der Staat selbst kein Geld, sondern über 400 Milliarden Euro Schulden.

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