2025 verschwand die Weihnachtsinsel-Spitzmaus (Crocidura trichura) endgültig von der Erde. Das kleine Säugetier lebte ausschließlich auf der australischen Weihnachtsinsel im Indischen Ozean. Jahrzehntelang galt die Art als verschollen, intensive Suchaktionen konnten schließlich kein einziges Tier mehr finden. Schließlich erklärten Wissenschaftler die Spitzmaus für ausgestorben.
Das Artensterben geschieht in einem enormen Tempo. Mehr als 99,9 Prozent aller Arten, die jemals auf der Erde existiert haben, sind wieder verschwunden. Gleichzeitig kennt die Wissenschaft nur einen Teil der heute lebenden Arten. Forscher gehen davon aus, dass weltweit rund acht Millionen noch unentdeckte und -beschriebene Tier-, Pflanzen- und Pilzarten existieren. Was ist, wenn unentdeckte Arten aussterben? Was bedeutet das für die Menschheit und wie oft kommt es vor?
Der Verlust der Weihnachtsinsel-Spitzmaus ist kein Einzelfall. Schätzungen zufolge sterben täglich etwa 130 bis 150 Arten aus. Genau beziffern lässt sich diese Zahl jedoch nicht.
Wie groß die Bedrohung für die Artenvielfalt inzwischen ist, zeigen aktuelle Daten. Die Weltnaturschutzunion IUCN aktualisiert regelmäßig die internationale rote Liste der bedrohten Arten, eines der wichtigsten Instrumente zur Bewertung des Zustands der globalen Biodiversität.
In der im vergangenen Oktober veröffentlichten Aktualisierung erfasst die IUCN weltweit 172.620 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Mehr als 48.600 von ihnen gelten als bedroht, also als stark gefährdet, vom Aussterben bedroht oder kritisch gefährdet. Damit steht nahezu jede dritte bewertete Art unter Druck.
Ein Beispiel für die gleichzeitig neu entdeckten Arten ist die Höhlen-Tarantel Orphnaecus pellitus, die Forscher 2025 im Culapnitan-Höhlensystem auf den Philippinen wiederentdeckten, mehr als 130 Jahre nach ihrem letzten gesicherten Nachweis im Jahr 1892. Die Spinne lebt ausschließlich in völlig dunklen Bereichen tropischer Kalksteinhöhlen und ist perfekt an das Leben ohne Licht angepasst.
Lebensräume verschwinden in rasantem Tempo. Der Mensch rodet Regenwälder, versiegelt Böden und Korallenriffe sterben ab. Das alles dezimiert die Artenvielfalt.
Dem gegenüber stehen bis zu sechs Millionen unentdeckte Tier- und Pflanzen-Arten. Denn Schätzungen zufolge existieren weltweit etwa acht Millionen, möglicherweise sogar mehr. Nur rund zwei Millionen sind bisher beschrieben.
Für den Veterinärmediziner René Anour, der sich in seinem Buch Das Arche-Noah-Prinzip mit der medizinischen Bedeutung von Biodiversität beschäftigt, ist dieses „unsichtbare Aussterben“ sehr real.
„Die Zahlen sind erschreckend“, sagt er. Die heutige Aussterberate liege nach wissenschaftlichem Konsens hundert- bis tausendmal über dem natürlichen Hintergrundniveau der Erdgeschichte. „Wir verlieren Arten in einem Tempo, das unsere Fähigkeit, sie überhaupt zu entdecken, bei weitem übersteigt.“
Besonders betroffen seien ausgerechnet jene Gruppen, über die die Forschung noch am wenigsten weiß, die aber für die Zukunft bedeutend sein könnten. Pilze, Nematoden und wirbellose Tiere in tropischen Böden. Gerade diese Organismen könnten für die Medizin hochinteressant sein, weil ihre Biochemie oft völlig neuartige Wirkstoffe hervorbringt. Für Anour hat der Verlust der Biodiversität deshalb direkte Folgen für den Menschen, auf mehreren Ebenen.
Die erste Ebene ist pharmakologisch. Mit jeder ausgestorbenen Art könnten potenzielle Wirkstoffe verloren gehen, bevor sie überhaupt untersucht sind. Das sei besonders problematisch angesichts der zunehmenden Antibiotikaresistenzen, für deren Bekämpfung dringend neue Substanzklassen nötig sind.
Dazu kommen epidemiologische Folgen. Intakte Ökosysteme verringern das Risiko von Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übergehen. Werden Lebensräume zerstört, verändern sich die Kontakte zwischen Wildtieren, Nutztieren und Menschen. Ein Faktor, der sogenannte Spillover-Ereignisse wahrscheinlicher macht, also das Überspringen von Krankheitserregern auf den Menschen.
Auch die Grundlagenforschung ist betroffen. Manche Tierarten besitzen biologische Fähigkeiten, die für die Wissenschaft besonders wertvoll sind. Der Nacktmull etwa zeigt eine außergewöhnliche Resistenz gegen Krebs, während der Axolotl verlorene Körperteile nachwachsen lassen kann, Eigenschaften, die von höchstem Forschungsinteresse sind.
„Das Arche-Noah-Prinzip ist deshalb kein sentimentales Plädoyer“, sagt Anour. „Es ist ein Argument aus wissenschaftlicher Vernunft. Wenn Arten verschwinden, verlieren wir möglicherweise Lösungen für Probleme, die wir noch gar nicht kennen.“
Erst jüngst entdeckten Forscher im Südwesten Chinas die neue Fischart Sinocyclocheilus changlensis. Auch dieser Höhlenfisch hat sich vollständig an das Leben in absoluter Dunkelheit angepasst. Seine Augen sind zurückgebildet, und auch eine Körperfärbung fehlt. Stattdessen verfügt er über andere Anpassungen, die ihm helfen, sich in seiner Umgebung zurechtzufinden. Besonders auffällig ist eine hornartige Struktur auf dem Kopf.
Welche Funktion sie genau erfüllt, ist noch unklar. Wissenschaftler vermuten jedoch, dass sie bei der Orientierung in engen Höhlengängen oder bei der Wahrnehmung der Umgebung eine Rolle spielen könnte. Wie stark er vom Aussterben bedroht ist, ist noch nicht geklärt. Gut, dass ihn die Wissenschaft noch beschreiben kann. Denn womöglich liefert er die Vorlage für Orientierungsmöglichkeiten, die eines Tages das Leben von Blinden revolutionieren werden.
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