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Wiener Mozartverkäufer leiden unter Vertreibung

Was bedeutet die Vertreibung der Mozartverkäufer aus der Wiener Innenstadt für sie selbst? campus a hat nachgefragt.
Michelle Charlotte Felser  •  16. März 2026 Volontärin    Sterne  24
Christina Torghele  •  16. März 2026 Volontärin    Sterne  12
Ein Ticketverkäufer in historischem Mozart-Kostüm bietet am Stephansplatz Konzertkarten für Mozartkonzerte an. (Foto: eigene Aufnahme)
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Daniel Weibold (Name von der Redaktion geändert) verkauft seit mehr als 15 Jahren in der Wiener Innenstadt Tickets für die sogenannten Mozartkonzerte, die als Touristenattraktion an Orten wie dem Wiener Konzerthaus, der Wiener Staatsoper und dem Musikverein stattfinden. „Andere Kollegen arbeiten schon seit 30 oder 35 Jahre hier“, sagt er. „Wir sind abhängig von diesem Job.“ Spaß macht Weibold die Sache auch. 

„Wir erleben hier jeden Tag viel. Diese Arbeit gehört ins Zentrum der Stadt, nirgendwo anders hin.“ Sein Kollege Antonio Tomanek (Name geändert), der sein Geld seit 17 Jahren am Stephansplatz verdient, pflichtet ihm bei. Er schätzt den direkten Kontakt mit Touristen. „Jeden Tag kommen mindestens 50 bis 60 Menschen zu uns und fragen nach dem Weg. Wir sind oft die erste Anlaufstelle für sie.“ 

Mehr Ordnung in der Innenstadt

Damit wird es jetzt ein Ende haben. Die Stadt Wien plant strengere Regelungen für den Ticketverkauf. Die Männer mit den historischen Kostümen sollen von ihren Hauptumschlagplätzen, dem Stephansplatz und der Oper, verschwinden. Aggressive Verkaufspraktiken, die Beschwerden nach sich zogen, gehören zu den Gründen. Dazu kamen allein im Jahr 2014 rund 300 Verstöße gegen Vorschriften, in Form fehlender Genehmigungen. Jetzt reicht es der Stadt. Ab Mai soll Schluss mit dem Mozart-Zauber sein, der inzwischen auch für viele Wiener zum Stadtbild gehört. 

Die Verkäufer selbst hat dazu noch niemand nach ihrer Meinung gefragt. „Aggressiv? Die meisten von uns sind immer nett“, sagt nun Tomanek zu campus a, gesteht aber zu: „Sicher gibt es mal einzelne Ausnahmen.“ Daraus auf alle zu schließen sei aber nicht in Ordnung. „Die Medienberichte über uns stimmen nicht“, sagt auch Sergej Kobza, Mozartverkäufer seit zwölf Jahren. Weibold ergänzt: „Ein Platzverbot ist viel zu radikal. Die Stadt könnte das besser regeln. Wir könnten neue Verkäufer besser einschulen oder weniger werben.“

Kritik an fehlender Kommunikation

Weder die Stadt noch ihr eigener Arbeitgeber haben bisher in der Sache Kontakt mit den Hauptbetroffenen der neuen Regelung aufgenommen. Sie kennen den Stand der Dinge nur aus der Berichterstattung. Antworten auf ihre bangen Fragen über ihre eigene Zukunft fehlen. „Das Leben geht weiter, trotzdem hätte ich hier gerne weitergearbeitet“, sagt Weibold.

Auch ein attraktiver Studentenjob fällt damit weg. Besonders zur Hauptsaison, in den Ferien, haben Studierende der Wiener Unis und Fachhochschulen immer gerne die Möglichkeit genutzt, etwas dazu zu verdienen.

„Auf Menschen zuzugehen und ihnen ein schönes Produkt näherzubringen war für mich neben dem Einkommen eine interessante Lernerfahrung“, sagt der Jakob Haller, 36, der inzwischen im mittleren Management eines Immobilienunternehmens arbeitet und und in den Sommern 2014 und 2015 im Mozart-Kostüm Stephansplatz-Passanten ansprach. „Ich bekam sehr rasch ein feines Gefühl dafür, wer einheimisch und wer ein Tourist ist, und wer unter den Touristen offen für unser Angebot sein könnte.“

Zukunft noch unklar

Ab Mai wird es eng für die Verkäufer. „Ich mache mir Sorgen. Ich bin vierfacher Vater und muss für meine Familie sorgen“, so Weibold weiter. Ein Wechsel an andere Orte, wie es die Stadt Wien vorschlägt, ist für ihn keine Option. Die Mozartverkäufer leben von Provisionen. Auf abgelegeneren Standorten erwarten sie deutlich geringere Umsätze, von denen sie ihr Leben nicht mehr finanzieren können. „Ich habe zwei Kinder und eine Frau, aber zum Glück noch einen anderen Job. Für viele hier ist es noch schwieriger“, sagt Tomanek. Kobza muss sich eine neue Vollzeitstelle suchen. Er möchte in der Branche bleiben und zieht eine Weiterbildung zum Fremdenführer in Betracht.

Betreiber warten ab

Hinter den Mozartkonzerten stehen mehrere private Veranstalter, die klassische Konzerte speziell für Touristen organisieren. Dazu zählen die Wiener Mozart Orchester Konzertveranstaltung, die B&C Konzertveranstaltung sowie die Firmen Classics & Partners und Premium Classic.Viele dieser Formate existieren bereits seit den 1980er- und 1990er-Jahren. Gespielt werden vor allem bekannte Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und anderen Komponisten der Wiener Klassik wie Johann Strauss oder Joseph Haydn. Die Konzerte finden regelmäßig an bekannten Wiener Veranstaltungsorten wie dem Wiener Musikverein oder dem Wiener Konzerthaus statt. Zu den Vorwürfen wollten sich die Veranstalter nicht äußern. Auf Anfrage von campus a hüllten sich die Unternehmen in Schweigen. 

Wien ohne Mozartverkäufer?

Die Mozartverkäufer warnen indes vor leeren Konzertsälen ab Mai. Konzerte besuchen kann nur, wer von ihnen weiß, und da waren sie der kommunikative Dreh- und Angelpunkt, mit einiger Bekanntheit weit über Österreichs Landesgrenzen hinaus. Denn für Selfies mit Touristen waren sie immer gerne bereit. „Am Ende des Tages entscheidet immer die Stadtregierung, nicht wir“, sagt Tomanek und stellt eine Frage in den Raum: Wird die Stadt ohne die Mozartverkäufer noch immer dieselbe sein?


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