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Das Nachtleben der Diagonale: Wo die Filme weiterleben

Nach den Screenings beginnt der entscheidende Teil der Diagonale. In Bars und auf Partys treffen Filmschaffende, Studierende und Produzentinnen aufeinander. Hier entstehen Projekte, Kritik fällt direkter aus. Es zeigt sich, wie eng Film und Szene miteinander verbunden sind.
Georg Krierer  •  22. März 2026 Redakteur    Sterne  166
Nach den Filmen treffen Journalisten, Besucher und Filmschaffende aufeinander (Foto: Shutterstock)
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Erste Nacht: Afterparty in der Helmut-List-Halle

Nach dem Eröffnungsfilm Rose von Markus Schleinzer strömen rund 1200 Besucher in die Helmut-List-Halle. Politiker, Filmschaffende, Studierende und Kinobegeisterte mischen sich im Raum. Die Nacht setzt ohne Verzögerung ein. Die Halle füllt sich schnell, der Bass drückt durch den Raum, Licht zuckt über Gesichter. Menschen bleiben stehen, drehen sich, suchen Blickkontakt. Gespräche beginnen noch im Gehen. Die Energie liegt sofort in der Luft.

„Du spürst gleich, wer hier ist“, sagt ein Produzent und blickt über die Menge. „Alle.“

Ein Schauspieler zieht an ihm vorbei, bleibt kurz stehen, umarmt jemanden, verschwindet wieder im Gedränge. Gespräche dauern selten länger als ein paar Sätze. Namen fallen, Projekte werden angerissen, Telefonnummern getauscht.

Auf der Tanzfläche kippt Bewegung in Begegnung. Zwei Regisseurinnen stehen am Rand, beobachten das Geschehen. „Ich hasse solche Abende“, sagt eine und lächelt dabei. „Aber ohne das verpasst du alles.“

Die Nacht funktioniert wie ein Beschleuniger. Kontakte entstehen schneller als am Tag, Entscheidungen fallen ohne Vorbereitung. Ein Produzent beugt sich zu einer jungen Filmemacherin. „Schick mir dein Drehbuch“, sagt er. „Ich schau es mir an.“

Am nächsten Tag sitzen viele wieder im Kino. Dieselben Gesichter, andere Rollen. Die Gespräche vom Vorabend hängen noch im Raum, wirken leiser, konzentrierter. Vor einem Screening beugt sich jemand zu seinem Sitznachbarn. „Wir haben gestern weitergeredet“, sagt er. „Vielleicht wird da was draus.“ Der Film beginnt, doch der Austausch läuft im Hintergrund weiter.

Zweite Nacht: Volksgarten

Die zweite Nacht zieht sich enger zusammen. Der Volksgarten Pavillon wirkt dichter, persönlicher. Die Diagonale-Bar füllt sich schnell, Stimmen liegen übereinander, Gläser klirren. Hier bleibt mehr Zeit für Gespräche. Menschen stehen länger zusammen, hören einander zu, unterbrechen sich, widersprechen.

„Im Kino siehst du den Film“, sagt eine Produzentin im Gespräch und lehnt sich an die Bar. „Hier verstehst du, warum er so geworden ist.“

Neben ihr steht ein junger Kameramann, noch unsicher, aber aufmerksam. „Ich hab heute drei Leute kennengelernt, mit denen ich arbeiten will“, sagt er. „Und ich war eigentlich nur auf ein Bier hier.“

Ein Tisch weiter kippt ein Gespräch ins Offene. „Der Film funktioniert im zweiten Teil nicht“, sagt jemand direkt. Die Regisseurin gegenüber nickt. „Ich weiß“, antwortet sie. „Aber genau da wollte ich hin.“ Ein anderer mischt sich ein. „Ich fand gerade das stark.“

Nähe und Risiko

Später in der Nacht bewegen sich die Gespräche in eine andere Tiefe. Die Stimmen werden ruhiger, der Ton direkter. Lob bleibt hier selten höfliche Geste. Kritik klingt schärfer, persönlicher, manchmal fast brutal. Wer einen Film zeigt, stellt nicht nur Arbeit aus, sondern auch Haltung, Geschmack, Zweifel, Verletzlichkeit.

Am Rand der Bar steht ein Student mit einem Bier in der Hand und hört lange nur zu. Vor ihm diskutieren drei Menschen über einen Kurzfilm, jede Szene scheint noch einmal auf dem Tisch zu liegen. „Hier sagt dir jemand ins Gesicht, was er denkt“, sagt er später. „Das tut weh. Aber genau deshalb bringt es dich weiter.“

In solchen Momenten verliert das Festival für einen Augenblick seinen Glanz und gewinnt etwas Wertvolleres. Ehrlichkeit. Keine höflich formulierte Podiumskritik, kein abgefedertes Branchenvokabular, keine Sätze für Pressehefte. Jemand sagt, eine Szene kippe ins Pathetische. Jemand anderes verteidigt genau diese Szene mit leuchtenden Augen. Dazwischen entsteht Reibung und aus dieser Reibung wächst oft mehr als aus jedem applausbegleiteten Q&A.


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