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Der Fall Anna: Wie ein Selbstschutzkurs neue Sicherheit gibt

Ein ehemaliger Ausbildner des Jagdkommandos gab der zwölfjährigen Anna einen Kurs in Selbstverteidigung. Der Fall des Mädchens, bei dem mehrere Jugendliche wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht standen, hatte zuvor österreichweit für Aufsehen gesorgt. Hat der Kurs ihr Sicherheitsgefühl verbessert?
Georg Krierer  •  22. März 2026 Redakteur    Sterne  162
Nach einem schweren Übergriff im Jahr 2023 absolvierte Anna (12) in Wien einen Selbstschutzkurs. (Foto: closeprotection)
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Anna stand im halbdunklen Trainingsraum. Nach einer Einführung in Präventivmaßnahmen und Handlungsmöglichkeiten ging es schrittweise in die körperliche Abwehr über. Aufgrund seiner Erfahrung mit über 350 Gewaltopfern ging ihr Trainer behutsam vor und steigerte gezielt die Intensität. Als er sich näherte, wich sie einen Schritt zurück, streckte die Arme aus und schuf bewusst Distanz.

Nach einem schweren Übergriff im Jahr 2023 absolvierte sie in Wien einen Selbstschutzkurs. Dort lernte sie, wie wichtig eine aufrechte Körperhaltung und klare Körpersprache sind. Sie entwickelte ein besseres Gespür für ihr Bauchgefühl und lernte, gefährliche Situationen frühzeitig zu erkennen, Grenzen zu setzen und im Ernstfall gezielt zu reagieren.

Im Gespräch mit campus a sagte ihre Mutter: „Sie konnte die Wut rauslassen.“ Anna, 12, (Name geändert), schrie, stieß den Trainer weg, sobald er ihr zu nahe kam, und setzte sich körperlich durch.

Ein neuer Anfang im Umgang mit ihrem erlittenen Traumata

Ihr Trainer war Markus Schimpl, ehemaliger Ausbilder beim Jagdkommando und heute Sicherheitsexperte, Trainer und Autor mit Schwerpunkt auf Selbstschutz, Gefahrenprävention und Handlungsfähigkeit in Ausnahmesituationen.

Seit Juli 2025 zählen seine beiden Bücher „Ich schütze mich“ und „Handlungsfähig in Extremsituationen“ offiziell zur GLV (geistigen Landesverteidigung) im Bereich Selbstschutz und Resilienz der politischen Bildung in Österreich.

Er spezialisierte sich auf Selbstschutztrainings für Betroffene von Gewalt. „Ich helfe dort, wo Hilfe gebraucht, wird“, erklärte er. Das Training für Anna übernahm er unentgeltlich.

Anna trainierte gemeinsam mit ihren Schwestern. Zu Beginn standen grundlegende Fähigkeiten im Fokus: aufrechte Haltung, direkter Blickkontakt, stabiler Stand. Schimpl stellte sich bewusst nah vor sie. Anna reagierte, schuf Abstand und formulierte ihre Grenze klar.

Im weiteren Verlauf übte sie konkrete Techniken. Sie löste sich aus Umklammerungen, drehte den Körper gezielt aus Drucksituationen und setzte einfache Tritte und Schläge ein, um sich zu befreien. Sie wiederholte jede Bewegung so lange, bis sie kontrolliert und sicher abrufbar blieb. Alle Übungen orientierten sich an ihrer Belastbarkeit.

Wirkung über das Training hinaus

Annas Mutter beobachtete eine Veränderung. Sie habe Spaß gehabt. „Sie hat noch lange davon erzählt.“ Im Training zeigte sie Emotionen, die sich seit dem Übergriff angestaut hatten.

Auch im Alltag veränderte sich Anna. Sie sprach lauter, reagierte schneller auf unangenehme Situationen und wirkte stabiler, etwa in der Schule und im Umgang mit anderen.

Ihre Mutter ist jedenfalls begeistert. Angebote dieser Art seien viel zu selten, obwohl Bedarf bestehe. Schulen sollten stärker eingebunden werden, um Kindern früh Zugang zu Selbstschutz zu ermöglichen, meint sie.

Selbstschutz als Form der Selbstermächtigung

Selbstverteidigung vermittelt nicht nur körperliche Techniken, es geht vielmehr darum, dass Betroffene lernen, die Kontrolle über Situationen gar nicht erst abzugeben oder sie im Ernstfall zurückzugewinnen, wenn diese zuvor von Ohnmacht geprägt waren. Klare Körpersprache, der bewusste Umgang mit dem Bauchgefühl sowie das Üben unter Druck stärken die Handlungskompetenz und das Selbstbewusstsein nachhaltig.

Gerade nach traumatischen Erfahrungen spielt dieser Aspekt eine Rolle. Training schafft Handlungssicherheit, reduziert Angstreaktionen und ermöglicht aktives Verhalten statt passiver Reaktion.

Politische Gespräche über Prävention und Gesetzeslücken

Markus Schimpl, Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und Anwalt Mag. FlatzMarkus Schimpl, Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und Anwalt Mag. Flatz (Foto: Closeprotection)

Wenige Tage nach dem Training trafen Schimpl und Annas Anwalt Verteidigungsministerin Klaudia Tanner. In dem über einstündigen Gespräch ging es um bestehende Gesetzeslücken, die geschlossen werden sollten, sowie aktuelle Gefahren und um die Bedeutung von Präventionsprogrammen gerade in Zeiten wie diesen.

Schimpl war zudem Teil des Gewaltschutzbeirats zur Aufarbeitung des Amoklaufs in der Dreierschützengasse. Sein erklärtes Ziel ist es, die Schulsicherheit österreichweit deutlich zu erhöhen. Daher sollten seine beiden Werke als Sofortmaßnahme in allen österreichischen Schulen zur Verfügung gestellt werden, fordert er, damit sie ihre Wirkung in den Bereichen Prävention, Selbstschutz und Krisenkompetenz entfalten können.


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