Beinahe jeden Tag erscheint eine neue Folge. Direkt nach den Screenings, oft noch in derselben Nacht aufgenommen, begleitet der Diagonale-Podcast „Von Filmen sprechen“ das Festival beinahe in Echtzeit. Gespräche entstehen dort, wo Eindrücke noch ungefiltert sind.
Für Daniel Ennemoser beginnt damit eine neue Erfahrung. Zum ersten Mal spricht er vor einem Mikrofon über Filme. Die Routine fehlt, die Unsicherheit bleibt präsent. „Auf der einen Seite fühlt es sich sehr gut an“, sagt er. „Auf der anderen Seite habe ich ganz viele Zweifel.“
Vom Kinosaal ins Mikrofon
Der Ablauf folgt einem engen Takt. Film sehen, Eindrücke sammeln, aufnehmen, schneiden. Kaum Zeit für Abstand. Nach dem Eröffnungsfilm Rose, von Markus Schleinzer, sitzt Ennemoser mit seinen Kollegen in der Hotellobby und nehmen die erste Folge auf. Der Übergang erfolgt unmittelbar, ohne längere Reflexion. „Das ging ganz schnell“, sagt er. „Den Film sehen und dann sofort aufnehmen.“
Ein erfahrenes Team gibt Struktur. Patrick Holzapfel und Lucas Barwenczik, welche schon jahrelange Podcast drehen, begleiten das Projekt, greifen ein, wenn nötig. „Es war ein Vergnügen, ihnen zuzusehen“, sagt Ennemoser. „Ich hatte keine Sorge, dass ich verloren gehe.“
Ein Einstieg in die Kritik
Das Projekt entsteht im Rahmen eines Workshops von „Jugend ohne Film“. Ziel ist es, neue Stimmen in die Filmkritik zu bringen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer entwickeln eigene Themen, produzieren Episoden und veröffentlichen diese direkt während des Festivals.
Ennemoser entscheidet sich für ein Thema, das sich aus dem Programm ergibt. „Crossdressing“. Dieser Begriff bezeichnet das Tragen von Kleidung, die gesellschaftlich einem anderen Geschlecht zugeordnet wird, unabhängig von der eigenen Geschlechtsidentität. „Das hat sich durch den Eröffnungsfilm angeboten und weil es im Festival eine eigene Kategorie dazu gibt.“
Das Programm beeinflusst die Inhalte stark. Es gilt, einen unmittelbaren Bezug zur Diagonale herzustellen.
Sprechen statt Schreiben
Der Podcast verschiebt die Form der Filmkritik. Gedanken entstehen im Gespräch und reagieren aufeinander. Ein gesprochenes Format wirkt direkter, weniger abgeschlossen.
Ennemoser beschreibt Filmkritik als Mischung aus persönlichem Eindruck und Analyse. „Filmkritik verbinde ich oft mit Fachpublikum“, sagt er. „Ein Podcast ist niederschwelliger.“ Das Gespräch ersetzt den fertigen Text. Aussagen entwickeln sich im Moment. Unsicherheit bleibt sichtbar und wird Teil des Formats.
Teilnehmer am diesjährigen Diagonale Podcast Daniel Ennemoser (Foto: Julian Höck)
Festival als Resonanzraum
Die Diagonale liefert weit mehr als einzelne Filme, sie schafft einen Kontext, in dem Gespräche sofort weitergreifen und sich über das Gesehene hinaus ausdehnen. Atmosphäre, Begegnungen und beiläufige Beobachtungen fließen direkt in die Auseinandersetzung ein. „Wir sprechen nicht nur über den Film“, sagt Ennemoser, „sondern auch über alles drum herum.“ Genau diese Erweiterung prägt den Podcast. Eindrücke vom Abend, kurze Gespräche, kleine Details aus dem Festivalalltag werden Teil der Episoden und verleihen ihnen eine Nähe, die über klassische Filmkritik hinausgeht.
Ein erster Schritt
Mit jeder Folge wächst die Sicherheit, Abläufe greifen besser ineinander, die eigene Stimme gewinnt an Klarheit. Was anfangs noch von Unsicherheit begleitet wird, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer bewussteren Form des Sprechens über Film.
Den Reiz dieses Formats beschreibt Ennemoser knapp und präzise: „Es gibt nichts Schöneres, als mit anderen über einen Film wirklich ins Detail zu gehen.“ Genau darin liegt die Stärke des Podcasts. Gespräche öffnen Räume, in denen sich Gedanken weiterentwickeln können, ohne sofort zu einem endgültigen Urteil zu führen.
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