Das Herz pocht in der Stirn. Der Atem geht schnell und unregelmäßig. Die zittrige Hand des Läufers langt in die Hosentasche. Die Gesichtserkennung scannt seinen hochroten Kopf. Sein schweißnasser Finger drückt auf den „Finish my run“-Button. In Sekundenschnelle wächst das blau gekennzeichnete Territorium. Die geballte Faust schnellt in die Luft. Geschafft! Das Territorium des Nachbarn ist erobert.
„Menschen fehlt die Motivation zum Laufen. Wir ändern das.“ Mit diesem Vorsatz entwickelten die Australier Jordan Hesse und Louis Phillips im Jahr 2024 das kostenlose Spiel „Terra“ auf ihrer Lauf-App INTVL. Das ihrer Meinung nach „kompetitivste Laufspiel der Welt“, das Menschen weltweit spielerisch in Atem hält. Mit dem erstmaligen Klick auf den Start-Button beginnt das Spiel.
Egal ob zwischen den verschneiten Tannen in Österreich, den Wolkenkratzern in New York oder den Palmen auf Hawaii. Die GPS-Funktion der App zeichnet die zurückgelegte Laufstrecke ab einem Kilometer auf. Wer zum Beispiel eine Runde um den Altausseer See läuft, dem gehört er dann. Bis der nächste Läufer die gleiche Runde dreht. Wer langfristig Territorien sammeln und halten will, muss seine Laufrouten ständig ändern. Am begehrtesten sind allerdings auch die frequentiertesten Territorien. Runden sind besser als hin und zurück, damit das Territorium mehr als ein schmales Band wird.
Nach Vollendung des Laufes klickt der Läufer auf den Finish-Button. Innerhalb kürzester Zeit analysiert die App die zurückgelegte Strecke und fügt sie in das virtuelle Spielfeld hinzu. Das erste Gebiet ist erobert und das tägliche Abklappern derselben Laufstrecke hat ein Ende. Denn nur durch das Zurücklegen neuer Strecken erweitern „Terra-Läufer“ ihr Territorium Schritt für Schritt.
Kleine, bunte Felder überziehen die in der App dargestellte Erdoberfläche. Sie erstrecken sich über alle Kontinente, sogar bis in die Antarktis. Das „Terra-Spiel“ ist inzwischen weltweit verbreitet. Mit jedem Tag wächst die Zahl der Spieler und der Konkurrenzdruck. Sowohl um die Erweiterung als auch die Erhaltung von Gebieten. Denn Terra-Läufer verlieren ihr gewonnenes Terrain, sobald Mitspieler dieses durchqueren. Die Spielregel besagt: Der letzte Läufer eines Gebiets ist dessen Eroberer.
„Teilnehmer gehen zu 98 Prozent eher laufen, wenn ihnen Territorium gestohlen wurde“ erklärt Co-Founder Phillips in einem Instagram Reel. Bei dem Verlust von Territorium bekommt der Bestohlene eine Handy-Benachrichtigung. Zeit für die Suche nach Motivation bleibt nicht. Das verlorene Gebiet gehört neu abgelaufen und zurückerobert.
„Als ich angefangen habe, war das Terra-Spiel in Österreich relativ wenig verbreitet“, berichtet Lukas Herbst, ein begeisterter „Terra-Spieler“ aus Niederösterreich. Seit rund einem Jahr nutzt er das Spiel als „gute, zusätzliche Motivation.“ Den harten Kampf um die Eroberung und Erhaltung von Gebieten nimmt er auf dem Land kaum wahr. In städtischen Gegenden wie Wien jedoch schon. „Man muss ordentlich laufen, um seine eroberten Gebiete zu behalten“, berichtet er. Allerdings nicht unbedingt allein. Auch die Erstellung oder das Beitreten eines Teams ist möglich.
Insgesamt existieren derzeit rund 2.000 „Terra-Laufteams.“ Das mitgliedreichste Team ist das „Indian Runners Team“ mit rund 9.000 Mitgliedern. Gefolgt von „Team Germany“ mit etwa 4.000 Mitgliedern, das mit rund 18.000 Quadratkilometern das größte Territorium besitzt. Platz drei belegt „Team France“ mit rund 12.000 Quadratkilometern, „From Russia“ hält aktuell rund 9.000 Quadratkilometern. Österreich nimmt mit seinem aus 172 Mitgliedern bestehenden „Team Austria“ Rang 45 im Kampf um die Welteroberung ein. Auch die Gründung eines eigenen Laufclubs mit Freunden ist möglich. So entstehen durch das „Terra-Spiel“ weltweit Laufcommunitys, die miteinander und gegeneinander den Laufsport gamifizieren. Doch nicht alle spielen fair.
So kamen bereits die Bahn, das Auto, der Elektro-Scooter oder das Rad als Versuch für die schnellere Eroberung von Gebieten zum Einsatz. Umsonst, denn ein „Anti-Cheat-System“ verhindert jeglichen Betrug. Mithilfe von GPS überwacht es die Strecke, Geschwindigkeit und Kontinuität des Laufes. Es löscht unrealistische Aufzeichnungen und mit ihnen die Möglichkeit zur Teilnahme an monatlichen Wettbewerben mit Preisen. Auch Hobbyläufer Herbst nahm schon mehrmals an den Gewinnspielen teil. Bisher gewann er allerdings noch keinen der per Zufallsprinzip ausgewählten Preisen wie eine Garmin- oder Whoop-Uhr.
Trotzdem wollen er und hunderttausend andere „Terra-Läufer“ weiterhin an den Gewinnspielen und der Eroberung von Gebieten teilnehmen. Denn hinter dem Terra-Spiel steckt weit mehr als Kilometer sammeln: Es motiviert zur Bewegung an der frischen Luft, fördert Soziale Kontakte und lädt zur Erkundung neuer Landschaften ein.
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