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Warum in Nordkorea Frauen mehr als Männer verdienen

Ein Diktator, der mit seiner Tochter lachte, sorgte weltweit für Aufmerksamkeit. Das Netz feierte ihn als „Girl-Dad“, manche sprachen sogar von einem Feministen. Doch wie gleichberechtigt sind Frauen in Nordkorea wirklich?
Emma Sehic  •  29. März 2026 Volontärin    Sterne  200
Wie viel Macht haben Frauen in Nordkorea wirklich?
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Ein Mann sitzt in einem schweren Ledersessel. Er lächelt. Offen, fast ungewohnt herzlich für jemanden, der als einer der autoritärsten Machthaber der Welt gilt. Neben ihm ein kleines Mädchen. Sie beugt sich zu ihm und flüstert ihm aufgeregt etwas ins Ohr. Er beugt sich zu ihr und beide lächeln sich an. Es wirkt wie eine dieser Szenen, die eher aus einem Familienalbum stammen als aus der Politik. Das Irritierende daran: Der Mann ist der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un, aufgenommen bei einer offiziellen Staatsveranstaltung.

Ein richtiger „Girl-Dad“?

Diese und viele weitere Videos von süßen Vater-Tochter-Momenten kursieren gerade im Internet. In den Kommentaren häufen sich Sprüche wie „Wenn dein lokaler Diktator der beste Girl-Dad ever ist“ oder „Vater des Jahres“. Manche gehen sogar so weit, ihn als feministische Ikone zu bezeichnen. Der Grund? Seit Kurzem verbreitet sich das Gerücht, dass genau dieses kleine Mädchen an seiner Seite eines Tages die nächste Anführerin Nordkoreas werden könnte.

Das Mädchen soll seine Tochter Kim Ju Ae sein. Von der nordkoreanischen Regierung selbst sind nur wenige Informationen über sie bekannt. Sogar ihr Name ist nur deshalb öffentlich, weil der amerikanische Basketballspieler Dennis Rodman ihn nach einem Besuch in Nordkorea erfahren haben soll. Der südkoreanische Nachrichtendienst NIS schätzt ihr Alter auf etwa 13 Jahre.

Ihre ersten öffentlichen Auftritte hatte sie wohl 2022, als sie gemeinsam mit ihrem Vater einen Raketenstart beobachtete. Seitdem zeigt sie sich zunehmend häufiger in der Öffentlichkeit. Manche Analysten spekulieren bereits, sie könnte eines Tages die Nachfolgerin ihres Vaters werden. Wäre eine weibliche Führung in Nordkorea denkbar? Und wie weit ist das Land tatsächlich, wenn es um reale Geschlechtergleichberechtigung und Frauen in Machtpositionen geht?

Frauen an der Spitze

In Nordkorea gibt es bereits einige Frauen, die hohe politische Ämter innehaben. Kim Yo Jong, die Schwester von Kim Jong Un, gilt als seine engste Vertraute. Als eine Art Propagandachefin spielt sie eine zentrale Rolle dabei, den Personenkult um ihren Bruder aufrechtzuerhalten.

Eine weitere hochrangige Frau ist die Außenministerin Choe Son Hui. Beide gehören zur engsten Machtelite Nordkoreas. Während Kim Yo Jong als Schwester Kim Jong Uns direkt Teil der Herrscherfamilie ist, stammt auch Choe Son Hui aus einflussreichen politischen Kreisen. Beide sind Töchter hochrangiger Funktionäre.

Der Markt in Frauenhand

Dass Frauen so hoch aufsteigen können, war nicht immer so. Traditionell waren sie auf die Hausfrauen- und in die Mutterrolle reduziert. In den 1990er-Jahren kam es dann zur schweren Wirtschaftskrise, dem sogenannten „Arduous March“. Fabriken standen still und Löhne verloren ihren Wert.

Nun gab es in Nordkorea keinen Arbeitsmarkt wie in Österreich, sondern ein streng gesteuertes, autoritäres System, in dem die Regierung Jobs zuteilte. Diese sogenannten „staatlichen Jobs“ zahlten aber nicht viel. Arbeit diente dabei oft nicht nur dem Einkommen, sondern brachte auch Zugang zu Wohnraum, Lebensmitteln und sozialem Status. Gleichzeitig überwachte der Staat über den Arbeitsplatz die politische Loyalität der Arbeitnehmer.

Wenn ein Mann versucht hätte, aus diesem System auszubrechen und etwa auf einem informellen Markt Handel zu betreiben, galt das lange nicht als „richtige“ Arbeit und war gesellschaftlich wenig anerkannt. Dazu gehören vor allem die sogenannten Jangmadang–Märkte, auf denen Menschen Lebensmittel, Kleidung, Medikamente oder Alltagsgegenstände verkaufen, oft auch importierte oder geschmuggelte Waren aus China. Diese Märkte entstanden in den 1990er-Jahren aus der Not heraus, als das staatliche Versorgungssystem zusammenbrach.

Männer blieben deshalb oft an staatlichen Jobs gebunden, obwohl sie kaum Einkommen brachten. Für Frauen galt das nicht. Sie konnten in dieser Zeit den informellen Handel übernehmen und sich auf Märkten als Händlerinnen, Zwischenhändlerinnen oder Dienstleisterinnen etablieren und übernahmen so faktisch die finanzielle Versorgung ihrer Familien.

Eigentlich widerspricht das der eigenen Ideologie Nordkoreas. Das Land versteht sich als sozialistischer Staat mit staatlicher Versorgung und Gleichheit. Dass ausgerechnet Frauen auf informellen Märkten das Überleben sichern, steht dazu im Widerspruch.

Frauen ernähren die Familie

Das Koreanische Institut für Nationale Wiedervereinigung (KINU) hat 2020 in einer umfassenden Arbeit die Situation von Frauen im Alltag beschrieben. Der nordkoreanische Arbeitsmarkt unterscheidet demnach „männliche, offizielle Arbeit“ und „weibliche, inoffizielle Arbeit“. 

Viele Frauen geben sogar angesehene Berufe als Ärztinnen oder Krankenschwestern auf und wechseln in den informellen Markt, weil sich dort deutlich mehr verdienen lässt.

„Frauen sind vor allem erfolgreiche Kaufleute. In juristischen Berufen oder im Staatsdienst sind sie dagegen selten vertreten“, erklärte eine für die Arbeit Interviewte. Sie haben viel ökonomische Macht, aber eben wenig politische. 

Veränderte Familienrolle

Das verändert auch die Rolle innerhalb der Familie. Frauen sichern das Einkommen, während Männer eher Status und formale Karriere im staatlichen System behalten. Familien werden als wirtschaftliche Einheiten verstanden, in denen das Überleben oft vom informellen Handel der Frauen abhängt. 

Studien zeigen, dass Frauen heute in vielen Haushalten die Hauptverdienerinnen sind und den Großteil des Familieneinkommens erwirtschaften. Viele Männer hingegen können finanziell kaum noch unabhängig leben, da ihre staatlichen Jobs wenig einbringen.

Diese Verschiebung hat Folgen für die Machtverhältnisse innerhalb der Familie. Frauen gewinnen an Einfluss und treffen häufiger Entscheidungen im Alltag. Gleichzeitig kann das auch zu Spannungen führen. Zwar sind Scheidungen in Nordkorea rechtlich schwierig, doch Frauen nutzen zunehmend informelle Wege, etwa über Geld oder Beziehungen, um sich aus ungewollten Ehen zu lösen.

Investition in den Ehemann

Trotz dieser finanziellen Macht nutzen wenige Frauen ihr Einkommen, um selbst zu studieren oder eine Karriere in einem „offiziellen“ Job aufzubauen. Stattdessen investieren sie das Geld häufig in die Ausbildung ihrer Ehemänner, etwa um deren Studium zu finanzieren. Viele Interviewte der KINU-Studie berichten, dass sie diese Entscheidung bewusst treffen, weil sie wissen, dass es für sie im staatlichen System deutlich schwieriger ist, beruflich aufzusteigen als für Männer.


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