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Filmemachen in Österreich in der Förderkrise

Österreichs Fördersystem hält mit der Realität der Filmproduktion längst nicht mehr Schritt. Zu wenig Geld, schwer zugängliche Strukturen und kaum planbare Perspektiven drängen eine ganze Generation in unbezahlte Arbeit. Drei Filme aus der Filmakademie Wien zeigen, wie Kino unter diesen Bedingungen entsteht und was es kostet, es überhaupt zu machen.
Georg Krierer  •  30. März 2026 Redakteur    Sterne  254
Junge Filmschaffende tun sich oft finanziell sehr schwer (Foto: shutterstock)
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Österreich produziert international sichtbares Kino, gewinnt Preise, bespielt Festivals und scheitert gleichzeitig an den eigenen Strukturen. Hinter der glänzenden Oberfläche liegt ein Fördersystem, das seit Jahren unter Druck steht: zu wenig Mittel, hohe Zugangshürden, lange Entscheidungswege, kaum planbare Budgets. Besonders im Kurzfilm zeigt sich die Schieflage deutlich.

Die staatliche Filmförderung verteilt sich auf mehrere Ebenen, Bundesmittel über das Österreichische Filminstitut, wirtschaftsorientierte Programme wie FISA+, regionale Töpfe etwa in Wien oder Niederösterreich. In Summe bleibt das Volumen im europäischen Vergleich überschaubar. Deutschland operiert mit deutlich höheren Budgets, die Schweiz kombiniert nationale Förderung mit starken regionalen Strukturen. Österreich hingegen fragmentiert seine Mittel, während gleichzeitig die Zahl der Einreichungen steigt.

Die Folge: hohe Ablehnungsquoten, lange Wartezeiten, enorme Konkurrenz. Förderzusagen hängen nicht nur von Qualität ab, sondern auch von Referenzen, Netzwerken und institutionellem Vertrauen. Projekte ohne Glaubwürdigkeit bleiben oft außen vor. Besonders für Nachwuchsregie entsteht ein Kreislauf: Ohne Förderung keine Produktion, ohne Produktion keine Förderung.

Kurzfilm fällt dabei systematisch durch das Raster. Einnahmen existieren kaum, Verwertung verursacht zusätzliche Kosten, nachhaltige Finanzierungsmodelle fehlen. Zwischen Low-Budget-Studienprojekten und hochgeförderten Langfilmen klafft eine Lücke. Genau in dieser Zone arbeiten junge Filmschaffende.

Vergangene Woche liefen mehrere dieser Arbeiten auf der Diagonale in Graz. Drei Filme aus der Filmakademie Wien, unterschiedlich in Form und Ton, erstaunlich ähnlich in ihren Produktionsbedingungen.

Filmemachen im Dauer-Nebenjob

Angelika Spangels Kurzfilm Ein Unfall legt ein Dorf frei, in dem sich Schuld unbemerkt verteilt. Ein Mann stirbt auf einer Bank, ein Autounfall bleibt unbeachtet, ein Sohn trägt Verantwortung für tote Tiere. Die Bilder greifen ineinander, verdichten sich zu einem System aus Scham und Verdrängung, in dem jede Beobachtung eine neue Frage öffnet.

Hinter dieser formalen Präzision steht ein Arbeitsprozess, der von ökonomischer Zersplitterung geprägt ist. Spangel beschreibt ihn klar: „man ist mit mehreren Projekten beschäftigt und switcht von da nach da, wo man Geld verdient.“

Regie, Kamera, Produktion, Schnitt, das gesamte Team, welche allesamt auf der Filmakademie studieren oder studiert haben, bewegt sich in parallelen Arbeitsrealitäten. Kamerafrau Sophia Wiegele verweist auf die notwendige Voraussetzung dafür: „man braucht halt auch Headspace, um einen Film zu machen.“ Dieser Raum entsteht selten aus der Filmarbeit selbst, sondern aus externer Absicherung.

Filmeditor Daniel Rutz formuliert die Konsequenz direkt: „ich verdiene jetzt nicht mein Geld mit Kurzfilmen“ Kurzfilm bleibt künstlerisches Feld, kein ökonomisches.

Produzentin Shirin Hooshmandi gelingt für Ein Unfall eine Ausnahme. Durch eine Vielzahl eingeworbener Förderungen entsteht ein Budget, das über dem üblichen Niveau liegt. Spangel hält fest: „Unser Film, hat für einen Kurzfilm ziemlich viel Geld gehabt.“

Dieses „viel“ verschiebt die Bedingungen nur minimal. Zum ersten Mal lassen sich im Team zumindest Aufwandsentschädigungen auszahlen. Spangel beschreibt diesen Moment fast erleichtert: „jetzt kann ich endlich einmal was geben, wenn auch nicht, dass was angemessen gewesen wäre“. Wiegele spricht die strukturelle Abhängigkeit offen aus: „man ist halt wahnsinnig darauf angewiesen, dass viele Leute ihre Zeit und Ressourcen unentgeltlich zur Verfügung stellen.“

Ein Gefüge entsteht, das auf Engagement basiert. Professionelle Arbeit, getragen von informellen Strukturen. Selbst in einem vergleichsweise gut ausgestatteten Projekt bleibt finanzielle Sicherheit außerhalb des Systems.

Der Kurzfilm „Ein Unfall“Der Kurzfilm „Ein Unfall“ (Foto: Sophia Wiegele)

50 Euro und viel Eigenleistung

Mayram Zuhuris Letters from Home wählt einen radikal anderen Zugang. Schwarz-weiß, leise, fragmentarisch. Bilder von Wiener Märkten treffen auf persönliches Filmmaterial, Migration erscheint als innere Bewegung.

Die Produktionsrealität wirkt ebenso reduziert wie die Form. „wir hatten ein extrem geringes Budget, 50 Euro von der Uni für Transportkosten.“ Förderanträge bleiben außen vor, nicht aus Überzeugung, sondern aus Zeitmangel. „Das war auch nicht vorgesehen, eine Förderung zu beantragen.“ Dabei verschiebt sich Finanzierung ins Private: „alles andere haben wir selbst irgendwie noch finanziert.“

Hier ersetzt Infrastruktur das Geld. Kamera, Technik, Kontakte, bereitgestellt durch die Filmakademie. Ein System, das auf Ressourcen basiert, nicht auf Bezahlung.

Der Kurzfilm „Letters from home“Der Kurzfilm „Letters from home“ (Foto: lemonadefilmdistribution/zuhuri)

Über 40.000 Euro und trotzdem kein Gehalt

Zwischen diesen beiden Polen, der seltenen Förderausnahme und der völligen Eigenproduktion, liegt jener Bereich, der eigentlich Stabilität versprechen sollte: ein mittleres Budget, institutionelle Unterstützung, mehrere Geldgeber. Doch genau hier zeigen sich die Brüche besonders deutlich.

Regisseur Franz Quitt und Drehbuchautor Bruno Kratochvil machten den Kurzfilm Closed for the Virus Break. Er erzählt von Isolation im Lockdown. Ein HIV-positiver Mann blickt auf leere Straßen, Nähe wird zur Bedrohung, Einsamkeit zur Konstante. Der Film arbeitet mit klaren Bildern, konzentriertem Raum, emotionaler Dichte. Alles wirkt präzise gesetzt, kontrolliert, bewusst reduziert.

Die Finanzierung scheint auf den ersten Blick tragfähig. Förderstellen wie ihre Uni, die Filmakademie Wien, die Gender/Queer/Diversity-Förderung der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, MA7, BMKÖS und das Land Niederösterreich beteiligen sich, das Budget liegt bei über 40.000 Euro. „unser Kurzfilm hat schon mehr als der durchschnittliche Kurzfilm gekostet“, erzählt Quitt.

Ein Betrag, der im Kurzfilmkontext hoch wirkt und sich in der Praxis schnell relativiert. Analoger Dreh auf 16mm, Technik, Postproduktion verschlingen die Mittel. Geld verschwindet in Infrastruktur, nicht in Arbeit. „Das sind mal Gelder, die du aufstellen musst.“

Vorleistungen werden zur Voraussetzung. Wer produziert, trägt Risiko. Mit jeder Entscheidung wächst der Druck. „Du musst auch noch deine Verwertung nachher finanzieren, wo die meisten sich verschulden“, ergänzt Kratochvil. Ein Film endet nicht mit dem Schnitt. Vertrieb, Sichtbarkeit, all das verlangt zusätzliche Mittel, die oft nicht eingeplant sind.

Gleichzeitig bleibt die grundlegendste Frage ungelöst: Bezahlung. Gleich wie Spangel beklagt Kratochvil: „Du kannst trotzdem niemanden zahlen, der mit dir arbeitet.“ Ein Budget von über 40.000 Euro und dennoch keine Gagen. Professionelle Arbeit ohne professionelle Entlohnung.

Dabei handelt es sich nicht um ein klassisches Nachwuchsprojekt im engeren Sinn. Quitt und Kratochvil arbeiten seit über zehn Jahren professionell im Filmbereich, ihre Filme wurden auf zahlreichen Festivals gezeigt, unter anderem beim Max Ophüls Preis. Closed for the Virus Break selbst wurde ebenfalls auf der Diagonale 2026 ausgezeichnet, unter anderem mit einem Kurzfilmpreis sowie dem Kodak Analogfilmpreis.

Hinzu kommt der Zugang zu diesem Budget. Förderungen setzen Vertrauen voraus, Referenzen, eine nachweisbare Laufbahn. „Alleine die Glaubwürdigkeit aufzubauen, dass Förderstellen Geld geben, braucht einen langen Weg.“ Gleichzeitig bleibt das System widersprüchlich: Viele Filmschaffende gelten über Jahre hinweg als Nachwuchs oder in Ausbildung, während größere Budgets oft erst dann zugänglich werden, wenn bereits Erfolge vorliegen. Zugleich verlangt das System permanente Produktion: „Unsere Karriere hängt davon ab, dass wir regelmäßig etwas produzieren“, sagt Kratochvil.

Das sogenannte „mittlere Budget“ entpuppt sich als Illusion. Es schließt die Lücke zwischen Low-Budget und groß gefördertem Film nicht, sondern verlagert sie. Die Summen steigen, die strukturellen Probleme bleiben, nur auf einem höheren Kostenniveau, mit größerem Risiko.

Die Konsequenz verdichtet sich in einem Satz von Kratochvil: „Ich hackle so viel und es kommt so wenig Geld zurück.“ Kein Einzelfall, sondern ein Zustand. Er beschreibt nicht nur persönliche Frustration, sondern eine strukturelle Realität. Filme entstehen, Preise werden gewonnen, Karrieren beginnen, getragen von unbezahlter Arbeit, Nebenjobs und Unsicherheit.

Der Kurzfilm „Closed for the virus break“Der Kurzfilm „Closed for the virus break“ (Foto: Laura Ettel / Franz Quitt)


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