Der Schiedsrichter beendet die Partie, der Trainer analysiert gedanklich noch die entscheidenden Szenen. Abseits, Elfmeter, eine vergebene Chance. Das Handy klingelt. Eine unbekannte Nummer erscheint. Abheben oder ignorieren?
Wer abhebt, könnte in diesen Tagen in einem Interview landen. Am anderen Ende spricht kein Mensch, sondern eine künstliche Intelligenz. Sie stellt ohne Umschweife Fragen zum Spiel.
Seit März setzt die Fußball-Plattform Ligaportal österreichweit auf eine KI-Redakteurin im Amateurfußball. Die Plattform veröffentlicht Spielberichte, Ergebnisse und Hintergrundgeschichten aus allen Ligen und erreicht damit täglich eine breite Leserschaft im heimischen Fußball. Die KI übernimmt dabei einen Teil der klassischen Reporterarbeit. Sie kontaktiert Trainer, führt Gespräche und erstellt daraus Berichte, die kurze Zeit später online erscheinen.
Geschäftsführer Thomas Arnitz beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahren mit KI im Journalismus und entwickelt entsprechende Projekte. Den Anstoß für die Interview-KI gibt die enorme Anzahl an Spielen. Rund 1.200 Partien pro Runde stehen etwa 200 bis 250 Berichten gegenüber, die ein Redaktionsteam abdecken kann. Ein klassischer Spielbericht benötigt bis zu achtzig Minuten, vom ersten Anruf bis zum fertigen Text.
Nach Spielende verarbeitet das System automatisch alle relevanten Daten, von der Paarung bis zum zuständigen Trainer. Anfangs erfolgte der Anruf unmittelbar, inzwischen kündigt die KI das Gespräch per WhatsApp an. Trainer wählen dort einen passenden Zeitpunkt sowie ihre bevorzugte Sprache. Zum vereinbarten Termin startet das Interview, kurz darauf entsteht innerhalb von rund sechzig Sekunden ein fertiger Artikel. Mehrere Prüfschritte sichern Inhalt und Qualität, bevor der Bericht online geht.
Auch Dialekt stellen für die KI kein Hindernis dar. Arnitz: „Egal ob Kärnten, Vorarlberg, oder Tirol, es ist wirklich sensationell, wie die KI das versteht und verarbeitet.“
Für Arnitz entsteht daraus ein doppelter Effekt. Die Plattform veröffentlicht dadurch regelmäßig Berichte auch aus unteren Ligen, die zuvor kaum abgedeckt waren. Gleichzeitig bleibt der Redaktion mehr Zeit für höhere Spielklassen und ausführlichere Geschichten. Trainer gehen mit der neuen Form der Interviews entspannt um und nehmen sie ohne große Vorbehalte an.
Felix Wallner, Trainer des Fußballvereins USC Kronberg, erlebt diesen Moment ohne jede Vorbereitung. Eine unbekannte Nummer erscheint, er hebt ab, eine künstliche Stimme beginnt zu sprechen. Sein erster Gedanke: Spam. Er legt auf.
Erst ein späteres Gespräch mit Ligaportal klärt die Situation. Beim zweiten Versuch hört er genauer hin und lässt sich auf das Gespräch ein. „Ich hatte das Gefühlt mit einem Menschen zu telefonieren.“
Die KI stellt Fragen, die aufeinander aufbauen und reagiert auf Inhalte. Beschreibt Wallner eine Szene, folgt eine passende Nachfrage. Erwähnt er eine strittige Entscheidung, greift die KI diesen Punkt sofort auf und vertieft ihn. Nach dem Gespräch erhält er einen Link zum fertigen Artikel. Änderungen nimmt er kaum vor. „Ich habe noch nicht wirklich etwas bearbeiten müssen.“
So überzeugend die Abläufe wirken, so deutlich zeigen sich die Grenzen. Ein Gespräch mit einem Reporter lebt von mehr als Fragen und Antworten. Es lebt von Nähe, von gemeinsamen Erfahrungen und kleinen Zwischentönen.
Wallner beschreibt diesen Unterschied: „Ein echter Reporter catcht gleich die Emotionen, der versteht auch sofort, was hinter dem Spiel gestanden ist.“
Ein Journalist kennt Geschichten, erinnert sich an vergangene Spiele, spürt Rivalitäten. Er weiß, wann ein Satz mehr bedeutet als seine Worte. Diese Ebene bleibt Valentina verschlossen.
Wilhelm Leser, Trainer des Fußballvereins SC Lockenhaus-Rattersdorf erlebt den Einstieg anders. „Am Anfang war es schon eine Gewöhnung, es war eigenartig, aber mittlerweile hat sich das normalisiert.“
Leser kennt den Ablauf inzwischen genau. Die Fragen folgen einer klaren Struktur, das Gespräch bleibt vorhersehbar. Antworten erscheinen später im Artikel so, wie er sie formuliert hat. Ein Detail stört ihn jedoch. Während des Gesprächs bleibt wenig Zeit zum Nachdenken. Pausen führen dazu, dass die KI direkt die nächste Frage stellt und Antworten schneller formuliert werden.
Neben der Gesprächsführung erkennt Leser in der KI einen weiteren Vorteil gegenüber klassischen Interviews. Die Berichterstattung erfolgt ohne persönliche Präferenzen. „Wenn ein Reporter einem Verein nähersteht, kann sich das im Artikel widerspiegeln. Bei der KI ist das nicht der Fall.“
Auch im Alltag zeigt sich die Veränderung. Spiele aus allen Ligen erscheinen regelmäßig online, unabhängig von Bekanntheit oder Spielklasse. Wallner greift nach dem Spiel wieder zum Handy, scrollt durch die Berichte und verfolgt, was in anderen Ligen passiert.
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