Im Wiener Burgtheater lief zu Beginn des Jahres eine Interpretation von „Hamlet“ unter der Regie von Karin Henkel. Doch das ist nicht die einzige Neuinszenierung des Shakespeare-Dramas. Diesen April feiert der Film „Hamlet“ von Aneil Karia in den Kinos Prämiere. Der ikonische Satz „Sein oder nicht sein“ wird damit wieder in aller Munde sein. „Hamlet ist in Wahrheit aktueller denn je“, sagt Sprachwissenschaftler und Verleger Maximilian Hauptmann im Gespräch.
Erst kürzlich erhielt der Film „Hamnet“ die Auszeichnung „bester Film“ bei den Golden Globe Awards 2026. Er beleuchtet die familiären Hintergründe William Shakespeares, die häufig mit „Hamlet“ in Verbindung gebracht werden. Auch in Wien stehen neue Interpretationen mehrfach auf dem Spielplan. Neben Karin Henkel inszeniert auch Regisseur Stephan Müller den Klassiker in einer aktuellen Fassung. Die Geschichte des dänischen Prinzen scheint aktueller denn je.
„Gerade bei den jungen Generationen gibt es eine große Angst, etwas zu verpassen oder die falsche Entscheidung zu treffen. Diese Entscheidungen machen den Leuten viel Stress und Angst und oftmals entscheiden sie sich dann für gar nichts“, sagt Hauptmann. „Hamlet ist in Wahrheit genau das.“
Was Hamlet vor mehr als 400 Jahren durchlebt, kennen viele heute nur zu gut. Entscheidungsdruck, Selbstzweifel und die Angst, sich festzulegen prägen heute viele junge Menschen. Noch nie waren die Optionen so vielfältig, sei es bei Berufswahl, Lebensmodellen, Beziehungsformen oder Kinderwunsch.
Diese vielen Wahlmöglichkeiten können überfordern. Hinzu kommt eine permanente Informationsflut durch soziale Medien. Viele junge Menschen begleitet hierbei die Angst, durch die Entscheidung für eine Sache eine andere zu verpassen. Dieses Phänomen beschreiben Wissenschaftler als „FoMO“ (Fear of Missing Out).
Besonders Menschen mit geringer Lebenszufriedenheit neigen zu FoMO. Das zeigen Forschungen des Psychologen Andrew Przybylski von der University of Essex. Laut dem Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation führt diese Angst dann oft zu ausweichendem Verhalten.
Hamlet verkörpert dieses Muster. In Shakespeares Drama erfährt der Prinz vom Geist seines toten Vaters, dass sein Onkel Claudius ihn ermordet und den Thron an sich gerissen habe. Nun soll der Prinz den Vater rächen, doch statt zu handeln, gerät er ins Grübeln.
Letztendlich bringt ihn dieses Zögern um. „Es gibt immer wieder Momente, in denen er sich eigentlich entscheiden müsste“, sagt der Literaturexperte. „Das ist auch heute ein riesiges Problem. Am Ende entscheiden sich die Menschen gar nicht und dann werden sie fremdbestimmt.“
Dieser Gedanke ist in Shakespeares Stück besonders präsent. Die berühmte „Sein oder Nichtsein“-Rede kreist um die Frage, ob es besser sei zu leben oder zu sterben, aber auch darum, ob Handeln oder Nichthandeln die größere Konsequenz hat.
Hamlet stellt damit die Frage nach aktiver Lebensgestaltung, denn laut Forschern des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung kann jede Entscheidung den Lebensweg eines Menschen verändern und zu unvorhersehbaren Erfahrungen und Gefühlen führen. „Hamlet zeigt, dass egal, welche Entscheidung du triffst, der Umstand, dass du sie triffst, macht sie schon richtig“, sagt Verleger Hauptmann.
Auch in Liebesfragen wirkt Hamlet modern. Obwohl er in Ophelia verliebt ist, stößt er sie von sich. Sein Verhalten erinnert an das, was heute oft als Bindungsangst beschrieben wird. Die Psychologin Stefanie Stahl charakterisiert diese als ein Schwanken zwischen Nähe und Distanz, sowie die Angst vor exklusiven Beziehungen.
Durch seine emotionale Intensität und den plötzlichen Rückzug würden Psychologen Hamlet daher heute vermutlich als bindungsängstlich einstufen. Commitment-Probleme, emotionale Ambivalenz und Konfliktscheue sind dabei Probleme, die viele junge Menschen der aktuellen Dating-Kultur zuschreiben.
Im Umgang mit Konflikten zeigt sich ebenfalls eine Parallele zur Gegenwart. Viele junge Menschen meiden direkte Konfrontationen und weichen auf indirekte Kommunikation aus. Laut einer Studie von Sky Mobile aus dem Jahr 2023 kommunizieren mehr als zwei Drittel der 18-24-Jährigen lieber per Nachricht als per Telefon.
Hamlet handelt ähnlich. Statt seinen Onkel direkt zur Rede zu stellen, inszeniert er ein Theaterstück, um dessen Schuld zu entlarven. Doch diese Umwege verzögern die Katastrophe nur. Am Ende eskaliert die Situation und fast alle Hauptfiguren sterben. Dieser Bezug zur Gegenwart macht deutlich, weshalb „Hamlet“ in Filmen und Theaterstücken auch jetzt immer wieder neu inszeniert wird.
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