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Wenn die Kleidung über Kompetenz entscheidet

Als Zohran Mamdani sein Amt als New Yorker Bürgermeister antrat, sorgte nicht nur seine Politik für Aufmerksamkeit. Eine Debatte über die Schuhe seiner Partnerin lenkte den Fokus plötzlich weg vom Mann der Stunde und auf das Outfit seiner Frau. Das Phänomen ist nicht neu: Die Gesellschaft bewertet Frauen in der Politik noch immer stärker nach ihrem Erscheinungsbild als ihre männlichen Kollegen.
Amelie Thein  •  8. April 2026 Volontärin    Sterne  26
Als Zohran Mamdani sein Amt als New Yorker Bürgermeister antrat, sorgte nicht nur seine Politik für Aufmerksamkeit. Eine Debatte über die Schuhe seiner Partnerin lenkte den Fokus weg vom Mann der Stunde und auf das Outfit seiner Frau. (Foto: Shutterstock)
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Kameras richteten sich auf die U-Bahn-Station der New York City Hall, als Zohran Mamdani dort am 01. Januar 2026 um Mitternacht seinen Amtseid ablegte. Er legte die linke Hand auf eine Ausgabe des Koran. Die rechte hob er in die winterkalte Luft. Mit 34 Jahren wurde er in diesem Moment der jüngste Bürgermeister, den New York je gehabt hatte. Der erste Muslim. Der erste mit südasiatischen Wurzeln. Und trotz aller Kritik an seiner Herkunft und seiner Politik wanderten an diesem Abend viele Blicke auf etwas anderes. 

Neben ihm stand seine Partnerin Rama Duwaji. An ihren Füßen befanden sich Stiefel im Wert von 630 Dollar. Ein klarer Widerspruch zu den Werten des neuen linken Bürgermeisters, so der Vorwurf. Obwohl Rama Duwaji kein Amt bekleidete, geriet sie in den Fokus öffentlicher Kritik. 

Kleider, Frisur, Schuhe: Politikerinnen unter ständiger Beobachtung

Für Frauen, die tatsächlich politische Ämter ausüben, gilt das umso mehr. Kleidet sich eine Frau vermeintlich unangemessen, verlieren ihre Aussagen, unabhängig von ihrem Inhalt, an Gewicht. Während Männer oft allein nach ihren Entscheidungen bewertet werden, wird das äußere Erscheinungsbild von Frauen zur Messlatte für Kompetenz. Die Gesellschaft reagiert sensibel auf jede Abweichung von den visuellen Erwartungen,  was die politische Gleichberechtigung erschwert. 

Christine Haberlander (ÖVP) ist die Landeshauptmann-Stellvertreterin von Oberösterreichund zuständig für die Schwerpunkte Bildung, Frauen und Gesundheit. Sie bestätigt diese Beobachtung: „Bei Frauen achtet die Gesellschaft viel mehr auf ihr Äußeres. Sei es die Frisur, das Make-up, die Länge des Rockes oder ob die Kleidung vorteilhaft ist”, so die Politikerin. 

Die Kritik kommt mitunter auch aus den eigenen Reihen, von anderen Frauen „Leider kommentieren oft gerade auch Frauen die Kleidung anderer Frauen. Ich kenne Politiker, die haben Tag für Tag einen blauen Anzug an, sie verwenden entweder eine blaue oder eine rote Krawatte. Das bleibt unkommentiert“, so Haberlander. „Wenn eine junge Politikerin aber einmal einen angeblich zu kurzen Rock trägt oder zu hohe Schuhe, dann spricht der ganze Saal darüber.“

Das Dilemma: Herrenanzug definiert Macht, Frauen werden auf Attraktivität reduziert

Doch woran liegt das? Eva Flicker, Professorin für Visuelle Soziologie, sieht darin ein gesellschaftliches Problem. „Frauen kommt eine besondere Aufmerksamkeit zu, da sie im Vergleich zu Männern erst seit kurzer Zeit in Machtpositionen vertreten sind“, sagt Flicker. „Zudem sind sie nach wie vor noch eine absolute Minderheit.“ 

Auch die Medien inszenieren Frauen anders. Statt Kompetenz dominieren Attribute wie Attraktivität, Eleganz und Schönheit. „Die Gesellschaft verknüpft Weiblichkeit noch immer nicht mit Macht und Stärke“, so Flicker. Der dunkle Herrenanzug, als entsprechendes Referenzkleidungsstück, symbolisiere hingegen diese Werte. Daraus ergibt sich ein Dilemma: Die visuellen Codes sind stark am dunklen Herrenanzug orientiert, wodurch eine vergleichbare Alternative, die als weiblich lesbar gewesen wäre, fehlt.

Auch Sexualisierung verstärkt diese Dynamik. Flicker verweist auf Bildinszenierungen, die Politikerinnen auf ihr Äußeres reduzieren. Ein bekanntes Beispiel dafür war Sarah Palin. Fotografen inszenierten die US-amerikanische Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikanischen Partei 2008 bewusst von unten. Solche Bilder lenken den Fokus von politischen Inhalten auf das Aussehen der Politikerin, reduzieren sie auf körperliche Merkmale und verstärken sexistische Stereotype.

Vor allem in den 2010er Jahren beobachtete Flicker extreme Kritik gegen Frauen in der Politik aufgrund ihrer Kleiderwahl: „Politikerinnen wurden sehr stark für jede Haarspange, jede Frisur, jedes Kleidungsstück gebashed.“

Das Outfit als Botschaft

Doch es geht auch anders: Angela Merkel konnte die Kritik umgehen und daraus ihren eigenen, bis heute ikonischen Stil entwickeln, so Flicker. „Angela Merkel legte Wert darauf, möglichst wenige Accessoires der Weiblichkeit zu tragen”, erklärt die Expertin. „Meist kombinierte sie einfarbige Blazer mit dunkler Hose.” Mit dieser Kombination bezog sich die deutsche Bundeskanzlerin zwar auf den dunklen Herrenanzug, verlieh ihm aber durch den Einsatz von Farbe einen individuellen Twist. Für Männer in der Politik ist dies meist ein Tabu.

Kleidung kann jedoch auch der Selbstermächtigung dienen: „Natürlich überlege ich mir an manchen Tagen ganz bewusst, was ich anziehe”, erklärt Christine Haberlander. Dabei achtet die Politikerin vor allem auf den Anlass: „Wenn ich zu einem ernsten Anlass ein Interview gebe, kann ich dies nicht im bunten Sommerkleid tun. Da passen Bild und Botschaft nicht zusammen.” 

Außerdem zählt für sie vor allem eines: das eigene Wohlbefinden. Bewegungsfreiheit ist ebenso wichtig wie die Gewissheit, in der Kleidung sicher aufzutreten und keine ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Bei einer Rede sollen die Worte im Mittelpunkt stehen, nicht das Outfit”, sagt Haberlander. Kleidung sollte also nicht ablenken, aber sie dürfe durchaus verstärken. Was man trägt, kann die eigenen Werte hervorheben. „Mein Kleid kann meine Botschaft, mein Tun, mein Wirken unterstreichen”, sagt Haberlander.

Aus ihrer Sicht haben Frauen mehr Möglichkeiten, Mode stärker zu nutzen, um aufzufallen, sich abzugrenzen oder einen eigenen Stil zu entwickeln, als Männer mit ihrer eher uniformierten Kleidung. Mode macht Frauen zwar häufiger zur Zielscheibe von Kritik, lässt sich aber auch ganz strategisch einsetzen, etwa um auf Gruppenfotos aus der Masse der Männer in dunkelblauen Anzügen durch einen farbigen Akzent hervorzustechen. „Wir sollten auch modisch Raum einnehmen. Wir haben eine Ausdrucksmöglichkeit und die sollten wir nutzen”, so Haberlander.

Auch am Rande des Geschehens bleiben Frauen Ziel der Kritik

Dennoch bleibt das grundlegende Problem bestehen: Selbst wenn Frauen nicht beabsichtigen, mit ihrem Outfit abzulenken, kritisieren andere sie dafür. Sie bewerten das äußere Erscheinungsbild überproportional und nehmen es zum Anlass, moralische oder persönliche Zuschreibungen vorzunehmen.

Im Fall von Rama Duwaji zeigte sich diese Dynamik in ihrer absurdesten Form. Die Diskussion um ihre Stiefel zielte nicht einmal auf ihre eigenen Werte ab. Sie dehnte sich auf eine Infragestellung der Werte ihres Mannes aus. 

Nach der Amtseinführung gab Rama Duwaji die 630-Dollar-Schuhe zurück. Viele Kritiker wissen nämlich nicht, dass Prominente ihre Kleidung für solche Events oft nur leihen. Ihre Stylistin, Karefa-Johnson, reagierte auf die Kritik mit bemerkenswerter Gelassenheit: „Ich muss mich einfach damit abfinden, dass die Leute im Internet nicht verstehen, was es bedeutet, ein geliehenes Musterstück zu tragen, das schon zuvor ausgeliehen wurde und auch in Zukunft wieder ausgeliehen werden wird“, schrieb sie auf ihrem Blog.


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