Der 27-jährige Florian Payr, der bald sein Klinisch-Praktisches Jahr abschließt, will danach im Universitätsklinikum Salzburg seine Assistenzarztausbildung in der Radiologie beginnen. „Jetzt sind wir noch weit davon entfernt, dass die KI allen diagnostischen Anforderungen der Radiologie zur Gänze gerecht wird und dieselbe Expertise aufweist wie ein Radiologe,“ sagt Payr. KI sei ein wichtiger Modernisierungsschritt in der Medizintechnologie und er sei sich sicher, dass sie in Zukunft in fast allen Bereichen zum Basisequipment gehöre. „Mir persönlich macht es keine Angst und es ist für mich auch kein Grund, nicht Radiologe zu werden,“ sagt Payr. Aber womöglich gibt sich der junge Mediziner einer Illusion hin, denn in den USA ist die Situation eine andere.
Während einer Podiumsdiskussion in New York sprach sich Mitchell H. Katz, CEO und Präsident von NYC Health + Hospitals dafür aus, Radiologen durch KI zu ersetzen, sobald der Regulierungsrahmen das zulassen könnte. “Wir könnten in diesem Moment viele Radiologen durch KI ersetzen, wenn wir bereit sind, die regulatorische Herausforderung zu meistern,” sagte Katz auf dem Forum, das am 25. März stattfand. NYC Health + Hospitals ist das größte öffentliche Gesundheitssystem in den Vereinigten Staaten, mit mehr als 45.000 Beschäftigten im Gesundheitswesen in einem Netzwerk aus elf Krankenhäusern, fünf Pflegeeinrichtungen sowie mehreren kommunalen Gesundheitszentren.
Die Umsetzung von Katz‘ Forderung stößt in New York auf eine konkrete regulatorische Vorgabe: Nach dem Krankenhausgesetz müssen radiologische Untersuchungen von einem fachärztlich zertifizierten oder zur Zertifizierung zugelassenen Radiologen befundet werden. Auf Bundesebene kommt hinzu, dass entsprechende KI-Systeme in der Regel als Medizinprodukte gelten und somit einer Zulassung durch die FDA unterliegen.
Der Facharzt für Innere Medizin meinte, Ärzte setzen KI zunehmend zur Diagnose bei Mammographien und Röntgenbildern ein. Die Technologie biete den großen Vorteil, immense Kosten einzusparen, da die Beschäftigung von Radiologen auch aufgrund der steigenden Nachfrage für Krankenhäuser immer teurer werden. Bei Brustkrebsvorsorgeuntersuchungen könne die KI erste Auswertungen durchführen, während Radiologen danach alle abnormalen Screenings überprüfen und Zweitmeinungen abgeben sollten.
Mohammed Suhail, ein Radiologe in San Diego, kritisierte Katz für die Aussage scharf. Sie sei ein unbestreitbarer Beweis dafür, dass uninformierte Krankenhausverwalter eine Gefahr darstellen würden. Jeder Versuch, reine KI-Diagnosen zu implementieren, würde zu Patientenschäden führen. „Krankenhäuser sind bereit, Kosten zu senken, auch wenn es einen Schaden für Patienten bedeutet, solange es legal ist,” sagte Suhail gegenüber dem Fachmagazin Radiology Business.
In den USA gelten Radiologen also schon als Auslaufmodell, doch handelt es sich nur um eine typisch US-amerikanische Provokationsthese oder ist Katz‘ Aussage tatsächlich haltbar? Und vor allem: Wie realistisch wäre ein solcher Umbruch im österreichischen Gesundheitssystem? campus a hat bei Experten, der Ärztekammer und der Gesundheitskasse nachgefragt.
Richard Ljuhar ist Gründer und Chief Innovation Officer von ImageBiopsy Lab, das KI-gestützte Software für radiologische Diagnosen entwickelt. Er kennt Mitchell H. Katz aus Vorträgen und Radiologenkonferenzen. Außerdem ist er mit dem amerikanischen Markt vertraut, da sich sein Unternehmen vor einigen Jahren intensiv darauf konzentrierte, doch inzwischen liegt der Fokus auf dem europäischen Kundensegment.
„Gerade bei den niedergelassenen Radiologen, die das Rückgrat der österreichischen Bildgeberdiagnostik bilden, ist der Einsatz von KI schon Standard,“ sagt Ljuhar. Vor allem in der Brustkrebsdiagnostik werde künstliche Intelligenz im Screening inzwischen breit eingesetzt. In Krankenhäusern hingegen verlaufen die Entscheidungsprozesse nach wie vor deutlich langsamer.
Die KI könne etwa unauffällige Befunde zuverlässig identifizieren. In solchen Fällen könne sie zur Triage, also zur Priorisierung von Fällen nach Dringlichkeit, und Präselektion beitragen. Gerade in Bereichen mit hohem Patientenvolumen und geringem Risiko, etwa bei der Frakturerkennung oder orthopädischen Diagnosen, wie einer Hüftdysplasie, sei der Einsatz sinnvoll. Anders sehe es jedoch bei sensiblen Diagnosen aus, etwa in der Krebsdiagnostik. Hier könne KI zwar unterstützen, etwa durch das Hervorheben auffälliger Befunde, die endgültige Beurteilung bleibe aber beim Menschen.
KI funktioniere gut bei klar definierten Fragestellungen, stoße jedoch an ihre Grenzen, wenn sie mit unbekannten Mustern konfrontiert ist, so Ljuhar weiter. „Wenn da auf dem Bild etwas ist, was die KI noch nie in den Daten gesehen hat, dann wird sie es nicht erkennen“, sagt er. Als Patient würde er aber trotzdem immer einen Radiologen wählen, der KI einsetzt.
Sorgen macht sich der Experte bei der Finanzierung sowie bei der Haftungsfrage solcher Systeme. Eine vollständig autonom agierende KI sei im aktuellen Zulassungsrahmen nicht vorgesehen. Nicht zuletzt, weil ungeklärt ist, wer im Fehlerfall die Verantwortung trägt: Hersteller, Radiologe oder IT-Anbieter. Ein gewisses Maß an menschlicher Kontrolle bleibt daher vorerst unverzichtbar.
Doch auch unabhängig davon gestaltet sich die Umsetzung schwierig. Selbst wenn die KI technisch zuverlässig arbeitet, bleibt die Kostenfrage offen. Denn wenn ein System einen Fehler macht, müssen Ärzte die Aufnahmen erneut prüfen, ein zusätzlicher Aufwand, der entsprechend abgegolten werden müsste. Der Experte plädiert daher für eine finanzielle Kompensation für diesen Mehraufwand, also dafür, dass Ärzte für die zusätzliche Kontrolle von KI-Ergebnissen bezahlt werden.
Dass Krankenhäuser künftig Personal wegen KI abbauen, hält Ljuhar aufgrund des Ärztemangels in Österreich trotz allem für unwahrscheinlich. „Es geht nicht darum, medizinisches Personal zu ersetzen. Vielmehr ist KI notwendig, um das System am Laufen zu halten“, gerade vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft und steigender Pensionierungen im Gesundheitsbereich, so Ljuhar weiter.
Radiologen sollten im Medizinstudium auch künftig lernen, unabhängig von KI zu arbeiten, betont der Experte. Kritisch sei dabei insbesondere die Gefahr, dass sich junge Ärzte, die mit KI aufwachsen, zu stark auf deren Ergebnisse verlassen.
Sascha Bunda, leitender Pressesprecher der österreichischen Ärztekammer spricht sich klar dagegen aus, Radiologen flächendeckend durch KI zu ersetzen: „KI und andere Technologien können Ärzte unterstützen, sie aber nicht ersetzen.“ Das sei nicht der Zugang der Ärztekammer.
Ein Sprecher der Österreichischen Gesundheitskasse betont die unterschiedliche Rechtslage in der EU und den USA. Der europäische AI-Act sehe unter anderem die verpflichtende Einbindung von Menschen in KI-Entscheidungen vor. „Ein vollständiger Ersatz einzelner ärztlicher Fachgruppen durch KI ohne Einbindung der Komponente Mensch ist nach derzeitiger Rechtslage unserer Einschätzung nach in Österreich aktuell nicht möglich,“ sagt ein Sprecher. Der Österreichischen Gesundheitskasse gehe es in erster Linie um die bestmögliche und sichere Versorgung der Patienten. Der Einsatz unausgereifter KI-Modelle als Ersatz für Ärzte sei daher derzeit kein Thema.
Obwohl die KI Radiologen deutlich effizienter macht und Fehlerquellen reduziert, wird es wohl in Zukunft bei einem rein unterstützenden Einsatz bleiben. Richard Ljuhar’s Fazit fällt entsprechend pragmatisch aus und deckt sich mit dem der Ärztekammer: „Die KI wird keine Radiologen ersetzen, aber sie wird diejenigen ersetzen, die keine KI einsetzen.“
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