Die Kameras klicken, Blitzlichter flackern, Designerstoffe rauschen über den roten Teppich der Grammy Awards. Zwischen Luxus und Glamour fällt ein kleines Detail auf: schwarze Anstecker mit der Aufschrift „ICE OUT“, getragen von Superstars wie Billie Eilish und Justin Bieber. Die Botschaft richtet sich gegen die US-Einwanderungsbehörde ICE, die wegen harter Maßnahmen gegen Migranten in der Kritik steht. Ohne Worte wird hier eine politische Position sichtbar.
Immer häufiger äußern sich Prominente öffentlich zu politischen Themen, beziehen Stellung oder unterstützen konkrete Kandidaten. Stars aus dem internationalen Musikgeschäft und der Unterhaltungsbranche bekennen sich für oder gegen Donald Trump. Während sie früher oft Zurückhaltung übten, um keine Zielgruppen zu verlieren, treten sie nun offensiver auf. Warum passiert das? Ist dieses Verhalten tatsächlich neu oder wirkt es durch soziale Medien nur präsenter?
Wie stark das Publikum solche Positionierungen wahrnimmt zeigt das Beispiel von Nicki Minaj, einer der bekanntesten Rapperinnen weltweit. Sie galt lange als Unterstützerin der LGBTQ-Community, setzte sich für queere Rechte ein und kritisierte die Politik von Donald Trump. Umso größer war die Irritation, als sie im Dezember 2025 bei einer konservativen Veranstaltung aus dem Trump-Lager in Arizona auftrat. Gemeinsam mit Erika Kirk, Witwe des rechten Aktivisten und Mitgründer der Organisation Turning Point USA Charlie Kirk, stand sie auf der Bühne. Ende Januar verstärkte die Rapperin diesen Eindruck bei einem Event in Washington D.C., als sie sich öffentlich als „wahrscheinlich größten Fan“ Trumps bezeichnete. Für viele Fans ein überraschender Bruch mit ihrer bisherigen Haltung.
Ein weiteres Beispiel für den sichtbaren politischen Einsatz von Prominenten lieferte Taylor Swift im US-Wahlkampf 2024. Mit einem Foto von sich und ihrer Katze erklärte sie auf Instagram, bei der Präsidentschaftswahl Kamala Harris und Tim Walz zu unterstützen. Besonders auffällig war ihre Unterschrift als „Childless Cat Lady“. Damit reagierte sie direkt auf abwertende Aussagen aus dem Umfeld von Donald Trump, die kinderlose Frauen als gesellschaftlich unbedeutend darstellten.
Für den Politikwissenschaftler Peter Filzmaier ist die zunehmende öffentliche Wahrnehmung politischer Statements von Stars kein völlig neues Phänomen. Prominente hätten sich schon immer politisch geäußert. Entscheidend sei vielmehr, wie sichtbar diese Aussagen geworden sind. Durch soziale Medien können bekannte Persönlichkeiten ihre Botschaften direkt an ein weltweites Publikum senden. Früher waren sie darauf angewiesen, dass klassische Medien ihre Aussagen aufgriffen und verbreiteten.
„Endorsements, also Wahlempfehlungen berühmter Personen, sind in den USA so alt wie die Geschichte der Wahlen selbst“, stellt Filzmaier klar. Er erinnert dabei an Superstars wie Bruce Springsteen, der bereits im Jahr 2004 John Kerry unterstützte und später auch für Barack Obama bei Wahlkampfveranstaltungen auftrat. Auch Barbra Streisand nutzte schon in den 1990er Jahren ihre Bühne für Bill Clinton, gab regelmäßig öffentliche Statements ab oder sammelte Spenden für seine Kampagnen.
Ein weiteres Beispiel für politisches Engagement: Am 13. Juli 1985 fand das Benefizkonzert „Live Aid“ gleichzeitig in Philadelphia und London statt. Es war mehr als nur ein Konzert, denn es thematisierte die verheerende Hungersnot in Äthiopien. Das Ergebnis war beeindruckend: Schätzungsweise 1,5 bis 1,9 Milliarden Menschen in rund 150 Ländern verfolgten die Übertragungen über Fernsehen und Satellit. Die Mitwirkenden sammelten mehr als 100 Millionen US‑Dollar für die Hungersnot‑Hilfe in Äthiopien.
In Österreich meldeten sich im Zuge der 68er-Bewegung bekannte Künstler und Intellektuelle zu Wort, wenn auch mit geringerer Reichweite. Ein historisches Beispiel dafür war die Aktion „Kunst und Revolution“ an der Universität Wien. Akteure des Wiener Aktionismus, wie Günter Brus, Otto Muehl und Hermann Nitsch nutzten damals ihre Kunst als radikales politisches Ausdrucksmittel. Sie wollten gesellschaftliche Tabus brechen und Missstände anprangern, was Skandale auslöste und einen gesellschaftlichen Diskurs erzwang.
Dass Prominente politisch mitmischen, zeigte sich auch im Fernsehen. „Man muss sich nur den legendären Club 2 in Erinnerung rufen“, so Filzmaier. Der ORF strahlte von 1976 bis 1995 insgesamt 1.401 Ausgaben dieser Diskussionssendung aus. Dort saßen stundenlang neben Politikern auch Künstler, Journalisten und Intellektuelle zusammen. Mangels fixer Redezeiten entwickelten sich die Diskussionen dynamisch und intensiv.
Auch in der vernetzten Öffentlichkeit reagieren Menschen sofort auf politische Aussagen, oder auf deren Ausbleiben. Wer sich zu einem brisanten Thema nicht äußert, vermittelt oft unbeabsichtigt Desinteresse oder Ablehnung. Absolute Neutralität ist in der modernen Medienwelt kaum noch möglich.
Haben Prominente heute also mehr Einfluss als klassische Institutionen? Da Politiker und Parteien als Berufsgruppen mit einem Negativimage zu kämpfen haben, können bekannte Persönlichkeiten mit gutem Ruf tatsächlich etwas bewirken. Laut Filzmaier geht es dabei allerdings nicht so sehr um den Einfluss auf das Wahlverhalten. Studien zeigen, dass prominente Menschen zwar kaum Wähler der Gegenseite überzeugen, jedoch sehr wohl ihre eigenen Fans mobilisieren.
Peter Filzmaier findet es gut, dass neben Politikern und Parteien auch bekannte Persönlichkeiten politische Debatten führen. Wichtig sei dabei, dass echte Menschen diskutieren und nicht Trolle oder Bots im Netz.
Stars können sich freier äußern als Abgeordnete. Einen Grund dafür sieht Filzmaier in der politischen Landschaft: „In Österreich herrscht oft ein regelrechter Zwang zur Parteidisziplin. Zentralen geben ein exaktes Wording vor, das die Vertreter dann als ihre eigene Meinung verkaufen müssen.“ Solche Vorgaben engen den demokratischen Diskurs ein. Im Parlament stimmen Abgeordnete meist streng entlang der Parteilinie ab, obwohl Artikel 56 der Bundesverfassung eigentlich ein freies Mandat vorsieht.
Zurück auf dem roten Teppich: Die Kameras sind längst weitergezogen, doch das Bild bleibt. Ein kleiner Anstecker, festgehalten auf tausenden Fotos, geteilt, kommentiert, diskutiert.
Einen Missbrauch ihrer Reichweite durch Prominente sieht Filzmaier jedenfalls nicht. „Eine politische Meinung zu haben ist kein Privileg von Normalsterblichen.“
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