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TAnzTAge Wien: Sichtbar Kreise ziehen mit Raphael Miro Holzer

Das Performance Art Festival TAnzTAge Wien ist eine neue Plattform für interaktive Präsentation und kollektiver Erarbeitung. „Ich bin ein prozessorientierter Mensch“, sagt Gründer Raphael Miro Holzer. Gemeint ist damit nicht nur seine eigene Arbeit, sondern eine Haltung, die eine neue Generation prägt: weg vom Warten auf Institutionen, hin zum Aufbau eigener Strukturen.
Lena Funke  •  18. April 2026 Redakteurin    Sterne  100
Applaus als kollektiver Moment bei TAnzTAge Wien und für Raphael Holzer (vordere Reihe rechts) ein Sinnbild für Gemeinschaft, Sichtbarkeit und die verbindende Kraft des zeitgenössischen Tanzes. (Foto: Pius Aurel)
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Vom 4. bis 12. April lud die Erstausgabe der TAnzTAge Wien, ein Festival für zeitgenössische Tanzperformances, zu Premieren und Workshops mit unabhängigen Choreografierenden, Ensembles und Tanzbegeisterten ein. Der Choreograf, Kurator und Pädagoge Raphael Miro Holzer initiiert und kuratiert mit dem Programm eine Mitbringselstruktur für die lokale und internationale Tanzszene.

Als Kind fand seine erste Tanzbegegnung mit seiner Mutter und der belgischen Choreografin und Tänzerin Anna Teresa De Keersmaeker im contemporary Workshopprogramm des ImPulsTanz Festivals statt. Heute schafft der gebürtige Wiener Strukturen zum Bleiben, wie die Tanzkompanie vanholzers (2021) und das unabhängige Zentrum für zeitgenössische Choreografie Bluebox Hub (2025). Die Weltpremiere von „Le Sacre du AI“, eine Variation von „Le Sacre Du Printemps“ von Igor Stravinksy, feiert er im Rahmen einer Triple Premiere bei TATA. Das gemeinschaftliche Ritual schaltet mit körperverbundenem Licht, provokantem Witz und makaberem Körperausdruck dem Publikum die Sinne aus und wieder ein.

Im Gespräch mit Raphael zeichnet sich das Ziehen von Kreisen als wiederkehrendes Motiv ab: Nicht im Sinne geschlossener Systeme, sondern als menschengemachte Bewegungen, die sich überlagern und betonen, weiterführen und transformieren.

campus a: Warum Tanz?

Holzer: Tanz kann ausdrücken, was man fühlt, ohne dafür Worte zu brauchen. Tanz ist ein Im-Moment-Sein, wo man die Erfahrung spürt und sie mit den Anwesenden teilen kann.

campus a: Anfang 2024 sahst du in der österreichischen Tanzszene einen „vorsichtigen Aufbruch“. Wo stehen wir gerade?

Holzer: Alle geförderten Institutionen sind gerade im Umbruch oder haben einen hinter sich, auch im Sinne von Umstrukturierung. Was mich beeindruckt ist, dass die neue Generation unabhängiger Kunstschaffender sich mutig durchboxt und eigene Strukturen schafft.

campus a: Was sind deine utopischen Vorstellungen von solchen Strukturen?

Holzer: TAnzTAge Wien ist ein Projekt der ersten Generation, welches neugierig macht auf Neues, auf das, was Tanz alles sein kann. Eine Brücke für neue Stimmen der Choreografie. Es besteht durchaus die Hoffnung, dass das kulturelle Bewirtschaften Wiens nicht nur aus eigener Tasche stattfinden muss. 

campus a: Diese Brücke hast du mit einer choreografierenden und einer kuratorischen Hand gebaut. Wie ist das Miteinander dieser Hände am gleichen Körper?

Holzer: Choreografie und Kuration sind für mich ähnliche Rollen, wie auch Pädagogik. Der Terminus pädagogos ist altgriechisch für führen und begleiten, so verstehe ich auch meine choreografische Arbeit. Ich arbeite bewusst außerhalb der etablierten Institutionen, weil meine Kunst kuratorisch angepasst ist an die Menschen, mit denen ich arbeite und umgekehrt.

campus a: Das Workshopprogramm mit unter anderem dem „Pina Bausch Lab“ und dem „Alleyne Dance Repertoire“ fand im Bluebox Hub statt. Wie lädt der Raum zu Zusammenkunft ein?

Holzer: Bluebox Hub ist ein Dachboden, eine Art Artistic Box, für professionelle Tanzende. TATA ist ein Open Space für alle Levels. Die Workshops sind ein einladender Zugang zur Kunstform: Ich sehe etwas auf der Bühne, kann ins Studio gehen um das Gesehene selbst zu lernen. 

„THE FRIDAS“ von Komoco/ Sofia Nappi ist ein Duett mit Paolo Piancastelli und Adriano Popolo Rubbio, das von dem Gemälde „Die zwei Fridas“ von Frida Kahlo inspiriert ist und sich mit menschlicher Identität auseinandersetzt. (Foto: Claudio Montanari)

campus a: Welchen kuratorischen Ansatz hast du bei der Auswahl von „THE FRIDAS“ von Komoco/Sofia Nappi und „HOME“ der Alleyne Dance Kompanie verfolgt?

Holzer: Zugehörigkeitsgefühl ohne Zielgruppe. Für Sofia Nappi ist es ein persönliches Anliegen eine italienische Kompanie zu sein, die in Italien ansässig ist. Alleyne Dance macht viel Community- und Jugendarbeit in England und beim ImPulsTanz kennt man sie von den Public Moves. Das Publikum erfährt eine kuratorische Perspektive: Was macht das mit mir, wenn 30 Tanzende sich gemeinsam wie ein Vogelschwarm bewegen? Was manifestiert sich, wenn da eine Holzbank mit zwei Tänzern ist? Beides kann dieselbe Intensität an Gefühlen rauskitzeln. 

Die Performance „HOME“ von Alleyne Dance , mit Tanzenden des Bluebox-Ensembles, setzt sich mit Themen wie Zugehörigkeit, der Bedeutung von Zuhause sowie den Auswirkungen von Veränderung und Ankommen auseinander. (Foto: Raphael Mittendorfer)

campus a: Am 11. April öffnete das Odeon Theater für die Triple Premiere die Türen. Was bedeutet dir der Ort?

Holzer: Das Odeon ist für mich ein zeitspezifisches Theater. Ich habe als Kind meinen Mentor Ismael Ivo dort performen sehen und erinnere mich an eine Performance bei der Regengeräusche zu hören waren. Alle waren überzeugt es gehe um Regen. Nach 90 Minuten gingen ins Freie, wo es die ganze Zeit geregnet hatte, was man durchlässig auf der Bühne gehört hatte. Wir hatten den Bezug zur Realität verloren, so wie man im Butoh oft auch den Bezug zur Zeit verliert. Obwohl alle Performances bei den TAnzTAgen auf eine Black Box bestanden haben, öffneten letztendlich zwei von drei Vorführungen die schwarzen Vorhänge, wohinter die Fresken zu sehen waren. 

campus a: Mit enblößten Hintern davor.

Holzer: Das musste sein. Da sieht man wieder meine künstlerische Handschrift.

Das Odeon Theater wurde Ende des 19. Jahrhunderts im Stil der Neorenaissance gebaut und bei den TAnzTAgen Wien mit der Gegenwart von vanholzers betanzt. (Foto: Raphael Mittendorfer)

campus a: Wovon war deine Beziehung zu dem brasilianischen Tänzer, Choreografen und Co-Gründer vom ImPulsTanz Ismael Ivo geprägt?

Holzer: Parallelen, die noch kreisen. Als er nach Wien kam, hat er auf einer Matratze bei meinem Vater geschlafen. Als Teenager habe ich an der MUK den Vorbereitungslehrgang in Kombination mit der Schule in der Boehavegasse studiert und war frustriert mit der Hierarchie im Ballett. Beim ImPulsTanz bin ich dann ausgerechnet in Ismaels Workshop gestolpert. Er hat mir meine eingeschachtelte Tanzvorstellung aus dem akademischen Kontext mit Spiegel und Ballettstangen geöffnet und gesagt: „Schau mal, da gibt es noch ganz andere Bewegungssprachen, einen zeitgenössischen Raum, da kannst du dich selber verwirklichen“.

Ich wollte von Anfang an Choreograf werden. Er hat mir geraten erstmal als Tänzer zu lernen. 2021 ist Ismael am Tag der Abgabe meiner Bachelorarbeit in São Paulo verstorben.

campus a: „No Sacre“, Ismael Ivos Variation von Stravinsky, bespielte beim ImPulsTanz 2013 ebenfalls das Odeon Theater, ihr scheint noch verbunden. Mit „Le Sacre du AI“ greifst du einen der kanonischsten Stoffe der Tanzgeschichte auf. Was war dein Ausgangsimpuls?

Holzer: Mit meinen 31 Jahren eigentlich eine Anmaßung. Wir leben im Frühling der künstlichen Intelligenz. Wo verbleibt die menschliche Emotion oder Intelligenz oder Kreativität in diesem neuen Zeitalter? Ich habe mich an dem Originalwerk und den Aufzeichnungen der Uraufführung mit Vaslav Nijinsky im Théâtre des Champs-Élysées im Jahr 1913 orientiert.

In „Le Sacre Du AI“ ist es, statt nur einem Körper, eine gesamte Gruppe, die an den Punkt einer opfernden Systemüberladung geführt wird. Es wird eine posthumanistische Situation geschaffen, in der alle Körper, auch die der Zuschauenden, gemeinsam mit Druck, Rhythmus der Wiederholung und Erschöpfung konfrontiert werden. 

„Le Sacre du AI“ von Raphael Miro Holzer greift den Mythos von „Le Sacre du Printemps“ von Stravinsky auf: Ein kollektives Ritual, das die Rückkehr des Lebens durch Opferung feiert. (Foto: Raphael Mittendorfer)

campus a: Auf die malerischen Kostüme bei „THE FRIDAS“ folgte der mit einem Suspensorium versehene Körper von Tanztalent Valentin Thalmayr. Welche Idee steckt hinter dieser ästhetischen Entscheidung den Menschen als so pur und ergeben zu inszenieren?

Holzer: Die erste Szene ist die Repräsentation einer Geburt. Der Fokus ist der Körper mit seiner Haut, seinem Fleisch und seinen Geräuschen. Es geht um die Erschöpfung, das Außer-Atem-Sein, den Überlebenskampf. Dramaturgisch war es mir deshalb wichtig, die Brutalität des aufschlagenden Körpers hörbar zu machen. Die Choreografie verwendet zwar die genderneutrale Partneringtechnik, aber das nicht abgefederte Aufkommen auf dem Boden ist echt. 

campus a: Der Schlüsselmoment des kollektiven Rituals lag für mich in einer triebhaften Sequenz, die mit der Stimme eines französischen Kommentators hinterlegt war. Im Solo etabliert Valentin Thalmayr eine Bewegungskette, in der er sich in den Schritt fasst und die Namen von Igor Stravinsky und Sasha Waltz stöhnt. 

Holzer: Der Moment ist einer der ältesten Fragmente des Stückes. Es geht um die Rückkehr zu den natürlichen Elementen, die uns runtergebrochen als Menschen ausmachen. Das ganze Stück manipuliert die Perspektive und Sinne der Zuschauenden, ein essenzieller Teil meines Body of Work. Ich nehme ihnen die visuellen und auditiven Sinne weg, um sie dann kontrolliert wieder aufzubauen, bis man die ganze Choreografie sieht.

Die Bewegungssprache vom Solo ist eine leichte Verarsche des poshen Tanzwissenschaftlers, einmal echt, einmal mit KI generiert, der sich auf das Namedropping einen runterholt. Die anschließende Entlarvung durch das Trio ist meine postmoderne Wurzel, die ich nicht ganz abschütteln konnte.

Die Körper der Tänzer Michael Sellner, Valentin Thalmayr, Eloy Cojal (v.l.n.r.) in “Le Sacre du AI” greifen Bewegungen auf und legen dabei die Bruchstellen zwischen Ernst und Überzeichnung offen. (Foto: Raphael Mittendorfer)

campus a: Ich hatte den Eindruck, dass durch die Anwesenheit von Hunderten von Menschen beim Abschlussapplaus des Triple Bills die Stimmung mit Verbundenheit und Gemeinschaft geladen war. Ist das der Kern der TAnzTAge Wien?

Holzer: Tanz ist Performancekunst und wenn sie nicht gesehen wird, stellt sich die Frage, ob sie überhaupt stattgefunden hat. Beim geteilten Abend entsteht ein Dialog, der sich um Sichtbarkeit, ums Teilen, um Community dreht. Repräsentation im Studio, auf der Bühne und bei den Zuschauenden: Das kann nur ein Festival.

campus a: Welche Entwicklungen wünschst du dir für die nächste Festivalausgabe im Jahr 2027?

Holzer: Die TAnzTAge Wien werden wachsen, der Wille ist da. Wir werden Orte wie das Odeon Theater und Das Margareten bespielen. Stimmen wie die der spanischen Tänzerin und Choreografin Lorena Nogal werden sich mit weiteren unabhängigen Choreografierenden und Kompanien aus Italien, Kanada, Mexiko und Australien die Bühne teilen. Ich freue mich einfach, dem Wiener Publikum andere Bewegungsqualitäten zeigen zu dürfen.

Raphael Miro Holzer arbeitet international als preisgekrönter Choreograf, Kurator und Gründer der Tanzkompanie vanholzers, einer österreichischen, interdisziplinären Plattform für zeitgenössische Tanzwerke in Dialog mit anderen künstlerischen Disziplinen. Seine Arbeiten wurden in Europa, darunter Österreich, Italien, Spanien, Norwegen, den Niederlanden, Bulgarien und Portugal, sowie in Brasilien, Kanada und den USA präsentiert. Holzer absolvierte das Institut del Teatre in Barcelona und wurde von Kunstschaffenden wie Lorena Nogal (La Veronal), Ismael Ivo (Biennale di Venezia/Impulstanz), Lance Gries (Trisha Brown Company) und Evgeny Kozlov (Do-Theater) geprägt. 2021 entstand sein erstes Stück „Desire de Paragüas“, das in Spanien tourte. Im selben Jahr wurde er von der Zeitschrift Fila Zero als einer der „Top 10 Upcoming Dance Artists“ in Spanien ausgezeichnet und erhielt eine Kommission für ein Duo von den EU Mies Architecture Awards. 2022 war er Choreograf-in-Residence bei Dantzaz Company (San Sebastián) und im Centro Coreográfico Canal (Madrid). 2023 kehrte er nach Österreich zurück und präsentierte im Rahmen von Tanztage23 einen Triple Bill im Posthof Linz. 2024 feierte „remember to“ Premiere im State Music and Ballet Center Sofia für Ballet Arabesque. 2025 gründete er den Bluebox Hub in Wien und begann die Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Werner de Valk, unterstützt von BRUT Wien und Toplocentrala Sofia. Kürzlich erhielt er den „Best Choreography Award“ beim Moving Body Festival für seinen mehrfach preisgekrönten Tanzfilm „Truth is in the Details“, der derzeit auf internationalen Filmfestivals gezeigt wird.


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