Marcus Ihlenfeld, Co-Founder der österreichischen Kinderfahrradmarke woom, stand bei der APA in Wien und wirkte angespannt. Er lächelte kurz und sagte: „Das ist meine erste Pressekonferenz.“ Die Veranstaltung fand im Rahmen des Forums Wellpappe Industrie statt.
woom entwickelt handliche Kinderfahrräder und zählt heute zu den bekanntesten Marken in diesem Segment. Rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten in Österreich und den USA. Das Unternehmen produziert jährlich etwa 400.000 Fahrräder und erzielt seit der Gründung 2013 einen Umsatz von rund 750 Millionen Euro, davon 150 Millionen Euro im Jahr 2025.
Der Anfang liegt in einer Wiener Garage. Marcus Ihlenfeld und Christian Bezdeka suchen nach passenden Fahrrädern für ihre Töchter und finden keine überzeugende Lösung. Sie entwickeln eigene Modelle, die Gewicht, Geometrie und Handhabung an die Bedürfnisse von Kindern anpassen. Dafür analysiert das Unternehmen die Körperproportionen von mehreren hunderttausend Kindern und entwickelt Fahrräder aus deren Perspektive, statt lediglich Erwachsenenräder zu verkleinern. Heute beliefert woom Märkte in vierzig Ländern.
Im Interview mit campus a spricht Marcus Ihlenfeld über den Weg vom Garagenprojekt zur internationalen Marke und warum Langlebigkeit für woom eine wichtige Rolle spielt.
Co-Founder von woom Marcus Ihlenfeld (Foto: com_unit/RichardTanzer)
campus a: Wann war Ihnen klar aus dem Garagen-Projekt wird ein Unternehmen?
Marcus Ihlenfeld: Einen klaren Moment gab es nicht. Am Anfang stehen Idee und Produkt, gleichzeitig bleibt die Unsicherheit, ob sich überhaupt jemand dafür interessiert. Der entscheidende Schritt kam mit dem ersten Verkauf an jemanden außerhalb unseres Umfelds. Das zeigte, dass das Produkt am Markt funktioniert. Nach rund 300 verkauften Rädern kündigte ich meinen Job. Von da an entwickelte sich daraus schrittweise ein Unternehmen. Wie groß es einmal werden würde, konnten wir damals nicht einschätzen.
campus a: Wie lange hat es gedauert, bis das Unternehmen dann so richtig ins Rollen gekommen ist?
Marcus Ihlenfeld: Am Anfang stehen typische Hürden, etwa die erste Million Umsatz oder der Sprung auf zehn Millionen. Mit jeder Marke steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Unternehmen etabliert. Diese Einordnung kannten wir damals noch nicht. Selbst bei zwanzig oder dreißig Millionen Umsatz sahen wir weiteres Potenzial. Kundenfeedback und steigende Bestellungen bestätigten diese Entwicklung.
campus a: Haben Sie und ihr Co-Founder Christian Bezdeka die ersten Fahrräder tatsächlich alle selbst gebaut?
Marcus Ihlenfeld: Ja, die ersten hundert Fahrräder haben wir vollständig selbst gebaut. Wir fertigten jedes Modell von Grund auf und passten die Komponenten an. Jedes der fünf Modelle hatte eine eigene Kettenlänge, die wir händisch zuschnitten. Auch die Logos klebten wir selbst auf. Dieser Prozess prägte die Anfangsphase stark. Wenn ich heute eines dieser frühen Fahrräder sehe, erkenne ich sofort, ob ich es selbst zusammengeschraubt habe.
campus a: Woom produziert heute in mehreren Ländern, etwa in Bangladesch oder Portugal. Wie haben Sie den Übergang von eigener Produktion zur externen Fertigung erlebt?
Marcus Ihlenfeld: Die Auslagerung brachte Entlastung, gleichzeitig entstand ein Risiko, weil Qualität nicht allein über Spezifikationen gesichert werden kann. Wir mussten regelmäßig vor Ort sein und die Produktion kontrollieren. Parallel dazu haben wir gezielt Menschen ins Unternehmen geholt, die einzelne Bereiche besser abdecken als wir. So konnten wir Verantwortung schrittweise abgeben. Wir sind gerne die Dümmsten im Raum, so macht die Arbeit Spaß.
campus a: Wie steht woom zum Secondhand Markt, etwa über Plattformen wie Refurbed?
Marcus Ihlenfeld: Wir bewerten ihn positiv. Unsere Produkte sollen möglichst lange genutzt werden. Entscheidend bleibt die Präsenz entlang des gesamten Nutzungswegs. Kundinnen und Kunden entscheiden selbst, wo sie kaufen. Deshalb setzen wir auf mehrere Vertriebskanäle.
campus a: Wie stellen Sie sich den Lebenszyklus eines woom Fahrrads vor?
Marcus Ihlenfeld: Ein Fahrrad kann über Jahrzehnte genutzt werden. Verschleißteile wie Reifen oder Bremsbeläge lassen sich austauschen. Die Konstruktion ermöglicht einfache Reparaturen. Darauf haben wir die Produkte ausgelegt.
campus a: Ihre Fahrräder liegen preislich über vielen Alternativen. Wie erklären Sie diesen Unterschied?
Marcus Ihlenfeld: Die Anschaffungskosten liegen über denen einfacher Fahrräder. Gleichzeitig bleibt der Wert über längere Zeit stabil. Kinder benötigen regelmäßig eine neue Größe, deshalb spielt der Wiederverkaufswert eine wichtige Rolle. Unsere Fahrräder erzielen auch nach einigen Jahren noch einen vergleichsweise hohen Preis. Dadurch relativieren sich die Einstiegskosten.
campus a: Welche Bedeutung hat der US-Markt für woom und worin unterscheidet er sich von Europa?
Marcus Ihlenfeld: Der US-Markt zählt neben Deutschland zu den wichtigsten Märkten und trägt rund 20 bis 25 Prozent zum Umsatz bei. Aufgrund der Größe müssen einzelne Regionen wie eigenständige Märkte behandelt werden.
campus a: Welche Herausforderungen bringt das schnelle Wachstum für woom mit sich?
Marcus Ihlenfeld: Das Wachstum betrifft die gesamte Organisation. Strukturen entwickeln sich oft langsamer als das Unternehmen selbst. Bei hohen Wachstumsraten geraten einzelne Bereiche unter Druck. Abteilungen müssen parallel aufgebaut und weiterentwickelt werden. Die zentrale Aufgabe besteht darin, Schwachstellen früh zu erkennen und konsequent zu verbessern.
campus a: Wie sieht die Zukunft von woom aus?
Marcus Ihlenfeld: Wir entwickeln unsere Produkte kontinuierlich weiter und sehen keinen Punkt, an dem ein Modell abgeschlossen ist. Parallel treiben wir die internationale Expansion voran und erschließen weitere Regionen außerhalb Europas. Weltweit gibt es weiterhin Märkte mit Wachstumspotenzial für hochwertige Kinderfahrräder.
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