Auslandsreisen überlässt er heute gerne seinen jüngeren Kollegen. Doch es gab Zeiten, da übernachtete Krone-Redakteur Christian Hauenstein pro Woche in sechs Hotels in sechs verschiedenen Ländern. Mag die Weltpolitik für viele komplex wirken, für ihn ist sie etwas Alltägliches und zutiefst Menschliches. Die Geheimnisse für eine ertragreiche Recherche und eine gelungene Berichterstattung fasste er in einem Treffen mit der campus a-Redaktion in folgenden Ratschlägen zusammen.
Das Wichtigste für alle im Ressort Außenpolitik ist: Reisen, reisen, reisen. Es ist wichtig, sich die Welt anzusehen und mit unterschiedlichen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zu reden. „Einmal gerochen ist besser als hundert Mal gelesen“, so Hauenstein.
Wer nicht vor Ort sein kann, wendet sich am besten an regionale Agenten, sogenannte „Fixer“, die an schwer zugänglichen Orten wie Kriegsgebieten Telefon-Interviews mit Ortsansässigen vermitteln.
„Open Source Intelligence“-Gruppen auf Messenger-Diensten wie Telegram bieten sich ebenso für die Recherche an. Darin sammeln Nutzer Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen, um verwertbare Erkenntnisse zu gewinnen. Oft sind diese Gruppen schneller als herkömmliche Presseagenturen. Das Wissen, welche Informanten vertrauenswürdig sind, wächst mit der Zeit.
Die wichtigsten Quellen sind trotzdem Nachrichtenagenturen, das Fernsehen, Magazine und Zeitungen. Hauensteins Favorit ist die Neue Zürcher Zeitung. Ihre Berichterstattung zur Außenpolitik zählt zu den besten. Das verdankt sie nicht zuletzt ihrer Vielzahl an Korrespondenten, die aus verschiedenen Ecken der Welt berichten. „Wenn sie gerade nicht über die furchtbaren Folgen des Wiener Sozialwohnbaus für das Kapital schreiben, sind sie für ein eher konservatives Medium überraschend objektiv“, sagt Hauenstein.
Welche Geschichten gut ankommen, entscheiden im Boulevard nicht die Journalisten, sondern das Publikum. Was geografisch näher liegt, interessiert Leser und Seher eher. Finden in Nepal und Berlin zeitgleich Wahlen statt, ist die Frage, welche Story besser zieht, rasch beantwortet.
Hinzu komme die Polarisierung, so Hauenstein. Im Prinzip liest das Publikum alles, was polarisiert. Aktuell sind das die Ukraine, Gaza und ganz besonders Israel: „Menschen lieben es, sich über einander zu ärgern.“
Von allen Ländern, die Christian Hauenstein besuchte, war Turkmenistan seiner Meinung nach am skurrilsten. Präsident der totalitären Republik ist Serdar Berdimuhamedow. Das Amt erhielt er von seinem Vater Gurbanguly Berdimuhamedow, der wiederum als Leibzahnarzt von Turkmenistans erstem Präsidenten die Staatsführung nach dessen Tod übernahm. (Foto: Anna-Katharina Patsch)
„Ich bin eher zufällig zur Außenpolitik gekommen“, erzählt Hauenstein. Seine Kleidung dürfte ihm dabei geholfen haben. Nach einigen Jahren in der Lokalredaktion, verfasste er Reportagen zu Gerichtsverfahren. Richter und Anwälte waren stets gut gekleidet. „Also erschien auch ich täglich im Anzug. Unserem damaligen Chefredakteur gefiel das anscheinend und er schickte mich in die Außenpolitik.“
Steht eine Auslandsreise an, ist es ratsam, Kontakt zu Journalisten in dem betreffenden Land aufzunehmen. Hauenstein empfiehlt Österreichern, andere österreichische Journalisten zu suchen, die dort arbeiten. Auch Einheimische haben die richtigen Kontakte und können weiterhelfen.
Berufskollegen aus dem Ausland begegnen Journalisten generell mit großer Hilfsbereitschaft, da keine Konkurrenz um dasselbe Publikum besteht. Gute Anlaufstellen sind hier die größte Zeitung oder der größte Sender im Land. Ausländische Organisationen, Politiker oder Führungspersonen aus Zivilgesellschaft und Religion lassen sich oft nur über lokale Redakteure erreichen.
Wie in anderen Ressorts ist auch in der Außenpolitik die regelmäßige Nachrichtennutzung wichtig. Für Hauenstein besteht das tägliche Ritual aus dem Morgenjournal auf Ö1 um acht. Dann folgen der Spiegel, ORF ON, die Neue Zürcher Zeitung, die Süddeutsche Zeitung und die Deutsche Presse-Agentur.
Über jedes Land auf dem Laufenden zu bleiben, ist zwar unmöglich, doch mit der Erfahrung entwickelt sich ein Gefühl für das internationale Geschehen. „Wenn die Thailänder und die Kambodschaner wieder aufeinander schießen, weiß ich etwa: Es wird keinen Krieg geben“, erklärt Hauenstein und fügt hinzu: „Im Schnitt geraten die beiden alle fünf Jahre aneinander.“ Dennoch kann der eigene Instinkt bisweilen falsch liegen.
Gewisse Themen, etwa die Konflikte in der Ukraine oder Gaza, setzen zum Textverständnis bereits einiges an Vorwissen voraus. Es stellt sich die Frage: Wo soll der Bericht das Publikum abholen? In dem Fall bleiben nur zwei Möglichkeiten:
Die Vorgeschichte vermengt sich mit der Berichterstattung.
Oder die Vorgeschichte bleibt weg. Das bietet sich vor allem bei Platzmangel an oder in Berichten, wo ein Verständnis ohne umfangreiche Vorkenntnisse ohnehin nicht möglich wäre.
Beide Wege sind legitim.
Online-Stories sind tendenziell zu lang. „Wer hat die Geduld, so lange Geschichten zu lesen?“, fragt Hauenstein. „Das mach nicht mal ich, obwohl es Teil meiner Arbeit wäre. Die sinkende Leserschaft von Qualitätszeitungen kommt nicht von ungefähr.“ Geschichten können gut sein, aber sind sie zu lang, liest sie kaum jemand.
Besondere Vorsicht ist bei Auslandsreisen in die Vereinigten Staaten geboten. In den USA existieren mehr als hundert verschiedene Arten von Visa. Das richtige Visum, Respekt vor dem Immigration Officer und Ehrlichkeit sind für eine Einreise erfolgsentscheidend.
Hauenstein kennt hierzu ein Praxisbeispiel: „Vor einigen Jahren reiste ein befreundeter Musikredakteur mit einem Touristenvisum in die USA. Angesprochen auf das Diktiergerät in seinem Koffer antwortete er, er würde Madonna interviewen. In diesem Fall wäre eine Lüge doch besser gewesen. Denn jetzt verlangte der Beamte ein Arbeitsvisum.“ Die Reise endete am Flughafen.
Das Weltgeschehen mag kompliziert und chaotisch wirken, aber es hilft, sich die Menschlichkeit aller Akteure ins Gedächtnis zu rufen, rät Hauenstein. Egal ob Putin, Netanyahu oder Trump, sie sind alle Menschen. Auch sie haben Ängste, Kummer und Freuden. Ihre Konflikte sind grundsätzlich nicht komplexer als Streitigkeiten unter Kindern im Sandkasten. „Der eine sagt zum anderen, «Das ist mein roter Kübel und nicht deiner», und zack, schlägt er ihm die Schaufel über den Schädel. Es ist überall gleich.“
Alle wollen ihren roten Kübel oder ihre grüne Schaufel haben. Auf der Weltbühne wie im Sandkasten endet es nur friedlich, wenn sich die Konfliktparteien aussöhnen. Für Hauenstein ist klar: „Außenpolitik ist nicht schwer zu verstehen. Es menschelt sehr.“
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