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Wicked 2: Gesellschaftskritik im Glitzerkleid

Der zweite Teil des Oscar-prämierten Film-Hits „Wicked“ legt den schillernden Mantel der Unterhaltung ab. Es geht um Propaganda und Machtmissbrauch im Land des Zauberers von Oz. Am Ende bleibt die Frage: Kann das Gute siegen, wenn die lauteste Stimme die Wahrheit bestimmt?
Lara Asmus  •  18. November 2025 Volontärin    Sterne  100
Cynthia Erivo und Ariana Grande vor dem Filmposter von Wicked (Foto: Shutterstock)
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Der Schmerz schießt ihr durch den Kopf, Elphaba presst die Hand an die Schläfe, doch der Wind packt sie wie eine unsichtbare Faust. Er wirbelt sie herum, rupft an ihrem Mantel, peitscht ihr das Haar ins Gesicht. Der Sturm heult so laut, dass jeder eigene Gedanke darin verstummt, während Zweige wie kleine Klingen über ihre Haut schrammen. Plötzlich steht sie im Zentrum eines Tornados. Über ihr rotiert ein Haus, als wäre es nur ein Spielzeug des Sturms. In dieser zerstörerischen Spirale flackert das Gesicht ihrer Schwester auf, ein Schrei ein Blick, eingefroren in Angst und darauf folgt ein dumpfer Knall. Danach nur Dunkelheit.

Wicked, Teil eins des Musicalfilms, erzählt die Geschichte der Außenseiterin Elphaba, die wegen ihrer grünen Haut Diskriminierung erlebt und an der Zauberschule Shiz auf die beliebte Glinda trifft. Die beiden werden trotz anfänglicher Rivalität enge Freundinnen. Elphaba entdeckt, dass der Zauberer, der das Land beherrscht, ein manipulatives Regime führt, Tiere unterdrückt und Propaganda verbreitet. Zudem hat er entgegen seiner Behauptungen keine magischen Kräfte. Als sich Elphaba weigert, Teil seines unterdrückenden Systems zu werden, erklärt sie sein Regime zur „Bösen Hexe“. Glinda bleibt zurück unter der Obhut des Zauberers. Elphaba flieht und dieser Konflikt bildet die Grundlage für Teil zwei.

Kontroverse um Warnhinweise

Der Film Wicked sorgt für Kontroversen, weil die britische Film­ Aufsicht BBFC eine Warnung herausgab, zumal Elphabas Diskriminierung ihrer grünen Hautfarbe geschuldet ist. Zuschauer empfanden diese Warnung als überzogen und lächerlich. Auch Kritik am Marketing und an der computergenerierten Grafik häufte sich.

Auf dem roten Teppich

Die Presse-Tour zur Erscheinung des zweiten Teils von Wicked war erneut von Kontroversen geprägt. Fans hinterfragen nach wie vor die enge Beziehung zwischen Ariana Grande und Cynthia Erivo. Schon bei der ersten Presse-Tour tauchten Zusammenschnitte auf Social Media auf, in denen die beiden Darstellerinnen Händchen hielten, verschwörerisch flüstern und sich umarmten. Bei der Presse-Premiere in Singapur für Teil Zwei rettete Erivo ihre Freundin Grande vor einem auf den roten Teppich stürmenden Angreifer. Der musste für neun Tage hinter Gitter. Erivos Beschützerinstinkt schien größer zu sein als jener der Sicherheitskräfte.

Eine eingeschworene Crew

Der gesamte Cast von Wicked ist so eng wie kein anderer miteinander verbunden und Fans fragen, was dahintersteckt. Ist es der hohe Leistungsdruck? Bei Grande und Erivo zeichnen sich jedenfalls die Anstrengungen des Filmdrehs ab. Beide Darstellerinnen stürzten sich mit Herzblut und Emotion in ihre Rollen. Regisseur John M. Chu ließ beide Teile von Wicked in 160 langen Drehtagen filmen.

Weltweit erfolgreich

 Wicked ist die weltweit erfolgreichste Musicalverfilmung. Während Gerüchte besagen, dass das Marketingbudget 2024 genauso hoch wie bei Barbie (2023) war, also bis zu 150 Millionen Dollar betrug, gab es rund um Wicked 2 weniger Trommelwirbel. Schließlich können die Produzenten inzwischen auf eine stabile Fan-Base bauen.

Der erste Teil war eher langsam und zeigte vor allem herzerwärmende Szenen mit Schulkameraden. Dann waren da noch die Romanze Glindas mit Prinz Fiyero (Jonathan Bailey) und die schönen Augen, die der Adelige Elphaba machte. Macht es der zweite Teil besser? campus a war bei der Vorpremiere dabei.

Für das Gute?

 Im Klassiker, „Der Zauberer von Oz“, stand ein gelber Backsteinweg für Sicherheit und den Weg zum Zauberer, einem Herrscher, der sich der Sorgen seines Volkes annimmt. In der ersten Szene von Wicked 2 ist dieser Weg nun Sinnbild der Unterdrückung der Tiere. Soldaten in smaragdgrüner Uniform peitschen zusammenbrechende Bisons beim Bau des Weges aus. Die Rebellin Elphaba kommt den Tieren auf ihrem Besen zu Hilfe.

Erivo erzählt in Interviews immer wieder von ihrem extremen Trainingsplan, dem Flug auf dem Besen und den vielen Stunts, die sie selbst machte. Stimmlich erbrachten sie und Grande mit zwei von Stephen Schwartz neu komponierten Songs wieder Hochleistungen. In Kombination mit der Symbolik der ausgeklügelten pink schwarzen Kostüme spürt das Publikum die Magie von Oz.

Propaganda und Macht

Glinda wird als Gute zum Gegengewicht für Elphaba. Sie reist per Seifenblase durchs Land, was wie Magie wirkt, aber bloß Täuschung des Zauberers ist. Wicked zeigt auf, wie mächtig Propaganda sein kann, Poster, Flyer und die Kontrolle der Nachrichten ermächtigen den Zauberer zur absoluten Herrschaft. Trotz der atemberaubenden Fassade der Smaragdstadt, sind die Bewohner geprägt von Hass und Angst vor den Feinden des Zauberers.

Produzent Chu gelingt mit aussagekräftigen Bildern eine klare Gesellschaftskritik: die lauteste Stimme entspricht nicht automatisch der Wahrheit. Volksheldin Glinda ist nur eine Marionette, eingeschüchtert durch die tatsächlich mächtige Hexe Madame Akaber (Michelle Yeoh), Schulleiterin von Shiz. Als Glinda es wagt, sich aufzulehnen, stößt Madame Akaber sie in einen Haufen Propaganda Poster, auf denen ihre Freundin Elphaba als Feindbild zu sehen ist. Weil Glinda pink trägt, Glitzer mag und etwas naiv durch die Welt geht, hält Madame Akaber sie für wenig intelligent.

Vorhersehbar und antifeministisch?

Obwohl der Film sich stark an der Freundschaft zwischen Elphaba und Glinda orientiert, braucht die klassische Hollywood Produktion eine Liebesgeschichte. Vorhersehbar: Prinz Fiyero ist der Grund für Streit zwischen den beiden Heldinnen des Films.

 Aus Eifersucht liefert Glinda Elphabas Schwester Nessarose an den Zauberer aus. Doch dabei verliert Nessarose als Figur deutlich an Tiefe: Im ersten Teil war sie noch wichtig, in Wicked 2 wirkt ihre plötzlich böse Art dagegen nur wie ein Mittel, um die Handlung voranzutreiben. Ihre eigene Geschichte spielt kaum noch eine Rolle. 

Zweifel an der Antiheldin

Als Elphaba mit ihrem Besen über Oz hinwegzieht, entdeckt sie ein klaffendes Loch in der gelben Ziegelstraße. Die sprechenden Tiere verlassen Oz, auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Elphaba trifft ihr Kindermädchen, eine Bärin, wieder und ruft sie und die übrigen Tiere dazu auf für ihre Heimat zu kämpfen. Die Tiere haben aber bereits keine Hoffnung mehr und vertrauen Elphabas guten Absichten nicht.

In einem Song fürchtet das Publikum, Elphaba habe sich nun endgültig dem Bösen zugewandt, sie singt, sie werde nie wieder eine gute Tat begehen, denn niemand erkenne ihre Güte. Dieses Lied lässt den Zuschauer an der Antiheldin zweifeln. Hilft sie den Tieren nur für ihren eigenen Ruhm? 

Ein bitteres Finale (Achtung, Spoiler!)

Die Luft flimmert, jeder Schritt versinkt lautlos im Aschemeer, als verschlucke der Boden selbst die Erinnerung an Bewegung. Eine Wüste, nur noch erbarmungsloser, deren Konturen wirken, als hätte der Wind sie ausradiert. Nach Oz liegt das Niemandsland, wo nichts wächst, und es keine Hoffnung gibt. Während in Oz noch der Tod Elphabas gefeiert wird, suchen die grüne Hexe und ihr Begleiter, die Vogelscheuche, nach einer neuen Zukunft jenseits der Ödnis.

Das Ende lässt das Publikum mit Fragen zurück. Freundschaft kann über politische und ideologische Konsequenzen hinweg bestehen. Dennoch verliert Regimekritikerin Elphaba alles, während Glinda, die sich nie für eine Seite entscheiden kann, als die Gute und neue Herrscherin von Oz in die Geschichte eingeht. Ist Widerstand also zwecklos?


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