Dank Social Media und Pandemie erfreuen sich Stricken, Häkeln, Sticken und Knüpfen steigender Beliebtheit. In den Öffis sind strickende Fahrgäste längst normal. Zwischen Großmüttern und jungen Frauen finden sich auch schon strickende Männer jeden Alters.
Nun ist der nordenglische Garnproduzent Rowan Yarns auf den Trend aufgesprungen. In einer Scheune in den schottischen Highlands lud er in Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen TV-Sender Channel 4 zur Spielshow Game of Wool: Britain’s Best Knitter (Spiel der Wolle: Britanniens bester Stricker). Eine Jury aus zwei Modedesignerinnen kürt im Verlauf von zehn Episoden die Siegerin oder den Sieger. Seit Serienstart am 2. November sorgt das Format für Kontroversen.
„Die Menschen hassen es“, sagt eine langjährige Strickerin und Zuschauerin aus Wien. „Die Show stellt Stricken als ein nutzloses und schrulliges Hobby dar, ohne auf den technischen Anspruch und die Mathematik dahinter einzugehen.“ Davon abzulenken, gelingt auch dem Star der Show nicht, den die Produzenten als Blickfang angeheuert haben. Der olympische Ex-Turmspringer und Hobbystricker Tom Daley wirkt als Posterboy und Moderator von Game of Wool.
Die Kritikpunkte der Strickgemeinschaft reichen von Inkompetenz der Jury bis hin zu Respektlosigkeit gegenüber Kandidaten und Handwerk. Teils erhalten KI-generierte Bilder mehr Bildschirmzeit als die gestrickten Werke der Kandidaten. Vom Prinzip ähnelt Game of Wool erfolgreichen Gameshows wie The Great British Bake Off, zu Deutsch: Das große Backen. Verbunden mit Reality-TV-Einflüssen treten zehn Kandidaten gegeneinander an. Im Verlauf von zehn Episoden scheidet jedes Mal ein Teilnehmer aus, bis nur noch der oder die Beste übrig bleibt.
Jede Episode stellt die Teilnehmenden vor Einzel- und Gruppenaufgaben. Solo-Aufgabe von Folge eins war es, einen Pullunder im Stil der Fair Isle zu entwerfen und binnen zwölf Stunden zu stricken. Selbst erfahrene Stricker brauchen dafür mehr als zwölf Stunden, und im Normalfall strickt, den Handgelenken zuliebe, niemand so lange am Stück.
Besonders auf den Shetland Inseln, der Heimat der Fair-Isle-Technik, stieß die Episode auf Unmut. In einem offenen Brief warf der Strickverband Shetland Stitch Club der Show „kulturelle Aneignung und eine offensichtliche Missachtung der Stricktradition Shetlands“ vor.
So etwa hatte Game of Wool die Kandidaten für die Aufgabe extra mit einem für Fair Isle untypisch dicken Garn versorgt, um die Strickzeit zu verkürzen. Zudem bestand das Garn, entgegen der Tradition, nicht aus der Wolle von Shetland-Schafen. „Wir kennen bereits eine Menge von Marken, die versuchen, die Fair-Isle-Tradition zu Geld zu machen, ohne auch nur einen Fetzen Shetlandwolle zu verwenden“, heißt es bei dem lokalen Verband.
Dabei nahm das Produktionsteam bei der Recherche Kontakt zu den traditionellen Fair-Ilse-Strickern auf. Die drehten auf Bitte des Studios Videos über den Fair-Ilse-Stich. Doch die Mühe war umsonst. Game of Wool strich das Videomaterial zum Ärger der Hersteller aus dem finalen Schnitt.
Zum Affront der Fair Isle-Bewohner schied Gordon, der einzige Kandidat, der im traditionellen Fair-Isle-Stil strickte, in der ersten Runde aus. (Foto: Game of Wool/Rowan Yarns)
Weitere Fettnäpfchen folgten. So verkauft Garnproduzent Rowan Yarns Kits mit den Designs der Kandidaten zum Selberstricken für Zuhause um stolze 100 bis 160 Euro pro Stück. Die Kandidaten hatten keinen Anteil an den damit erzielten Gewinnen. Der Vorwurf kreativer Ausbeutung liegt im Raum.
Während die Kandidaten inmitten von gestrickter Hunde- und Bademode mit jeder Folge sichtlich erschöpfter wirken, zuckt das Publikum über jede neue, gezwungen exzentrische Aufgabenstellungen vor Fremdscham zusammen. „Mittlerweile schaue ich die Serie nur noch wegen den niedlichen Lämmern, die über den Bildschirm hüpfen“, schrieb etwa eine Zuseherin auf dem Diskussionsforum Reddit. In Zwischensequenzen tauchen die Schafe der Farm regelmäßig auf.
Dennoch ist Game of Wool gerade wegen seiner Schwächen das Hauptgesprächsthema der Strickszene. Polarisierung durch gezielte Provokation, damit halten die Produzenten die Reichweite hoch. Reality-TV wie es sein sollte.
Die Shetländer dürften trotz aller Diskussionen von der Show profitieren. Sie kämpfen derzeit um kulturelle Anerkennung. Der örtliche Strickverband sieht Game of Wool als Anlass, um den Fair-Isle-Stich ähnlich dem französischen Champagner, italienischen Parma-Schinken oder den schottischen Tweed-Jacken mittels eingetragener Herkunftsbezeichnung international zu schützen. Wann vergleichbare Shows auch in Kontinental-Europa starten, dürfte nur eine Frage der Zeit sein.
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