Es gibt Momente, die bewusst machen, wie weit der digitale Fortschritt bereits sein könnte, und andere, in denen die Kluft zwischen Realität und Vision deutlich wird. Ein Besuch im Amt, das Ausfüllen eines Formulars, ein behördlicher Service, der längst digitalisiert sein sollte – in vielen anderen Ländern ist dies bereits eine Sache der Vergangenheit, während wir in Österreich oft zwischen Papier und Pixeln feststecken.
Statistiken untermauern dieses alltägliche Empfinden. Zwar nutzen 70 Prozent der österreichischen Bevölkerung digitale Behördendienste, was im Europavergleich sehr gut ist, doch diese Einzelstärke verdeckt tiefere Probleme, die viel gravierender sind. In den Bereichen digitale Infrastruktur, Verfügbarkeit von IT-Fachkräften und Nutzung moderner Technologien in Unternehmen bleibt Österreich deutlich hinter den europäischer Zielvorstellungen zurück.
Im Rahmen der „Digitalen Dekade“ haben sich die EU und Österreich das Ziel gesetzt, bis 2030 eine umfassend digitalisierte, vernetzte und kompetente Wirtschaft sowie Verwaltung zu schaffen. Aktuelle Berichte zeigen jedoch, dass der Fortschritt nur schleppend voranschreitet. Hinzu kommt der Schatten des Ukraine-Kriegs, der seit 2022 die Prioritäten in den europäischen Haushalten massiv verschoben hat. Verteidigungsausgaben steigen, und sicherheitspolitische Fragen dominieren zunehmend die politische Agenda.
Dieser Mechanismus ist auch in Österreich spürbar. Während Milliardenbeträge in Verteidigung, Infrastruktur und die Bewältigung von Krisenfluten fließen, gerät die Digitalisierung ins Stocken. Der Ukraine-Krieg hat nicht nur die sicherheitspolitischen Prioritäten verändert, sondern auch die finanziellen Spielräume, die für die digitale Transformation zur Verfügung stehen. Diese Entwicklung könnte sich langfristig als nachteilig erweisen.
Ökonomische Studien warnen, dass dieser finanzielle Druck schwerwiegende langfristige Konsequenzen nach sich ziehen kann. Wenn die Digitalisierung nicht ausreichend finanziert oder immer wieder hinausgeschoben wird, wächst die Abhängigkeit von analogen Prozessen, veralteten Verwaltungsstrukturen und isolierten Digitalisierungsprojekten. Forschungsergebnisse aus ganz Europa zeigen, dass Verzögerungen in der Digitalisierung nicht nur den Komfort der Bürger, sondern auch die wirtschaftliche Entwicklung beeinträchtigen, Unternehmen schwächen und Innovationen bremsen können.
Das fühlt sich zuweilen an, als würde Österreich im falschen Takt tanzen. Sicherheit dominiert das politische Denken, während die Digitalisierung im Hintergrund im Schritttempo vorankommt. Angesichts der geopolitischen Lage Europas, die zweifellos nach mehr Sicherheit verlangt, stellt sich die Frage, welchen Preis wir zahlen, wenn die Zukunft zur bloßen Randnotiz verkommt.
Am Ende bleibt ein Land zurück, das sowohl verteidigt als auch verwaltet werden muss und dessen digitale Leistungsfähigkeit darüber entscheidet, ob es in zehn Jahren modern und zukunftsfähig oder veraltet und stagnierend ist. In einer Zeit, in der internationale Krisen, technologische Umbrüche und wirtschaftliche Konkurrenz gleichzeitig auf Europa einwirken, ist Österreich gefordert wie selten zuvor – nicht nur militärisch, sondern auch strukturell. Ein Land kann Mauern bauen, doch ohne Digitalisierung bleibt es verletzlich.
Wie lange kann sich Österreich also diesen digitalen Rückstand leisten, bevor es spürbare Folgen zeigt?
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